«Schweizer Bahnen»
Ein Buch darüber, wie ein Trimbacher Ehrenbürger die Schweiz bergwärts brachte

Hans-Peter Bärtschi zeigt in seinem Buch, wieso Olten zum Eisenbahnknotenpunkt wurde und wie Niklaus Riggenbach die Rigi bezwang.

Lorenz Degen
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Das neue Buch von Hans-Peter Bärtschi.

Das neue Buch von Hans-Peter Bärtschi.

zvg

Nächsten Mai wird er in aller Munde sein, wenn die Vitznau-Rigi-Bahn ihr 150-jähriges Jubiläum feiert: Niklaus Riggenbach, 1863 zum Ehrenbürger von Trimbach ernannt, brachte die erste europäische Zahnradbahn zum Laufen. Wie es dazu kam, welche ökonomischen und sozialen Bedingungen zu diesem kühnen Projekt nötig waren, ergründet Hans-Peter Bärtschi in einer sehr gelungenen, umfassenden Publikation zur Schweizer Bahngeschichte. Auch die Gründe für Olten als Knotenpunkt werden aufgezeigt.

Der Name Bärtschi ist eine gewichtige Grösse in der Szene der so genannten «Industriearchäologie». Sehr früh schon fotografierte der Winterthurer das, wofür sich kaum jemand interessierte: Stätten der Arbeit wie Produktionshallen und Fabrikgebäude. Er überlieferte damit bildhaft eine mittlerweile verschwundene Epoche der industriellen Schweiz. Auch deren Niedergang verfolgte er aufmerksam mit seiner Kamera, die maroden Areale, gesprengten Kamine und verschrotteten Gerätschaften dokumentierend. Etliche seiner bereits erschienenen Publikationen legen davon reiches Zeugnis ab.

Diesmal spannt Bärtschi den Bogen weit, er umgreift mehr als eineinhalb Jahrhunderte. Sein Werk erfüllt zwar keinen wissenschaftlichen Anspruch, dazu reicht sein nur rudimentäres, auf gerade mal einer Seite zusammengefasstes Quellenverzeichnis nicht aus. Die nicht sparsam gesetzten Fussnoten indes belegen die zahlreichen Fakten seiner Studie, in der sich der Autor auch immer wieder kritisch reflektierend zu Entscheiden und Auswirkungen äussert. Erzählen ist nicht seine Stärke, die Sätze sind oft knapp gehalten, jedoch vermittelt er eine Fülle von Informationen, angereichert mit Zahlen und Daten.

Bärtschi ist es gelungen, die vielschichtigen politischen Verläufe, die unterschiedlichen Akteure und die wirtschaftlichen und sozialen Aspekte in eine übersichtliche Erzählstruktur einzugliedern. Drei Phasen dienen ihm zur Abgrenzung. Die erste Phase habe von 1844 bis 1903 gedauert und orientiert sich an der Vor-Bundesbahnzeit. In der zweiten Phase von 1904 bis 1963 und der dritten von 1963 bis 2023 sieht er die Bahnen als Einnahmequelle für die Industrie (Phase 2) und die Bau- und Ausrüstungswirtschaft (Phase 3). Dieser Ansatz ist neu und interessant.

Erstaunen tut die Jahreszahl 2024 im Titel. Will der Autor eine Geschichte niederschreiben, die sich noch gar nicht ereignet hat? Im Inhaltsverzeichnis ist nur von 2023 die Rede, verwunderlich genug . Beginnt dann eine neue Zeitrechnung? Bedauerlich, dass der Autor auf ein Namens- und Ortsregister verzichtete. Diese leserfreundlichen Instrumente hätten ein rasches Auffinden von sachbezogenen Beschreibungen ermöglicht. Sehr gelungen ist die reiche Bebilderung. Hier schöpft der Autor aus der Tiefe seines wertvollen Archives und wird, wie manche Abbildungen zeigen, auch selber noch zum Künstler.

Hinweis
Hans-Peter Bärtschi: Schweizer Bahnen 1844-2024, Mythos, Geschichte, Politik. Orell Füssli Verlag, Zürich 2019. 392 Seiten.