Däniken/Gretzenbach
Deutsch für Flüchtlingskinder: Auf die Flucht folgt die Schulbank

In Däniken und Gretzenbach büffeln Flüchtlingskinder jeden Mittwoch mit pensionierten Lehrern Deutsch. Ein Augenschein beweist: Die Motivation der Kinder, die neue Sprache zu erlernen, ist gross, schliesslich haben sie auch grosse Pläne.

Kelly Spielmann
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Clemens Schenker übt mit zwei Jungen Deutsch. Einer will Fussballer werden, der andere Schreiner.

Clemens Schenker übt mit zwei Jungen Deutsch. Einer will Fussballer werden, der andere Schreiner.

Bruno Kissling

Als Erika Schenker und Rita Separovic, pensionierte Werklehrerinnen aus Lostorf, eine Frage stellen, bietet sich einem ein ungewohntes Bild: Alle Hände schnellen innert Sekunden in die Höhe, jedes der Kinder versucht, den Arm noch etwas höher zu kriegen, als dies der Nachbar tut. Das Glück trifft ein Mädchen, welches sofort antwortet und voller Freude aufspringt, um das Wort an die Wandtafel zu schreiben. Zurück am Platz nickt ihr die Nachbarin zustimmend zu und lächelt, als Erika Schenker sie lobt. Währenddessen befinden sich die Hände der anderen Schüler bereits wieder im Wettkampf um die höchste Stelle im Schulzimmer.

Aktive Mitarbeit im Unterricht, gegenseitiges Unterstützen und Motivation – Dinge, die nicht in jedem Schulzimmer einfach zu finden sind. Doch dies ist kein normales Schulzimmer. Denn hier verbringen Däniker Flüchtlingskinder ihre Mittwochnachmittage und büffeln Deutsch.

Mit Sozialregion zusammengespannt

Das Projekt entstand, als Däniker Schulleiter Ruedi Rickenbacher feststellte, dass die Lehrpersonen an ihre Grenzen stiessen. «Wir hatten viele neue Flüchtlingskinder in der Schule, teils zwei bis drei Schüler pro Klasse», erklärt Rickenbacher. «Durch die fehlenden Deutschkenntnisse war das für die Lehrer nicht mehr tragbar.»

Da die Situation in Gretzenbach ähnlich gewesen sei, hat Rickenbacher gemeinsam mit Gretzenbacher Schulleiter Andreas Koch eine Lösung gesucht. Geplant wäre erst gewesen, eine ganze Klasse zu machen, in der nur Flüchtlingskinder unterrichtet würden. Gleichzeitig war die Sozialregion unteres Niederamt (SRUN) dabei, eine Lösung für die fehlenden Deutschkenntnisse der Flüchtlingskinder aus Däniken, Gretzenbach, Niedergösgen und Schönenwerd zu finden.

Fremdsprachenunterricht für Flüchtingskinder in Gretzenbach Fremdsprachenunterricht für Flüchtingskinder in Gretzenbach
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Fremdsprachenunterricht für Flüchtingskinder in Gretzenbach Fremdsprachenunterricht für Flüchtingskinder in Gretzenbach Sprachunterricht Frühfranzösisch Franzöischunterricht im Schulhaus Gretzenbach
Clemens Schenker übt mit zwei Jungen Deutsch. Einer will Fussballer werden, der andere Schreiner.
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Bruno Kissling

Schnell mussten die beiden Schulleiter merken, dass ihre Idee, eine eigene Klasse zu gründen, zu aufwendig und teuer werden würde, während die SRUN eher eine pragmatische, einfache Lösung anstrebte. Nach einem Ideenaustausch haben die Schulleiter und die SRUN eine gemeinsame Entscheidung getroffen: Jeden Mittwochnachmittag müssen die Kinder aus Däniken dort in den Unterricht, während die Schüler aus Gretzenbach, Schönenwerd und Niedegösgen zu einer Gruppe in Gretzenbach zusammengelegt wurden.

Pensionierte Lehrpersonen für motivierte Kinder

Doch um den Unterricht beginnen zu können, mussten noch Lehrer her. «Wir haben pensionierte Primarlehrer angefragt, ob sie mitmachen möchten. Das Echo war sehr hoch, die Lehrer waren motiviert, zu helfen», erklärt Sarah Lüthi, Migrationsfachfrau bei der SRUN.
Pensionierte Lehrer im Ehrenamt

So war es auch bei Erika Schenker: «Ich hatte nach der Pension immer ein inneres Gefühl, etwas beitragen zu wollen», erklärt sie. So sei dies die optimale Lösung gewesen. Gemeinsam mit Rita Separovic, Reinhard Mundwiler und Karin Braun leitet sie den Kurs in Däniken. Fünf Mädchen und zwei Jungen sind in ihrem Deutschkurs. Sechs von ihnen sind Flüchtlinge aus Afghanistan, ein Junge musste seine Heimat im Irak hinter sich lassen. «Anfangs hatten wir Angst, die Kinder würden miteinander in ihrer Muttersprache sprechen und nicht Deutsch», so Lüthi. Dies sei jedoch nicht der Fall gewesen. Alle Kinder versuchen, auch untereinander Deutsch zu sprechen und machen am Unterricht aktiv mit. «Man merkt, dass sie Deutsch lernen wollen, und wie motiviert sie sind», sagt Schenker.

Auch in Gretzenbach ist im Schulzimmer Lernwillen anzutreffen. Hier sind die Nationalitäten und das Alter der Kinder durchmischter: Insgesamt neun Schüler von der 2. bis zur 6. Klasse aus Afghanistan, Syrien, Eritrea, Irak und Aserbaidschan lernen in Gretzenbach Deutsch. Clemens Schenker, Peter Zumstein, Verena Jeseneg und Rosemarie Ramel unterrichten die sieben Jungen und zwei Mädchen aus Gretzenbach, Niedergösgen und Schönenwerd hier.

Verena Jeseneg wurde erst letzten Sommer pensioniert. Die Arbeit an der Schule mit Kindern habe ihr seither gefehlt, weshalb sie beim Projekt sofort mitmachte. «Die Arbeit mit den Kindern gefällt mir einfach. Es ist toll, zu sehen, wie dankbar sie sind», erklärt sie. Obwohl die jüngeren Kinder mehr Motivation zeigen, machen auch die Jungen aus der 6. Klasse mit, wenn sie von den Lehrern dazu aufgefordert werden.

Für den Traum wird hart gearbeitet

Bei den Plänen, die die Kinder haben, müssen sie dies auch. Denn dies sind Grosse. Jeseneg spielt ihnen ein Band ab, auf dem eine Seiltänzerin und ein Bauarbeiter aus ihrem Alltag erzählen. Auf die Frage, ob sich jemand einen dieser Berufe wünsche, ertönt im Chor ein bestimmtes «Nein», denn die Kinder wissen genau, was sie später möchten. Deshalb geben sie jetzt alles, um ihr Deutsch zu verbessern und so den Traum, Ärztin, Feuerwehrmann oder Schreiner zu werden, zu erfüllen. Der einzige, dessen Problem bei der Berufswahl nicht nur in den momentan noch fehlenden Deutschkenntnissen besteht, ist ein Junge, der schüchtern in der Ecke sitzt. Was er werden will? «Fussballer. Aber dafür muss ich noch abnehmen», so der Junge enttäuscht.

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