Aus Niederämter Sicht
Die Tücken der Technik

Thomas Vogt
Thomas Vogt
Drucken
Teilen
Der Autor fuhr mit einem Hybridauto herum.

Der Autor fuhr mit einem Hybridauto herum.

Sven-Sebastian Markschies / 30103755,fotolia

Als ich im letzten Herbst mit meiner jüngeren Tochter ein paar Tage in den Urlaub fahren wollte, hatte ich keinen fahrbaren Untersatz zur Verfügung. Da die Route wenig ÖV-tauglich war, entschied ich mich zur Miete eines Autos. Ein Überraschungswagen sollte es sein, den wir nach der Zugreise in Bern in Empfang nehmen durften. Das neuste Hybrid modell eines bayrischen Herstellers mit 3 Buchstaben begleitete uns die nächsten Ferientage. Fast selbstständig, wie von Geisterhand gelenkt und zeitweise auch geräuschlos, kurvte es mit uns durchs Berner Oberland. Irgendwie schon faszinierend, was die Technik heute so drauf hat.

Vielleicht gilt es noch vorauszuschicken, dass ich bis vor einigen Jahren eine hohe Affinität für das Automobil an den Tag legte und immer auf dem aktuellen Stand der neuen Modelle war. Heute interessiere ich mich ausschliesslich für Oldtimer aus den Vereinigten Amerikanischen Emiraten, welche zwar von der Verarbeitung sowie von der Qualität her Potenzial nach oben haben, wo dafür grosse V8-Motoren verbaut sind (gilt vielleicht ebenso für die USA). Das Fahren damit ist ein richtiges Erlebnis mit allen Sinnen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Melanie und ich verbrachten abwechslungsreiche Urlaubs tage bei ebenso wechselhaftem Wetter und besuchten die meisten Hotspots, welche auch auf der Tagestour von asiatischen Touristengruppen figurieren. Am Morgen des letzten Tages hatten wir es, wie die besagten Touristen, etwas eilig.

Das Brienzer Rothorn stand auf der Liste. Wir wollten unbedingt den zweiten Morgenzug erwischen und setzten uns nach dem Auschecken sowie nachfolgendem Sprint über die Strasse sofort in den Wagen. Noch bevor ich mich angegurtet hatte, startete ich den Wagen, legte den Rückwärtsgang ein, fuhr rasant los, und nur einen Augenblick später krachte es. Im ersten Augenblick wusste ich gar nicht, was passiert war. Meine Tochter, die mich für den besten Autofahrer hält, schaute mich ungläubig an und sprach die nächste halbe Stunde kein Wort mehr. Ich stieg aus, nachdem ich endlich herausgefunden hatte, wie der Warnblinker auszuschalten war. Tatsächlich hatte ich eine kleine Mauer gerammt. Wie konnte das nur geschehen, dachte ich mir und fand auch sofort die Erklärung. Der Rückfahrsensor hatte nicht gepiepst, und somit konnte auch nichts im Weg gestanden haben.

Doch warum nur, fragte ich mich. Und ich kam zum Schluss, dass die Elektronik schlicht nicht genug Zeit hatte, um sich zu aktivieren. Doch nicht so gute Technik, ging mir durch den Kopf. Das wäre mir bei meinem alten Camaro bestimmt nicht passiert, weil dort keine Sensoren verbaut sind, es unmöglich ist, schnell loszufahren und ich immer zwei Mal rückwärts schaue, bevor ich mich mit dem Gefährt in Bewegung setze. Dann kam mir auch in den Sinn, dass ich als sicherer Autofahrer nie eine Vollkasko auf einem Mietauto abschliesse. Das hiess, den entstandenen Schaden auch noch selbst zu berappen. Der Tag war eigentlich schon gelaufen

Ohne ein Wort miteinander zu wechseln, fuhren wir zügig zuerst dem Thuner-, danach dem grün schimmernden Brienzersee entlang und gelangten ohne weitere Zwischenfälle an den Bahnhof Brienz. Nach dem Parkieren betrachtete ich nochmals verärgert die deformierte Heckpartie und konnte es noch immer nicht fassen. Positiv denken, redete ich mir ein, während wir zum Billettschalter huschten. Obschon rechtzeitig eingetrudelt, war der nächste Dampfzug bereits ausgebucht, und wir hatten keine andere Wahl, als eine Stunde zu warten. Nachdem wir noch das Seeufer erkundet hatten, setzten wir uns mit der Maske im Gesicht in die hintere der zwei bereitstehenden, offenen Zugskompositionen. Während die vordere gemächlich losfuhr und stampfend hinter die erste Kurve Richtung Berg verschwand, stand unsere noch immer einsam auf dem Gleis.

Verzweifelt versuchte der Lokführer seine Maschine in Gang zu bringen. Doch alle Bemühungen fruchteten nicht und der voll besetzte Zug wurde mitsamt den Passagieren in die Werkstatt gestossen. Eine Ersatzlok musste her, und mit 45 Minuten Verspätung ging es dann mit einer Diesellokomotive auf die 7,6 km lange atemberaubende Reise. Kurz vor Mittag auf der Gipfelstation angekommen, verlor ich meine Tochter aus den Augen. Als wir uns dank Handyortung wiedergefunden hatten und etwas essen wollten, mussten wir frustriert feststellen, dass in der Zwischenzeit sämtliche Plätze in den Restaurants besetzt waren. Alles was konnte, lief heute schief.

Doch dann verzog sich der Nebel und gab die Sicht auf den See und die Berner Alpen frei. Dieser atemberaubende und traumhafte Ausblick entschädigte uns umgehend. Und alle Strapazen waren vergessen; übrigens auch die Tücken der Technik.

Thomas Vogt, Stüsslingen, Geschäftsführer Vogt AG

Aktuelle Nachrichten