Viseth Thang stellt eine überdimensionierte weisse Tasse vor sich auf den Tisch. «Ein Liter asiatische Teemischung, ich trinke mindestens fünf davon am Tag», sagt er. Und lacht schallend, ein lustiges, herzliches Lachen, das ich im Laufe des Gesprächs noch einige Male hören werde.

Wie für einen buddhistischen Mönch der Theravada-Schule üblich, trägt Viseth Thang ein orangefarbenes Übergewand. Der 70-Jährige floh 1983 vor dem kambodschanischen Bürgerkrieg in die Schweiz. Erst nach Zürich, wo er einen kambodschanischen Tempel leitete.

Später zog man nach Obfelden ZH um, seit 2012 befindet sich das Kulturzentrum der Khmer, der grössten Volksgruppe in Kambodscha, in Walterswil in einem ehemaligen Hotel mit Restaurant. Dieses bewohnt Thang mit einem weiteren Mönch.

Meditieren morgens um fünf

Von aussen liesse nichts an diesem schmucklosen Gebäude in verwaschenem Braun vermuten, dass hier buddhistische Zeremonien abgehalten werden. Wer das Haus betritt, landet als erstes im ehemaligen Gasthaus. Auch dieses macht einen Anschein wie ehedem, gutbürgerliche Wirtsstube mit rustikalen Holztischen und -stühlen, Schanktisch, Neonbeleuchtung. Lediglich die obligaten Nussgipfel und das Aromat fehlen auf den Tischen.

An einem dieser langen Holztische trinkt Thang seinen Tee. Der Raum bildet den eigentlichen Treffpunkt des Kulturzentrums. Jeweils am Wochenende kommen hier Kambodschaner aus der ganzen Schweiz zusammen. Etwa 3000 bis 4000 leben hier, so Thang, die meisten davon in Zürich. «Wir kennen einander alle», sagt er in seinem bruchstückhaften, aber einigermassen verständlichen Deutsch.

Vom Restaurant führt Thang in den nebenliegenden Saal. Bunte Bänder schmücken die Wände, ein farbenfroher Teppich bedeckt den Boden, am Saalende ein mehrstufiger Altar mit Buddha-Statuen in den unterschiedlichsten Grössen und Posen. An Wochenenden kämen oft Besucher zur Meditation, sagt Thang. «Nächstes Wochenende findet hier eine grosse Zeremonie statt, wir feiern das Ende der Regenzeit», meint er vergnügt. Über hundert Leute werden dann auf dem Teppich Platz finden. Jeder von ihnen wird etwas zu Essen mitbringen, kambodschanische und auch schweizerische Speisen. Nach der Zeremonie werde nebenan gemeinsam gegessen und gefeiert.

Unter der Woche aber sind Thang und sein jüngerer Glaubensbruder die meiste Zeit allein. Diesen bekomme ich nicht zu Gesicht, vielleicht betätigt er sich gerade im Garten. Thang steigt die Treppe hinauf in den ehemaligen Hoteltrakt. Hier wurde länger nicht mehr renoviert, das sieht man, aber Thang scheint das nicht zu stören. In einem der Zimmer befindet sich seine persönliche Bibliothek, vieles davon philosophische Schriften. Bevor Thang in die Schweiz kam, erklärt er, studierte er in Indien und Thailand Philosophie. Vor dem Altar, der sich im selben Raum befindet, meditiert der Mönch schon morgens um fünf.

Unterwegs in ganz Europa

Auf demselben Stockwerk befinden sich acht Gästezimmer. «Wir haben oft Gäste aus dem Ausland», erzählt Thang. Zum kambodschanischen Ahnenfest seien jeweils alle Betten belegt. Überhaupt entspreche es der kambodschanischen Tradition, einander einzuladen. Thang selbst ist häufig in Europa unterwegs, etwa einmal im Monat werde er von einem Kloster oder von Privatpersonen beherbergt.

In einem weiteren Zimmer stehen kleine Schulbänke; eine Tafel und eine Tabelle des verschnörkelten Khmer-Alphabets hängen an der Wand. Kambodschanische Kinder, die in der Region wohnen, lernen hier alle zwei Wochen die Khmer-Sprache. Diese wird von einem auswärtigen Lehrer unterrichtet.

Zwischendurch ein Stück Schoggi

Wir gehen die Treppe wieder runter, ins Restaurant. Thang erzählt, wie er seine Tage verbringt: «Im Garten arbeiten, putzen, das Haus aufräumen, meditieren.» Das Kulturzentrum werde durch freiwillige Spenden und Mitgliederbeiträge finanziert. Wir setzen uns wieder an den Tisch, Thang nimmt einen kleinen Schluck seines unendlichen Tees. «Mönche essen nur einen Teller voll am Tag», sagt er. Manchmal aber gönne er sich zwischendurch ein Stück Schokolade. Er liebe nämlich Schoggi, sagt er. Und lacht sein heiteres Lachen.