Amtsgericht Olten-Gösgen

Diese Frage ist noch offen: Was geschah in jener Nacht?

Am ersten Verhandlungstag erhielten alle Beteiligten die Gelegenheit, sich zum Vorfall vor sechs Jahren zu äussern.

Drei Geschichten, eine Nacht

Am ersten Verhandlungstag erhielten alle Beteiligten die Gelegenheit, sich zum Vorfall vor sechs Jahren zu äussern.

Ein 46-Jähriger soll zwei Frauen mehrfach vergewaltigt und genötigt haben. Vor Gericht wehrt sich der Beschuldigte jedoch gegen sämtliche Vorwürfe.

Drei Personen wissen, was in jener Nacht im April 2013 in einer Wohnung in Dulliken vorgefallen ist. Für Aussenstehende klingt das Geschehene wie aus einem Horrorfilm: Der Beschuldigte Herbert S.* soll in jener Nacht zwei junge Frauen mehrfach vergewaltigt, sexuell genötigt, erpresst und der Freiheit beraubt haben.

Die Tat ereignete sich in einem Loft im Hugi-Wohnhaus. Fast sieben Stunden lang dauerte der Horror an. Während Cindy M.* unbekleidet und gefesselt im Schlafzimmer frierend auf dem Bett lag, war der Beschuldigte mit Fabienne T.* im Wohnzimmer.

Angeklagter streitet alles ab

Am Mittwoch erhielten alle Gelegenheit, vor dem Amtsgericht Olten-Gösgen ihre Sicht der Dinge darzulegen. Herbert S. machte den Anfang: Er streitet sämtliche Anklagepunkte ab. Es habe keinerlei sexuelle Handlungen gegeben und ausserdem habe er Fabienne T. bereits gekannt.

Sein Besuch in der Wohnung sei mit ihr abgesprochen gewesen: «Es sollte ein Einbruch fingiert werden», sagte der Angeklagte gestern vor Gericht. Der Grund dafür klingt abenteuerlich: Herbert S. und Fabienne T. haben sich laut seinen Ausführungen einige Wochen zuvor zufällig kennen gelernt. Er habe vernommen, dass sie Mühe mit ihrem Job habe und nicht mehr gerne arbeiten gehe. Da habe er ihr helfen wollen: «Der Plan war, dass wir einen Einbruch vorspielen und sie dann damit zum Psychiater gehen kann. Der sollte ihr dann ein Arbeitszeugnis ausstellen, sodass sie nicht mehr zur Arbeit gehen muss», erklärt der Beschuldigte.

«Zur falschen Zeit am falschen Ort»

Cindy M. war zum Tatzeitpunkt 17 Jahre alt. Die mittlerweile 23-Jährige berichtet von einer «metallfarbenen Pistole», die Herbert S. ihr an die Schläfe gehalten habe. Und vom Befehl, sie müsse sich komplett ausziehen. Im Schlafzimmer habe der Beschuldigte sie dann an Händen und Füssen mit silbernem Klebeband gefesselt.

Auch ihre Augen wurden mit einem Halstuch verbunden und der Mund geknebelt. Danach verging er sich sexuell an ihr. Herbert S. habe zu ihr gesagt: «Du bist einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.»

Der Beschuldigte soll die Frauen gefesselt haben

Sie gelangte an diesem Abend mit dem Schlüssel von Fabienne T. in deren Wohnung im Hugi-Haus. «Da ich es nicht gut hatte mit meinen Eltern, bot sie mir an, bei ihr zu wohnen», sagt die Privatklägerin vor Gericht.

Nach 23 Uhr kam dann Fabienne T. nach Hause. Da sie ihren Schlüssel Cindy M. übergeben hatte, klingelte sie an der Haustüre. Der Beschuldigte öffnete und zwang sie ebenfalls, sich komplett auszuziehen, wie Fabienne T. vor Gericht aussagt. Auch sie wurde gefesselt. Der Angeklagte nötigte sie zu Oralverkehr und verging sich sexuell an der damals knapp 25-Jährigen. Anschliessend schickte er die junge Frau unter die Dusche.

Die Geschichte vom fingierten Einbruch

Der Beschuldigte schüttelte während der Befragung der beiden Frauen immer wieder den Kopf. Dann wieder schaute der 46-Jährige fast schon gelangweilt aus dem Fenster auf die Bahnhofbrücke. Seine Geschichte ist eine andere: An diesem Abend im April 2013 betrat Herbert S. nach Feierabend die Wohnung von Fabienne T. Sie war noch nicht zu Hause. Den Schlüssel will er von ihr erhalten haben.

Er habe sich dann daran gemacht, die Wohnung zu verwüsten. «Aber ohne Schaden anzurichten», betont der Angeklagte. Schliesslich sei es ja ein «vorgespielter Einbruch» gewesen.

«Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte»

Unerwartet hörte er nach einiger Zeit, wie jemand versuchte, die Haustüre zu öffnen. Cindy M. kam in die Wohnung. Herbert S. erschrak: «Ich wusste nicht, wie ich reagieren sollte.» Er habe ihr befohlen, sich auszuziehen. Dass sie dann aber nur noch in Unterwäsche vor ihm stand, habe er nicht so gewollt. Danach schickte er sie ins Schlafzimmer und schaute, dass sie nicht weglaufen konnte. Er habe auf Fabienne T. warten wollen, sie sollte die ganze Situation aufklären.

Zusammen hätten sie dann einen Plan ausgeheckt, wie sie der nackt im Schlafzimmer liegenden Cindy M. glaubhaft machen könnten, dass Fabienne T. nichts vom Einbruch gewusst hätte. Und gleichzeitig müsste Herbert S. unerkannt bleiben, damit ihm nichts drohe. Der Beschuldigte ging anschliessend zwei Mal mit drei Bankkarten der beiden Frauen zu einem Bankomat in Dulliken und hob insgesamt 4500 Franken ab. 1000 Franken habe er dann mitgenommen, den Rest habe er Fabienne T. gegeben.

Zweifel an mehreren Aussagen

Da Herbert S. bei den polizeilichen Einvernahmen Fabienne T. als Mittäterin bezeichnete, wurde sie auch in der Gerichtsverhandlung zum Teil als Mitbeschuldigte vernommen. Auch Cindy M. äusserte in den vergangenen Jahren immer wieder Zweifel über die Richtigkeit der Geschichte, die Fabienne T. ihr und der Polizei erzählte. Die beiden Frauen pflegen seit dem Vorfall im April 2013 kaum noch Kontakt zueinander.

Amtsgerichtspräsidentin Eva Berset sagte bereits zu Beginn der Verhandlung, der Fall sei kompliziert. Dies zeigte auch die Beweisaufnahme, die insgesamt sieben Stunden lang dauerte. Die Plädoyers der Staatsanwaltschaft, der Verteidigerin von Herbert S. und der Anwälte der beiden Privatklägerinnen Fabienne T. und Cindy M. folgen am Donnerstag.

* Namen von der Redaktion geändert.

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