Kienberg
Ein Bijou kommt endlich ins Museum

Der Webstuhl des letzten Posamenters wird in der Ballyana Schönenwerd zu neuem Leben erweckt. Allerdings rechnen die Weberei-Fachleute damit, gut und gern zwei Jahre aufzuwenden, bis sie die Maschine wieder zum Laufen bringen.

Urs Amacher
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Der Bandwebstuhl wurde letzten Samstag verladen und ins Ballyana-Industriemuseum nach Schönenwerd gebracht.

Der Bandwebstuhl wurde letzten Samstag verladen und ins Ballyana-Industriemuseum nach Schönenwerd gebracht.

Urs Amacher

Letzten Samstag war ein Team von acht Freiwilligen aus Kienberg und von der Ballyana im Einsatz, um einen Bandwebstuhl zu zügeln. Anwesend dabei war auch Gemeindepräsident Adriana Gubler. Nach jahrelangem Dornröschenschlaf soll der Webstuhl des letzten Kienberger Bandwebers im Ballyana-Industriemuseum Schönenwerd wieder in Betrieb genommen werden. Allerdings rechnen die Weberei-Fachleute damit, gut und gern zwei Jahre mit Tausenden von ehrenamtlichen Arbeitsstunden aufzuwenden, bis sie die Maschine wieder zum Laufen bringen.

Eine einst blühende Heimindustrie

Vor hundert Jahren ratterten um die achtzig Bandwebstühle in der Gemeinde Kienberg. Mit dem Tod von Albert Strub, der in seiner Stube am Enerfeldweg den inzwischen letzten Bandwebstuhl in Heimarbeit betrieben hatte, ging 1978 diese Ära der Posamenterei endgültig zu Ende. Alberts Bruder Paul Strub engagierte sich für die Erhaltung dieses bedeutenden Zeugen der einst blühenden Heimindustrie. Er schenkte ihn der Gemeinde Kienberg, die den Webstuhl in einem ursprünglich als Veloraum für das Schulhaus vorgesehenen Abstellraum einlagerte.

 Albert Strub, der letzte Besitzer des Bandwebstuhls in Kienberg (undatierte Aufnahme).

Albert Strub, der letzte Besitzer des Bandwebstuhls in Kienberg (undatierte Aufnahme).

Zur Verfügung gestellt

Als nun anderweitiger Bedarf für diesen Raum angemeldet wurde, nahm sich Christian Schneider, während zehn Jahren Präsident der Gemeinde am Fusse der Salhöhe, der Sache an. Da es in absehbarer Zeit wohl kein Dorfmuseum in Kienberg geben wird, suchte er den Kontakt mit Spezialsammlungen. Mit der Ballyana in Schönenwerd, die den Webstuhl zusammen mit dem Verein Webstuhlrattern in Liestal übernimmt, konnte die Gemeinde nun eine Lösung finden. Der letzte Bandwebstuhl von Kienberg wurde am letzten Samstag demontiert und das rund zwei Tonnen schwere und viereinhalb Meter lange Stück über den Jura transportiert. Das Industriemuseum Ballyana an der Schachenstrasse 24 in Schönenwerd übernimmt ihn als Dauerleihgabe für mindestens die nächsten zehn Jahre.

Ein programmierbarer Webstuhl

Der Kienberger Bandwebstuhl ergänzt die Sammlung Ballyana bestens. Er ist technisch etwas Besonderes: Er wird nämlich mit «Lochkarten», genauer gesagt mit langen breiten Lochstreifen, gesteuert. Er unterscheidet sich jedoch vom sogenannten Jacquard-Webstuhl, bei dem mit der Lochstreifensteuerung die Kettfäden einzeln gehoben und gesenkt werden können, sodass man eigentliche Bilder weben kann. Bei Albert Strubs Bandwebstuhl können nur ganze, in sogenannte Schäfte eingezogene Gruppen von Kettfäden gehoben oder gesenkt werden. Dies erklärte Hermann Käseberg, der bis zur Pensionierung als gelernter Webermeister bei der Firma Bally Band Schönenwerd arbeitete. Strubs Webstuhl hat immerhin fünfundzwanzig solcher Gruppen. Mithilfe der Lochstreifen können immerhin Bänder mit einer Musterung hergestellt werden. Strub hatte vorwiegend breite Bänder verfertigt, die als Schleifen an Grabkränze angebracht werden.

Die Neuerwerbung der Ballyana Schönenwerd trägt auf dem hölzernen Böckli der Weblade die Zahlen «1. 8. 1952». Diese Datumsangabe bezeichnet aber nicht die Herstellung des Bandwebstuhls, sondern bezieht sich nur auf den Zeitpunkt einer Revision. Beim Webstuhl selber aber ist noch die alte Mechanik zum Antrieb mit einem Transmissionsriemen vorhanden. Daraus schliesst Webermeister Käseberg, dass dieser Webstuhl zwischen 1905 und 1908 gebaut wurde. Er stand also ursprünglich in einer Fabrik. Erst später mit der Versorgung der Dörfer im Niederamt mit elektrischem Strom wurde er auf individuellen Elektroantrieb umgerüstet und in der Heimposamenterei eingesetzt.