Schönenwerd

Dieser Bally-Nachfahre hält die Geschichte der Schuhfabrik am Leben

Philipp Abegg gründete vor fast 20 Jahren die Ballyana-Stiftung in Schönenwerd. Er ist Experte der Firmen- und Familiengeschichte. Und er weiss selbst unzählige Anekdoten zu erzählen.

Philipp Abegg verschwindet schnell in den hinteren Teil im Ausstellungsraum der Stiftung Ballyana in Schönenwerd. Wenige Augenblicke später kommt er zügigen Schrittes zurück. Er steigt über das Seil, das die historischen Webstühle vor allzu neugierigen Besuchern schützen soll.

Kaum betätigt Abegg den roten Knopf, beginnt der Webstuhl zu rattern. Drei weisse und zwei rote Bänder werden automatisch gewoben. Abegg lächelt: «Ist das nicht grossartig?» Seine Frage beantwortet der Präsident der Stiftung für Bally Familien- und Firmengeschichte gleich selbst: «Ich habe noch niemanden gesehen, der an einem solchen Webstuhl vorbeilaufen konnte, ohne ‹Wow› zu sagen.»

Bally-Nachfahren retten die Geschichte

Die Halle in einem Industriegebäude an der Schachenstrasse 24 ist vollgepackt mit der 200-jährigen Industriegeschichte von Bally. Die Stiftung hat es sich zur Aufgabe gemacht, die privaten Hinterlassenschaften von Bally-Familienmitgliedern, ehemaligen Arbeitern oder privaten Sammlern zu erhalten.

Als die Schuhfabriken im Jahr 2000 geschlossen wurden, bestand die Gefahr, dass die Archive und Privatnachlässe verscherbelt werden. Abegg und vier andere Bally-Nachfahren beschlossen: «Das wollten wir verhindern. Mich hätte das zu sehr geschmerzt.»

«Nicht deswegen, sondern trotzdem»

Denn für den heute 54-Jährigen ist die Bally-Geschichte auch Familiengeschichte. Seine Urgrossmutter war die Enkelin von Carl Franz Bally, ihre Brüder und Cousins übernahmen um 1900 den Betrieb. Sie heiratete einen Sohn der Familie Matter aus Kölliken AG, die Inhaber einer Schuhbänder-Fabrik. Der Grossvater arbeitete dann sein Leben lang für Bally im Management. Und auch Abeggs Vater stieg in das Familienunternehmen ein.

Bis 1976 der grosse Schock folgte: Der Finanzspekulant Werner K. Rey erlangte die Aktienmehrheit an Bally und verkaufte das Unternehmen ein Jahr später. «Ich war damals zwar erst zehn Jahre alt, aber ich kann mich gut an diese Zeit erinnern. Danach war Bally für meine Eltern und Grosseltern ein Tabuthema», erzählt Abegg. «Nicht deswegen, sondern trotzdem» engagiere er sich seit 20 Jahren für den Erhalt der Firmengeschichte.

«Nur selten haben wir Dubletten.»

Denn 2000 gründete er die Ballyana-Stiftung, die er seither präsidiert. Die Gruppe startete bei Null. Doch schon bald kamen Bally-Schätze von überall her zu ihnen. «Unsere Sammlung wurde immer grösser. Und lustiger», sagt Abegg.

Der Jurist kennt Hunderte Anekdoten: Von der Geschichte der Sohlen-Durchnähmaschine, die 1870 in den USA hergestellt wurde, bis zum Liebesbrief, den ein Arbeiter einer Arbeiterin in «himmeltraurigem Hochdeutsch» geschrieben hat und der noch auf seine Einordnung in das Archiv im Keller des Gebäudes wartet. «Hier sind wir in unserem Herzstück», verkündet Abegg fast feierlich. Tagebücher, Geschäftsakten, Bally-Schuhe, Fotomaterial, Gemälde. Alle sind fein säuberlich in die Regale eingeordnet. Rund 50 ehrenamtliche Stiftungsmitglieder kümmern sich darum. Die Gegenstände stammen aus Privathaushalten. «Wir behalten eigentlich alles», sagt Abegg. «Nur selten haben wir Dubletten.»

Nächste Sonderausstellung ist in Arbeit

Aus diesem reichhaltigen Fundus stellen die Helfer immer wieder Sonderausstellungen zusammen. Seit mehr als einem Jahr arbeitet etwa eine zehnköpfige Ausstellungskommission an «Bally Monsieur»: Die Sonderausstellung über Herrenschuhe feiert am 29. Oktober Eröffnung. Abegg ist an vorderster Front mit dabei – und investiert unzählige Stunden. Das sei es aber wert. Denn: «Das hier ist für die Ewigkeit, darum machen wir uns keinen Stress.»
Der Bally-Konzern will eigenes Archiv behalten

Unter Druck steht die Stiftung trotzdem. Pro Jahr braucht sie 50'000 Franken, um Archiv und Ausstellung aufrechterhalten zu können. «Für unsere Ambitionen und um den Betrieb am Laufen zu halten, bräuchten wir eigentlich die öffentliche Hand im Rücken», sagt Abegg. Weder Gemeinde noch Kanton könnten der Stiftung jedoch unter die Arme greifen.

Ein lange gehegter Wunsch

Aufgeben kommt für Abegg überhaupt nicht infrage. Im Februar 2018 gab die jetzige Eigentümerin JAB Group bekannt, dass der chinesische Textilkonzern Shandong Ruyi eine Mehrheit an Bally übernimmt. Das historische Firmenarchiv sowie die Schuhsammlung gehören der Firma Bally und sie befinden sich noch immer in Schönenwerd. Abegg würde am liebsten das Ballyana-Archiv mit dem Bally-Archiv zusammenführen. «Das ergäbe die grösste Sammlung an Industriegeschichte in Europa.»

Bevor Abegg die Gäste verabschiedet, bemerkt er auf dem Empfangstresen neben der Eingangstür ein kleines Büchlein, das ein Besucher abgegeben hatte. «Schon wieder ein neues Stück für unsere Sammlung», sagt Abegg und schmunzelnd. Sofort blättert er durch die vergilbten Seiten. Sie sind voller Grundrisse der damaligen Häuser der Angestellten. Abegg hält den kleinen Schatz in den Händen. «Das ist gut, das haben wir noch nicht in unserem Archiv.»

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