Winznau

Dorfgeschichte im Vorbeigehen: Der Kulturweg bietet Einblick in die Geschichte des Dorfes

Einst hätten dem Aarekanal entlang Gleise für einen Industrieanschluss stehen sollen: Nun ist es in Winznau ein Ort der Erholung und der Kultur.

Das heitere Herbstwetter animiert zu Spaziergängen in der Umgebung. In Winznau führt ein schöner, ebener und leicht erhöhter Weg dem Aarekanal entlang. Wo heute Frauen und Männer mit Kindern und Hunden über einen Mergelweg flanieren, sollte eigentlich ein Gleis liegen. «Beim Bau des Aarekanals war vorgesehen, ein Industrieanschluss von Olten bis hier in die Ebene von Winznau zu verlegen. Darum wurde der Damm so breit und stark ausgeführt», berichtet Daniel Gubler. Doch Schienen wurden nie verlegt, die Dammkrone blieb begehbar.

An diesem prächtigen Herbstmorgen zeigen sich nur wenige Spaziergänger auf dem Kulturweg, der zu rund zwei Dritteln auf dem Kanaldamm verläuft. 24 Tafeln entlang der Aare, vom Fussballplatz bis Tripolis, thematisieren die Geschichte von Winznau und seiner Umgebung. Die auf Augenhöhe angebrachten Tafeln sind in einem Metallrahmen befestigt, gut lesbar und ansprechend gestaltet. «Der Kulturweg hat für unsere Gemeinde eine grosse Bedeutung», unterstreicht Gubler. Konkrete Zahlen, wie viele Leute sich die Tafeln pro Jahr anschauen, gibt es zwar keine. Gubler ist aber überzeugt, dass etliche der Jogger, Hündeler und Spaziergänger hin und wieder vor einer Tafel anhalten.

Die Anfänge des Kulturweges liegen in der Stube von Hans Brunner. Der ehemalige Primarlehrer und Konservator des Historischen Museum Olten beobachtete eines Tages, dass am Kanal alte Pappeln gefällt und dahinter plötzlich die Menschen sichtbar wurden, die sich auf dem Kanalweg fortbewegten. «Kennen diese Leute etwas von Winznau», hat sich Brunner von seinem Balkon aus gefragt. Da die meisten nicht aus Winznau stammen, wollte er ihnen das Dorf und seine Vergangenheit nähebringen: «Der Kulturweg soll die Geschichte von Winznau in die Welt hinaus tragen.»

Brunner setzte sich an seinen Schreibtisch und entwarf auf zwei A3-Blätter Textskizzen und Stationen für einen Weg mit Informationstafeln, die er dem damaligen Gemeindepräsidenten Kurt Uehlinger vorlegte. Der war hell begeistert davon: «Das musst du machen», habe er sofort zu Brunner gesagt. Doch die fehlenden Finanzen drohten das Projekt abzuwürgen. «Es gab kein Budget dafür», erinnert sich Brunner, der ehrenamtlich arbeitete. 1500 Franken kostete eine Tafel: Die Fassungen mussten betoniert, die Tafeln beschriftet und gedruckt, die Stützen errichtet werden. «Der Einwohnerammann glaubte, es brauche dafür eine Steuererhöhung», erinnert sich Brunner. Dank der Stiftung von Gret Flückiger-Hulliger und Firmen, die umsonst arbeiteten, konnten die Kosten tief gehalten werden. Die spontan entstandene Idee wurde Wirklichkeit: Am 16. Juni 2007 wurde der Kulturweg eingeweiht. Ein Jahr später besuchte ihn der Gesamtregierungsrat auf seinem Schulreisli.

Winznau hat nichts mit Rebbau zu tun

Die Tafeln sind nicht chronologisch, sondern thematisch gestaltet. «Niemand verpasst eine Epoche, wenn er eine Tafel auslässt», sagt Gemeindepräsident Gubler. Thematisiert weden unter anderem die ehemaligen Fährverbindungen, die Tunnelbaustelle, die Aareüberschwemmungen oder die Funde aus der Urzeit. Eine Tafel thematisiert das Wappen und den Dorfnamen und stellt falsche Annahmen richtig.

So hat Winznau nichts mit einer Rebgemeinde zu tun, sondern geht vermutlich auf den alemannischen Vornamen Win(i)zo zurück. Der Ortsname bedeutet folglich «Aue des Winizo». Das Wappen entstand «in aller Eile», wie die Tafel besagt, zur Landi 1939. Ein Siegel aus dem 19. Jahrhundert mit einem Baum und grünen Eichenblättern wurde von «sachverständigen» Leuten zu einem Rebzweig umgedeutet, hält Brunner auf der Tafel nicht ohne Ironie fest. Das Wappen blieb.

Kaum mehr vorstellbar ist heute, dass lange Zeit Pläne verfolgt wurden, die Aare bis Olten schiffbar zu machen. Erst 1989 wurde von der Bundesversammlung die Mindesthöhe von 6,25 Meter für Brücken und Pfeilerabstände von 25 Metern aufgehoben. Aus Winznau wäre vielleicht ein Hafendorf geworden. Mit Gleisanschluss.

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