«Woran denken Sie bei Dr. Oetker?» wollte Claudio Christen von seinen Zuhörern wissen. Der Geschäftsführer von Dr. Oetker, Schweiz, war am Mittwoch Gastreferent am dritten Obergösger Gewerbeapéro im reformierten Kirchgemeindehaus. Selbst Gemeindepräsident Peter Frei meinte, das Firmengelände an der Schachenstrasse scheine manchmal «wie eine kleine Enklave» und bestätigte damit den Eindruck, dass der Schweizer Hauptsitz des Unternehmens ein eher unscheinbares Dasein fristet. Umso spannender war es, vom jungen Geschäftsführer etwas mehr über den weltumspannenden Konzern und seinen Standort im

Niederamt zu erfahren.

Pudding, Backpulver, Tiefkühlpizza – die Produkte des deutschen Lebensmittelkonzerns findet man auch in vielen Schweizer Küchen. Mit Radeberger und Henkell unter dem selben Dach gehört die Firma auch zu den ganz grossen Getränkeherstellern. «Wir sind der grösste Bierbrauer in Deutschland», erklärte Christen. Weniger bekannt ist, dass Dr. Oetker neben dem Nahrungsmittelbereich, seinem Hauptgeschäft, in zahlreichen weiteren Geschäftsfeldern aktiv ist: Gastronomie, Hotellerie, Chemikalien und bis vor kurzem sogar in der Schifffahrt. «Eine Tiefkühlpizza ist so unemotional, wie es nur geht – daneben ist das Traumhotel in der Karibik das pure Gegenteil», verdeutlichte Christen die grosse Bandbreite.

Familienbetrieb seit 127 Jahren

Angefangen hat alles mit dem deutschen Bäckersohn und Apotheker August Oetker, der 1891 als erster auf die Idee kam, Backpulver in Säckchen zu verkaufen. «Manchmal genügt eine ganz einfache Idee», konstatierte der Luzerner. Der Oetker-Konzern befindet sich noch immer in Familienbesitz und wurde bis 2016 von Nachkommen August Oetkers geführt.
Seit 1957 ist er auch in der Schweiz präsent, genauer gesagt in Obergösgen, von wo aus die gesamte Schweiz beliefert wird. 1999 wurde die dortige Produktion eingestellt. «Das war sehr einschneidend», meinte Christen. «Aber bei den heutigen Margen wäre eine Produktion in der Schweiz nicht machbar.» Der Standort Obergösgen sei aber keine blosse Vertriebsgesellschaft. Man geschäfte völlig unabhängig vom Stammhaus in Bielefeld, mit eigener Abteilungen für Marketing, IT und allem, was zu einem Unternehmen gehört. Rund 40 Mitarbeiter beschäftigt die Dr. Oetker AG heute.

Gemeindepräsident Peter Frei (l.) im Gespräch mit Post-Regionalleiter Bernhard Büchler

Gemeindepräsident Peter Frei (l.) im Gespräch mit Post-Regionalleiter Bernhard Büchler

Die Sache mit den Preisen

«Es geht uns gut, sehr gut sogar», sagte Christen. Dennoch wies er auf das schwierige Marktumfeld in der Schweiz hin, namentlich die Dominanz von Coop und Migros sei eine grosse Herausforderung. Die Discounter, von denen es zwischen Olten und Aarau ja mittlerweile einige gebe, seien da eine grosse Chance. Christen sprach auch die Hochpreisinsel-Diskussion an. In der Schweiz seien die Preise durchaus hoch. Die Preisfindung müsse jedoch an beiden Enden stattfinden und dürfe den Herstellern nicht vom Handel diktiert werden. Besorgt zeigte er sich über die Fair-Preis-Initiative. «Sollte diese angenommen werden, hätte das massiven Einfluss auf uns. Dann werden wir wahrscheinlich wirklich zu einer Vertriebsgesellschaft mit 5 bis 10 Angestellten.»

Post-Service für KMU

Politische Untertöne waren auch vom zweiten Gastreferenten zu hören. Bernhard Büchler, Leiter Region Mittelland bei der Post, hatte in Obergösgen ein deutlich leichteres Spiel als noch vor wenigen Wochen in Dulliken, wo es um die Zukunft der dortigen Poststelle ging. «Ich stehe heute zum ersten Mal vor Leuten, die die Umstrukturierung schon hinter sich haben», sagte er. Obergösgen kennt die Agenturlösung seit einigen Jahren. Die Post betreibe keinen Abbau, sondern schaffe zusätzliche Zugangspunkte, betonte Büchler und verwies auf die Möglichkeiten, die sich dadurch für KMU-Kunden ergeben würden. Viele seien noch zu wenig bekannt, etwa die Geschäftskundenboxen oder der Abholservice.

Selber abholen mussten die Zuhörer ihre Häppchen – allerdings keine Tiefkühlpizza – und Getränke beim anschliessenden Apéro, wo vielleicht schon über die Referenten für das kommende Jahr gerätselt wurde.