Es ist 459 Jahre her, als die Papierproduktion im Niederamt Einzug fand. Am 9. November 1558 bewilligte der Solothurner Rat dem damaligen Müller Niedergösgens, Heinrich Reidhor, den Bau einer Papiermühle: «Der Müller von Gössgen Ist vor minen Herren erschinen vnnd Inen angezeigt, dass er willens si ein papyr mülin ze buwen», heisst es in den Ratsmanualen von 1558. In den selben wird dem Vogt von Gösgen auferlegt, sich beim Müller über dessen Erfahrung in der Papierbranche zu erkundigen und ihm mit Holz behilflich zu sein.

Der Papiermarkt boomte zu dieser Zeit, weil die neu aufgekommene Buchdruckerkunst den Papierbedarf stark erhöhte. Doch trotz der grossen Nachfrage wurden im 15. Jahrhundert lediglich in Marly bei Fribourg, Basel, Bern, Zürich und Serrières Papiermühlen gebaut.

Im Gebiet zwischen Basel und Bern jedoch befand sich bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts keine Papiermühle – grosse Papierverbraucher wie Städte und Klöster waren zur selben Zeit in diesem Gebiet jedoch genügend vorhanden. Die Papierproduktion schien ein lukratives Geschäft zu sein, bedenkt man, dass man 1563 für ein Ries – eine alte Papiermasseinheit – Papier zwei Pfund und acht Schilling zahlte. Zum Vergleich: Ein Paar Hosen kosteten zur gleichen Zeit fünf Pfund.

Ein lukratives Geschäft

In diesem Geschäft eine Chance sehend machte sich Reidhor daran, die Mühle in eine Papiermühle umzubauen. Reidhor, der kurz zuvor als neuer Gösger Bürger aufgenommen wurde, hatte die Mühle 1557 oder 1558 von Wernli Widmer gekauft. Wie lange diese zuvor schon bestand, ist unklar. Erste Dokumentationen stammen jedoch aus dem 13. Jahrhundert. Der Solothurner Rat unterstützte Reidhors Vorhaben. Dies ist daran erkennbar, dass ihm für den Bau der ersten Papiermühle im Kanton 400 Pfund geliehen wurden.

1561 war der Bau der Papiermühle so weit fortgeschritten, dass Riedhor mit der Herstellung von Papier beginnen konnte – jedoch kannte er sich mit dieser schlecht aus, weshalb er Jakob Peter aus Mümpelgard einstellte. 1561 wurden die ersten Vogtschreiben Niedergösgens auf dem Niederämter Papier geschrieben. Die Papiere enthielten als Wasserzeichen ein kleines Solothurner Schild mit S und O an den Seiten.

Der Untergang der Papiermühle

Doch der Erfolg hielt nicht lange. Heinrich Reidhor war händelsüchtig und mehrfach vorbestraft – diese Seite zeigte er auch in Niedergösgen. Riedhor erhielt Bussen wegen Übelrede und Streitigkeiten. Auch soll er die Käufer seines Papiers betrogen haben. Insgesamt beliefen sich die Bussen auf 100 Pfund, die er jedoch nicht bezahlte und die der Rat von Solothurn ihm später erliess.

Juxtapose: Alte Papiermühle Niedergösgen

Jakob Peter verliess die Papiermühle 1562, um eine eigene solche in Mümliswil zu betreiben. Als neuer Papiermacher erschien Christian Trölin – auch dieser war vorbestraft, wurde aber ebenfalls als Solothurner Bürger aufgenommen. Trotz des neuen Papiermachers wendete sich das Geschäft für Riedhor nicht zum Guten – dies, weil sich Riedhors Ruf stetig verschlechterte und auch wegen der Konkurrenz aus Mümliswil. 1576 eröffnete Jakob Peter seine zweite Papiermühle in Mümliswil – für Riedhor und seine Mühle beginnt somit das Ende. Er konnte seine Zinsen nicht mehr bezahlen und musste die Mühle 1570 an Jakob Gisi verkaufen, der die Mühle wieder als Getreide-Mahlmühle weiterführte.

Ein Kühlturm kam dazu

Riedhor, Peter, Trölin und Gisi können ihre Geschichte nicht mehr erzählen. Doch als Zeitzeuge bleibt das Haus im Mühledorf, in dem sich das zwölf Jahre dauernde Drama abspielte. Die alte Mühle, die aus dem 13. Jahrhundert stammt, gibt dem Mühledorf seinen Namen. Im Mühledorf findet sich ausserdem die neue Mühle, die 1666 erbaut wurde und noch heute steht. Der Standort der alten Mühle, nicht direkt an einem Fliessgewässer liegend, mag auf den ersten Blick seltsam wirken.

Doch zu Zeiten der alten Papiermühle floss ein Bach von Obergösgen durch hoch liegende Wiesen bis nach Niedergösgen. Ungefähr 150 Meter neben der Aare bog der Bach südlich Richtung Fluss ab und an der Mühle vorbei, bevor er ein Gefälle von rund 15 Meter herunterrauschte. Ein Bach mit genügend Wasser und starkem Gefälle war für eine Mühle ideal. Der Bach wurde 1666 umgeleitet – für die neue Mühle. Auch heute fliesst er noch in umgeleiteter Form.

Heute dient die alte Papiermühle im Mühledorf als Wohnhaus. Eine Wohnung ist zur Zeit zur Vermietung ausgeschrieben. Die alte Mühle gleicht ihrem alten Zustand abgesehen von einigen Neuerungen noch stark. Doch es gibt einen grossen Unterschied: Mittlerweile steht das Gebäude im Schatten des Kühlturms.