Gerhard Pfister wurde von der CVP Erlinsbach SO als «Special Guest» an deren Jahresversammlung eingeladen. Ein Heimspiel für den Nationalrat und CVP-Präsidenten könnte man meinen. Aber gegen Schluss wehte dem Politiker mehr Gegenwind entgegen, als er erwartet hätte.

Doch von Anfang an: Pfister will ein volksnaher Parteipräsident sein, mit dem man diskutieren kann, der die Sorgen und Wünsche seiner Wähler kennt. So ist er fast jeden Abend unter der Woche in einer anderen Gemeinde zu Gast. Am Donnerstagabend fuhr er nach Erlinsbach SO: Er sei ohne Chauffeur gekommen, sagt Pfister zu seinem Tischnachbarn, als dieser ihm noch mehr Rotwein nachschenken will. Er fahre gerne Auto. So nahm der Zuger bereits am Pasta-Essen vor dem eigentlichen Programm teil — und nahm den Nachschlag gerne entgegen.

Mit vollen Bäuchen und vor aufgefüllten Weingläsern warteten die rund 30 Erlinsbacher CVPler auf die Rede ihres Parteipräsidenten. Der Ortsparteipräsident Hans Jürg Müller kündigt «Geri» an. «Dass ich hier bin, ist für mich nicht etwa eine Pflicht», sagt Pfister, «ich mache das sehr gerne.» Bei solchen Besuchen erlebe er immer eine «supermotivierte Basis», die sich engagiert für die Partei einsetze.

Danach erzählt er von den Vorbereitungen für die Nationalratswahlen im kommenden Jahr, von Schwierigkeiten der Mittepartei mit Medien und von der CVP-Initiative «Für tiefere Prämien — Kostenbremse im Gesundheitswesen»: «Ich habe übrigens einige Unterschriftenbögen mitgebracht», sagt Pfister und deutet in die Richtung von Müller, der die Bögen hochhält. Die subtile Aufforderung wirkt, die Bögen machen die Runde im Pfarreisaal.

Pfister gibt Parolen durch

Pfister hält während seiner Ansprache mehrere A4-Blätter in der rechten Hand, gestikuliert mit der anderen, hält hin und wieder mahnend seinen Zeigefinger in die Höhe. «Die Ortsparteien sind das Rückgrat der CVP», sagt der 56-Jährige eindringlich. Er wiederholt diesen Satz während seiner halbstündigen Rede mehrfach in verschiedenen Variationen. Die Botschaft scheint anzukommen, reagieren doch mehrere Anwesende mit zustimmendem Kopfnicken.

Im Hinblick auf die im November anstehenden Abstimmungen gibt Pfister die Abstimmungsparolen zur Selbstbestimmungsinitiative («die müssen wir ablehnen») und zur Vorlage über die Überwachung von Versicherten («da sagen wir Ja») an die CVP-Wähler durch.

Um als Partei schweizweit einheitlich auftreten zu können, sei es wichtig, dass alle den Parolen folgten. «Manchmal muss man halt auch zu einer Vorlage Ja sagen, auch wenn man nicht mit allen Details einverstanden ist», sagt Pfister, der seit 15 Jahren im Nationalrat sitzt. Ein Blick auf die Zuhörer zeigt: Da gehen die Meinungen auseinander. Auf der Stirn einiger CVPler bilden sich tiefe Falten. Und in der anschliessenden Diskussion, die der Parteipräsident selbst gewünscht hat, stellen sich einige gegen Pfister.

Besonders das Ja zur Vorlage über die Überwachung von Versicherten durch Sozialdetektive sorgt für Unmut. Pfister wird konfrontiert: «Wer entscheidet denn den Einsatz eines solchen Detektiven?» Und: «So werden ja alle IV-Bezüger in denselben Topf geschmissen, das ist gefährlich.» Eine halbe Stunde lang hört sich der Parteipräsident die Ansichten seiner Wählerschaft an, versucht hier und da die Parolen und Leitsätze der CVP zu platzieren. Meist jedoch bleibt er unterlegen. CVP-Ortsparteipräsident Müller muss einen aufgeregten Zuhörer gar unterbrechen und Pfister wieder das Wort geben. Ein CVPler am hintersten Tisch fragt:

«Hat er jetzt nicht genug geredet?»

Schliesslich beendet Müller die Diskussionsrunde, überreicht Pfister einen Geschenkkorb mit italienischen Spezialitäten und eröffnet das Kuchenbuffet. Pfister bedankt sich, geht zurück an seinen Platz und wirft einen Blick auf seine Uhr.

Im Anschluss an die Veranstaltung gibt Pfister gegenüber dieser Zeitung zu: «Da war ich schon etwas überrascht. Die Zuhörer waren sehr kritisch.» Das sei aber natürlich gut. Ausserdem komme er ja gerade deswegen an solche Anlässe: um die Stimmung in der Basis zu spüren, um die Sorgen aufzunehmen.