Gretzenbach

Der «Meeting Point»: Mit wenig Aufwand den Asylsuchenden helfen

Bei einem «Zvieri» sitzen die Asylbewerber und die Gretzenbacher zusammen am Tisch vor dem Römersaal.

Bei einem «Zvieri» sitzen die Asylbewerber und die Gretzenbacher zusammen am Tisch vor dem Römersaal.

Im «Meeting Point» für Asylsuchende und Gretzenbacher wird jeden Mittwochnachmittag geplaudert, gelacht und gespielt. Auch viele Fragen werden geklärt.

«Was steht in diesem Schreiben, dass ich vom Kanton erhalten habe?» – «Was ist eigentlich eine Mehrfahrtenkarte?» – «Wie finde ich eine Wohnung?» Solche und weitere Fragen werden jeden Mittwochnachmittag während des «Meeting Point» in Gretzenbach geklärt.

Kaum haben die ersten Gäste den Römersaal direkt neben der katholischen Kirche betreten, schon werden die Organisatorinnen Barbara Capaul, Odette Bolliger und Renate Gorza mit Fragen überhäuft. Geduldig und auf Hochdeutsch antworten sie den Frauen und Männern, bevor man sich zum «Zvieri» draussen an den Tisch setzt.

Seit Oktober 2016 gibt es den Treffpunkt. Er entstand aus der Initiative einer Gruppe heraus. Zur selben Zeit wurde das Durchgangszentrum in der Zivilschutzanlage in Gretzenbach eröffnet. 100 Schlafplätze für Asylsuchende, ausschliesslich Männer, wurden geschaffen. Mehr als 29 Personen lebten aber nie dort. Dass tausende Menschen auf der Flucht sind, beschäftigt Barbara Capaul, die Teil des Gründer-Teams des Treffpunkts ist, noch immer. Im Frühling 2016 half sie darum zehn Tage lang den ankommenden Flüchtlingen auf der griechischen Insel Lesbos.

Das «Meeting Point»-Team: Barbara Capaul, Odette Bolliger und Renate Gorza (v.l.).

Das «Meeting Point»-Team: Barbara Capaul, Odette Bolliger und Renate Gorza (v.l.).

Zurück in der Schweiz suchte sie den Kontakt mit der katholischen Kirche: «Ich habe drei Kinder und einen Job. Mir war klar, ich kann nicht vor Ort helfen. Aber ich will hier in Gretzenbach etwas bewirken», sagt Capaul. Gerade auch wegen des Durchgangszentrums.
Seither finanziert die Kirche den «Meeting Point» und die Gretzenbacherin ist an jedem Mittwochnachmittag anwesend. Capaul: «Für uns ist es ein so kleiner Aufwand. Aber diesen Menschen bringt das unglaublich viel.» Während der Sommerferien hätten sie etwa einen Velokurs zusammen mit der örtlichen Polizei organisiert: «Die Teilnehmenden waren begeistert und dankbar.» Der Kurs habe ihnen mehr Sicherheit im Strassenverkehr gegeben.

«Ich mache das einfach gerne»

Odette Bolliger engagiert sich seit Anfang 2017 für den Treffpunkt. Sie sei durch ihre Freundin Barbara Capaul dazu gekommen. «Ich hatte schon länger den Wunsch, zu helfen. Zuerst tat ich das mit Geldspenden und Decken, die ich für Flüchtlingskinder genäht hatte», erzählt die Gretzenbacherin. Nach einem Besuch im «Meeting Point» habe sie beschlossen: «Auch hier in unserem Dorf wird Hilfe gebraucht.» Sie wollten diese Menschen «wenigstens für ein paar Stunden aus der unterirdischen Unterkunft» rausholen. Darum organisierte das Treffpunkt-Team Spiel- und Sportnachmittage. Letztere gibt es mittlerweile nicht mehr.

Das Durchgangszentrum wurde nach etwa einem Jahr wieder geschlossen. Die Asylbewerber wurden auf die Gemeinden verteilt. Bolliger erscheint aber noch immer an jedem Mittwoch im Römersaal. «Das ist für mich keine Verpflichtung. Ich mache das einfach gerne», sagt die dreifache Mutter.

Bolliger hält zu mehreren ehemaligen Bewohnern des Durchgangszentrums Kontakt. Viele kommen am Mittwochnachmittag aus den umliegenden Gemeinden nach Gretzenbach. Vor einem Jahr nahm Bolliger einen jungen Afghanen bei sich zu Hause auf. «Er war schon im Durchgangszentrum der Jüngste und ich merkte, er brauchte und suchte Familienanschluss.» Das Leben mit dem jungen Mann sei nicht immer einfach. Mittlerweile besuche ihr Schützling die Integrationsklasse der Berufsschule in Olten. Bolliger hofft, er kann danach eine Lehre absolvieren.

Böse Blicke oder freche Kommentare

Hin und wieder ernte sie böse Blicke oder freche Kommentare. «Meine Tante etwa findet es furchtbar, dass ich ihn aufgenommen habe. Sie sagt, ich müsse Angst haben um meine Töchter.» Darüber könne sie nur lachen, sagt Bolliger: «Es wird so viel gewettert über die Ausländer. Dabei muss man sich nur überwinden und sie kennenlernen.» Bei ihr seien viele Freundschaften entstanden.

Das sei eigentlich auch das ursprüngliche Ziel des «Meeting Point» gewesen: «Es sollten Gespräche zwischen den Geflüchteten und den Einheimischen entstehen können, in ungezwungener Atmosphäre», sagt Capaul. Leider nutzten nur wenige Gretzenbacher das wöchentliche Angebot. Machten die Organisatorinnen hingegen auf Facebook einen Aufruf nach Sachspenden wie Velohelmen oder einem gebrauchten Sofa, kämen in kürzester Zeit dutzende Angebote zusammen. Der «Meeting Point» und sein Team wurden mittlerweile für den Sozialpreis des Kantons Solothurn nominiert, der Ende September verliehen wird.

«Alles Gute zu Maria Himmelfahrt»

An diesem Mittwochnachmittag ist etwas anders als sonst: «Warum waren heute alle Läden geschlossen?», fragt ein Treffpunkt-Gast. Capaul erklärt, es sei ein Feiertag. Maria Himmelfahrt heisse dieser und komme aus dem Christentum. Omid, ein anderer Treffpunkt-Gast, hatte zuvor in den gemeinsamen Whatsapp-Chat eine Nachricht geschickt: «Alles Gute zu Maria Himmelfahrt», stand drin. Barbara Capaul und Odette Bolliger mussten beim Lesen der Nachricht lachen: «Sie gratulieren uns immer, wenn gerade ein Feiertag ist. Auch wenn es einer ist, den wir eigentlich gar nicht feiern.»

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