Wenn der Otto Normalverbraucher einen Anwalt aufsucht, so muss er schnell einmal tief in die Taschen greifen. Sagt man sich zumindest im Volksmund. Dass es auch anders geht, beweist die Gemeinde Erlinsbach SO: Sie bietet ihren Einwohnern einmal pro Monat eine unentgeltliche Rechtsauskunft an. Durchgeführt wird sie vom Aarauer Rechtsanwalt Alexander Schawalder.

Jeweils zu Beginn des Monats begibt er sich in die Räumlichkeiten der Erlinsbacher Gemeindeverwaltung und berät eine Stunde lang. «Es kam auch schon vor, dass ich über zwei Stunden vor Ort war», erzählt Schawalder im Konferenzraum seiner Kanzlei im Aarauer Schachen. Wie viele Leute seine Hilfe an einem Abend in Anspruch nehmen, sei sehr unterschiedlich, sagt der Anwalt. Manchmal drei, manchmal acht, manchmal käme aber auch niemand.

Häufig: Streit unter Nachbarn

So unterschiedlich die Anzahl der Klienten, so unterschiedlich sind auch deren Anliegen. Von Ehe- über Miet- bis hin zu Arbeits- und Strafrecht ist alles dabei. «Es handelt sich um alle Gebiete, die der Mensch in seinem täglichen Leben antrifft», erklärt Schawalder. Besonders oft würde zum Beispiel über Nachbarschaftsstreitigkeiten diskutiert. Einmal kam etwa eine Stockwerkeigentümerin bei ihm in die Beratung und berichtete von Streitereien mit ihren Nachbarn. «Sie werde gemobbt und die Anwohner würden ihr explizit das Leben schwermachen», erinnert sich der Anwalt, der ihr rechtliche Tipps, wie sie sich zukünftig verhalten könnte, mit auf den Weg gab.

«Eineinhalb Jahre später kamen dann die Nachbarn zu mir in die Beratungsstunde und erzählten ähnliche Dinge über die erste Klientin.» Auch diesen Anwohnern habe er rechtliche Verhaltenstipps gegeben.

Denn: «Eine pfannenfertige Lösung, wie sie manche Menschen von mir erwarten, habe ich nicht immer», stellt der 56-Jährige klar. «Ich höre mir die Sachverhalte und die Problemstellungen der Leute an, manchen kann ich helfen, einigen nicht so, wie sie es vielleicht erwarten.»

Es komme auch vor, dass eine Person einen Rechtsanspruch zu haben glaubt, den sie nicht hat. Dann werde dies den Ratsuchenden entsprechend mitgeteilt. Oder dass der Anwalt eine Frage nicht beantworten könne, wenn es sich beispielsweise um spezifische Fragen in besonderen Rechtsgebieten handle. Zu seinem Fachgebiet zählen Familien-, allgemeines Vertrags-, Miet-, Ausländer-, Arbeits-, Nachbarschafts-, Straf- und Strassenverkehrsrecht.

«Auch wirtschaftlicher Anreiz»

«Die meisten Hilfesuchenden, die in Erlinsbach die Beratung aufsuchen, sind zwischen 40 und 70 Jahre alt», weiss Alexander Schawalder, der selbst seit 19 Jahren auf seinem Beruf tätig ist. Dass das Angebot gefragt ist, zeigt die Tatsache, dass manchmal auch Leute aus anderen Gemeinden die Räumlichkeiten der Erlinsbacher Gemeindeverwaltung aufsuchen: «Ich hatte auch schon Beratungsgespräche mit Einwohnern von Schönenwerd oder Dulliken.»

Die Gemeinde Erlinsbach bietet die besagte unentgeltliche Rechtsauskunft seit vielen Jahren an. «Bestimmt seit 20 Jahren», meint Beat Baumann, der Erlinsbacher Verwaltungsleiter, und ergänzt: «Wir haben damit angefangen, weil das umliegende Gemeinden auch pflegen.» Ein kurzer Blick auf die Websites einiger Niederämter Gemeinden zeigt ein differenziertes Bild: Erlinsbach scheint die einzige Gemeinde mit diesem Angebot zu sein. Die Erklärung dafür liefert Schawalder gleich selbst: «Beim Anwaltsverband des Kantons Aargau ist diese Praxis weit verbreitet.» Mancherorts gäbe es gar wöchentliche Angebote, dann jedoch nicht auf Gemeinde-, sondern auf Bezirksebene.

Der Rechtsanwalt ist in Erlinsbach seit neun Jahren mit im Boot. Darauf aufmerksam wurde er durch seinen Kanzleikollegen, der in der Gemeinde wohnte und diese Tätigkeit vor ihm ausübte.

Wieso bietet ein Rechtsanwalt eine kostenlose Beratung an, wenn er in der gleichen Zeit auch Geld verdienen könnte? Weil es ab und zu auch vorkomme, dass Klienten der Rechtsberatung in Erlinsbach zu Mandanten werden. Dann nämlich, wenn sich der Sachverhalt nicht innerhalb des kurzen Beratungsgesprächs klären lasse. Zumindest ein wenig Gutmütigkeit spielt bei Schawalder aber auch mit: «Ich arbeite gerne mit Menschen und versuche, durch die Kurzberatungen Hilfestellungen zu bieten.»