Schönenwerd
Die alten Bandwebstühle im Ballyana müssen rattern

In der Ballyana in Schönenwerd gaben erfahrene Bandweber ihr Wissen weiter – damit die Museumsmaschinen leben.

Urs Amacher
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Das Einziehen der Fäden ist ein kniffliges Handwerk
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Ballyana Schönenwerd
Die Oltner Stadträtin Iris Schelbert (links) am Posten Weberknoten

Das Einziehen der Fäden ist ein kniffliges Handwerk

Markus Müller

Der Faden soll nicht reissen. Beim Weben nicht, aber auch nicht im übertragenen Sinn. Das Wissen, wie die traditionellen Bandwebstühle zu bedienen sind, darf nicht verloren gehen. Deshalb fand an zwei Samstagen in der Ballyana ein Einführungskurs in die Webtechnik statt.

Die Ballyana an der Schachenstrasse 24 in Schönenwerd dokumentiert die Familien- und Industriegeschichte von Bally. Gewöhnlich verbindet man mit dem Namen Bally die Herstellung von Schuhen, obwohl die Firmengeschichte 1810 mit der Weberei von Bändern beginnt; die Produktion von Schuhen kam erst Mitte des 19. Jahrhunderts dazu.

Deshalb beherbergt die Ballyana, jene Ausstellung, welche die Schönenwerder Industriekultur dokumentiert, mehrere Modelle von Bandwebstühlen, und auch die Ausstellungsräume befinden sich in der ehemaligen Produktionshalle der Bandweberei. Doch die Webstühle sollen nicht bloss in Museen stehen, sondern ihr Funktionieren zeigen und weiterhin rattern.

Dazu darf aber das Know-how keinesfalls vergessen gehen. Zusammen mit der Koordinationsgruppe in Liestal, welche die Museen in Baselland, Aargau und Solothurn vernetzt, hat deshalb die Ballyana in einem Aufruf Leute gesucht, die sich in die Kunst des Bandwebens einweihen lassen wollen. Als Kursleiter fungierten drei erfahrene Textilfachleute.

Theorie und vor allem Praxis

Hermann Käseberg ist gelernter Webmeister und kam 1957 zu Bally, zuerst in die Wirkerei der Schuhfabrik, dann zu Bally Band. Nach der Pensionierung engagierte er sich im Ballyana-Museum und hilft jetzt, die Maschinen am Laufen zu halten. Bernhard Goossen lernte als Junge die Weberei und bildete sich zum Textiltechniker aus. Er arbeitete bei Schild in Liestal und bei der Bandweberei Senn in Ziefen. Nach der Pensionierung wurden er und sein Bruder Jan vom Dorfmuseum Ziefen als Experten angefragt. Hansruedi Wahl ist eigentlich Elektromechaniker, wuchs aber bei der Posamenten-Firma Posag Muttenz in die Weberei hinein.

12 Kursteilnehmer – 10 Frauen und 2 Männer, mehrheitlich aus dem Niederamt und Olten oder Aarau – besuchten den zweiteiligen Einführungskurs «Webstuhlrattern» in der Ballyana Schönenwerd. Acht von ihnen sind gewillt, ihr erworbenes Können nun an Bandwebstühlen bei einem Museum in ihrer Nähe einzusetzen.

Die zwölf Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer wurden an drei Posten in die Webereikunst eingeführt. Bernhard Goossen brachte ihnen das Knüpfen des Weberknotens und das Einfädeln eines Webschiffchens bei. Bei Hansruedi Wahl wurde ein Bandwebstuhl eingerichtet. Mit einem Einziehhaken zog eine Weberin den Kettfaden durch die kleine Öse der richtigen Litze, die je nach Muster gehoben oder gesenkt wird.

Dabei ging ihr eine zweite Weberin hilfreich zur Hand. Am dritten Posten wurde bei Hermann Käseberg der Bandwebstuhl in Betrieb genommen, und nach Bedarf wurden die Spülchen mit dem Schussfaden gewechselt. Dabei kam die Theorie nicht zu kurz, auch die Warenkunde nicht, aber die Praxis bei den einzelnen

Arbeitsschritten stand im Vordergrund.

Nach diesem ersten Einmaleins des Maschinenwebens waren doch acht Teilnehmende gewillt, bei einem Museum in ihrer Nähe einzusteigen. Naturgemäss sind Motivation und Voraussetzungen sehr unterschiedlich. Ein Informatiker ist bereits Mitglied beim Ballyana-Verein, möchte sich aber mehr handwerklich und bei den Wartungsarbeiten betätigen. Der Marketingleiter wiederum ist fasziniert von den Maschinen und möchte das Wissen und das Kulturgut nicht in Vergessenheit geraten lassen.

Für die Textil-Werklehrerin ist ein Mitwirken im Museum eine Rückkehr zu den Wurzeln: Sie ist familiär vorbelastet, das heisst, ihre Grossmutter wob in Heimarbeit Bändeli für die Bally. Die Primarlehrerin ist interessiert an der ausgeklügelten Technik der Bandwebstühle und sieht in einem Engagement bei Ballyana einen willkommenen Ausgleich zu Alltag und Beruf.

Der Einführungskurs ist ein Anfang, der erste Schritt zu einem konkreten Engagement und zur Vernetzung der Interessierten unter den Museen ist getan.