Einen Tag nach der Sensation in Niedergösgen wollen sich die Einwohner nicht öffentlich zur Situation äussern. Die Mitarbeiterin des Oltner Tagblatts erhält vor Ort nur Absagen der Dorfbewohner. Mit Kurt Henzmann hatte am Wahlsonntag der einzige Kandidat fürs Gemeindepräsidium das absolute Mehr nicht erreicht. Henzmann selbst war gestern für eine Stellungnahme ebenfalls nicht erreichbar.

Bis heute Dienstagabend 17 Uhr muss er sich entscheiden, ob er seine Kandidatur zurückzieht und wenn ja, ob die CVP einen neuen Kandidaten stellen will oder nicht (siehe Grafik unten zu den verschiedenen Szenarien).

Die CVP-Kantonalpräsidentin Sandra Kolly ist überrascht über die Nichtwahl von Kurt Henzmann, der seit 2013 ebenfalls im Kantonsrat sitzt. «Ich verstehe nicht genau, wieso bei einem möglicherweise vorhandenen Unmut die anderen Parteien nicht zu den Gemeinderatswahlen antreten oder einen Gegenkandidaten bei den Präsidiumswahlen stellen.»

Sie sagt aber auch, dass Henzmann nun das Resultat vom Sonntag ernst nehmen und wahrscheinlich Konsequenzen daraus ziehen müsse. «Auch wenn es wehtut.» Ihrer persönlichen Meinung nach könne es nun im zweiten Wahlgang nicht einfach zu stillen Wahlen kommen. «Das würde dem Wählerwillen nicht entsprechen und wäre ein merkwürdiges Zeichen.» In ihren Augen müsste nun das Gemeindepräsidium neu ausgeschrieben werden.

Als Empfehlung an die CVP in Niedergösgen will sie das aber nicht verstanden wissen. Kolly: «Ich denke, Kurt Henzmann ist erfahren genug, dass er nun die richtige Entscheidung trifft.» Persönlich konnte sie noch nicht mit ihm sprechen, die Kantonalpartei würde aber Hilfe anbieten, falls dies erwünscht wäre.

Nicht ganz so deutlich sieht es der kantonsrätliche CVP-Fraktionschef Michael Ochsenbein, der als Gemeindepräsident von Luterbach zwar die Aufstockung des Gemeinderats von 9 auf 19 Sitze auf die neue Legislatur hin durchsetzte, aber dann wegen den darauf folgenden stillen Wahlen von dieser Zeitung kritisiert wurde. «Stille Wahlen sind staatspolitisch zwar nicht sinnvoll, aber in der Bevölkerung gar nicht so umstritten», sagt er dazu.

In Niedergösgen könne die Nichtwahl des amtierenden Gemeindepräsidenten Henzmann als Abstrafung gesehen werden, weil man mit der Leistung nicht zufrieden gewesen sei. In diesem Fall hätten die politischen Gegner aber einen Gegenkandidaten aufstellen können. «Das wäre die faire Art gewesen.»

Weil dies nicht geschah, hatten die Stimmberechtigten nur die Wahl, leer einzulegen. «Daher könnte man die Leerstimmen auch als Zeichen deuten, dass die Bevölkerung mit den stillen Gemeinderatswahlen nicht einverstanden war.» Dann trüge Henzmann gar nicht die Hauptschuld an den viele leeren Stimmzetteln, sondern die anderen Parteien, die keine Kandidaten stellten.

Auch für den Politologen Lukas Golder, Co-Leiter des Forschungsinstituts gfs.bern und im Kanton Solothurn wohnhaft, ist die Interpretation nicht eindeutig. «Es ist keine Abwahl.» Das wäre nur der Fall, wenn ein Gegenkandidat mehr stimmen gemacht hätte. Wie die Leerstimmen zu deuten seien, sei nicht klar. «Wenn man einen politischen Konflikt mit unterschiedlichen Meinungen zu Sachthemen öffentlich austragen will, hätten die Unzufriedenen eine Gegenkandidatur bringen müssen.»

Weil dies nicht passierte, könne man die Leerstimmen zwar als Schuss vor den Bug betrachten. Dies aber nicht unbedingt als Aufforderung, die Kandidatur zurückzuziehen, sondern als Aufforderung zum Dialog, die vorhandenen atmosphärischen Störungen im Gemeinderat oder zwischen den Parteien anzugehen und nicht auszusitzen. «Es handelt sich also eher um eine Stil- und nicht um eine Inhaltsfrage.» Golder gibt zwar zu, dass zwei Tage Bedenkfrist sehr kurz seien. Aber Henzmann müsste das Resultat ernst nehmen und nun auf die politischen Gegner zugehen.