Wilhelm Kufferath von Kendenich

Der Künstler und Schriftsteller im Interview: «Warum können Menschen nicht menschlicher sein?»

Wilhelm Kufferath von Kendenich: Der Vortragsredner, Schriftsteller und Künstler lebt seit 1974 in Trimbach

Wilhelm Kufferath von Kendenich: Der Vortragsredner, Schriftsteller und Künstler lebt seit 1974 in Trimbach

Ein Gespräch mit dem Trimbacher Künstler, Schriftsteller und Gelehrten Wilhelm Kufferath von Kendenich (81) über die Schweiz, sein Leben, Gott und den Menschen.

Das breite künstlerische Schaffen von Wilhelm Kufferath von Kendenich wurde in dieser Zeitung vor gut zwei Monaten vorgestellt. Der belesene und eloquente Zeitgenosse sagte sofort zu, als ihn die Anfrage nach einem ausführlichen Interview über philosophische, religiöse und persönliche Themen erreichte. Da ein Besuch bei ihm ist derzeit nicht möglich ist, wurde dieses Gespräch übers Telefon geführt.

Herr Kufferath, welchen Einfluss hat die gegenwärtige Lage auf Ihr künstlerisches Schaffen?

Wilhelm Kufferath von Kendenich: Im Moment gar keine. Ich arbeite unverändert weiter. Verlasse das Haus derzeit nicht, was aber für meine Arbeit auch nicht nötig ist. In meiner Werkstatt und meinem Schreibzimmer kann ich ungestört weiter schaffen. Natürlich könnte ich in meinem Tun auch auf die jetzige Situation reagieren, aber das möchte ich nicht. Das Tagesgeschehen überlasse ich der Presse!

Wie sehen Sie die Schweiz?

Das Heiligste unserer Demokratie leuchtet nicht mehr so stark, wie es die Gründerväter gedacht haben, nämlich: der Kompromiss. Diese Tradition, dass sich zwei Seiten einander angenähert haben, indem jeder etwas preisgab, und dadurch etwas Gemeinschaftliches zusammenkam, schwächelt. Ich meine, dass heute deutlich weniger an Bereitschaft zum Kompromiss besteht. Man will immer alles, alles für sich. Es sind die Extreme, die Oberhand nehmen. Aber es ist wie in einer Ehe: Da gibt es einfach keine Mehrheit, da ist nur der Kompromiss gefragt, auf dem ein möglichst spannungsfreies Zusammenleben erreicht werden kann.

Halten Sie die Demokratie für gefährdet?

Demokratien sind immer gefährdet. Was ist die erste und wichtigste Aufgabe eines demokratischen Rechtsstaates? Es ist die Abwehr des Tyrannen. Es gab und wird immer Leute geben, die versuchen, sich aufzuschwingen und sich über alle anderen zu stellen. Bei uns gilt: Das, was vom Volk gewollt wird, soll geschehen. Diesen Grundsatz müssen wir allen Ernstes hochhalten. In der Abstimmung geht es nicht um das, was richtig ist, sondern um das, was die Mehrheit für richtig hält. «Die absolute Wahrheit» gibt es ohnehin nicht, nur Die relative Wahrheit.»

Welche Fragen treiben Sie um?

Eine Frage, die ich mir seit Jahren stelle, ist die: Warum können Menschen nicht menschlicher sein, als sie offensichtlich sind? Warum das? Tiere greifen die eigene Art normalerweise nicht an. Beim Menschen hingegen ist das anders. Seit jeher ist die Menschheit in zwischenmenschliche Konflikte und gar kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt. Soll das wirklich nötig sein, unvermeidlich? Das beschäftigt mich sehr.

Hat sich Ihrer Meinung nach der menschliche Charakter verändert?

Ich denke nicht, dass hier eine tiefgreifende Veränderung stattgefunden hat. Der Mensch ist in Tausenden von Jahren in der Evolution so geworden, wie wir ihn kennen. Evolutionäre Veränderungen brauchen unvorstellbar lange Zeit. Nein, nicht der Charakter des Menschen hat sich verändert, sondern der Mensch hat die Erde, sein Umfeld verändert. Doch diese Entwicklung ist nicht evolutionär verursacht, und daher hat sich der evolutionär erworbene Charakter in seinen guten Seiten nicht verändert. Ich bin überzeugt: Das Gute ist nach wie vor im Menschen vorhanden. Es voll und ganz zum Tragen zu bringen konnte durch den krassen Egoismus bisher nicht gelingen.

Woher kommt das Gute?

Es ist eine Gabe der Evolution; der Mensch trägt es seit Urbeginn in sich. Wären die Eltern zu ihrem Neugeborenen nicht «gut», hätte es keine Überlebenschance. Im Angesicht des Kleinen, des Hilflosen, des Bedürftigen folgen die Menschen im Allgemeinen dem ihnen innewohnenden Instinkt des ‚Guten‘. Als Leitschnur mag die Jahrtausende alte einfache Regel gelten: «Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu!» Das ist so wunderbar einfach und eigentlich eine Definition des Guten. Ein Jeder weiss sehr genau, was er nicht will, dass es ihm zustösst. Ja, er weiss viel genauer, was er nicht will, als das, was er will. Somit entsteht eine moralische Regel: «Das Moralische Grundgesetz», das jeder verstehen kann. Wichtig wäre, dass sich die Generationen mehr austauschen. Der große Feind des Guten ist der krasse Egoismus. Ältere Menschen sollten jüngeren Menschen über ihre Lebenserfahrungen berichten. Dadurch könnten wertvolle Erkenntnisse weitergegeben und das Gute gefördert werden.

Was sehen Sie als Grundvoraussetzung für ein gemeinsames Miteinander?

Den eigenen Fehler einsehen und dies den Anderen wissen zu lassen halte ich für ganz entscheidend. Ansonsten bleiben Schwelbrände, die jahrelang, jahrzehntelang im Unbewussten weiter glimmen. Es nützt nichts, auf dem Totenbett jemandem zu verzeihen. Damit entlastet der Abtretende nur sich selbst und lässt den Anderen ohnmächtig zurück, da der nicht mehr darauf reagieren kann. Furchtbar! Die oft gehörte Redewendung «Der ist für mich gestorben», ist mörderisch!

Dann sehen Sie die Entschuldigung als bedeutende menschliche Eigenschaft?

Sich entschuldigen zu können ist eine der wertvollsten Eigenschaften, zu welcher ein Mensch fähig ist. Der Mut zum Eingeständnis des eigenen Fehlers stellt einen grossen Schritt zum friedlichen Zusammenleben dar. Ich erinnere mich an einen Vorfall im Strassenverkehr. Auf der Suche nach einem Parkplatz - nur ein einziger auf der linken Strassenseite war frei - bin ich blitzartig vor einem entgegenkommenden schweren Lastwagen abgebogen und direkt in die einzige Parklücke eingeschwenkt. Der Fahrer des Lastwagens hielt ruckartig auf der Strasse an, stieg aus, kam hastig zu meinem Wagen und klopfte wütend an die Scheibe, blickte mich fassungslos und mit den Armen gestikulierend an und schrie: «Sind Sie noch normal?» Ich besann mich einen kurzen Moment und entgegnete: «Sie haben recht, das war nicht normal.» In diesem Augenblick war seine Wut verflogen: «Es war ja nicht so schlimm.» Er reichte mir die Hand, ich entschuldigte mich, wir wechselten ein paar freundliche Worte und wünschten uns gegenseitig gute Weiterfahrt. Der Vorfall ist mir bis heute eine ganz wichtige Lebenslehre geblieben.

Wenn Sie auf Ihr Berufsleben zurückblicken, was fällt Ihnen dabei auf?

Die Einstellung zum eigenen Schicksal ist entscheidend. Als Kind wollte ich Professor an einer Universität werden. Aber es war zufolge der eintretenden Umstände absolut unmöglich, dieses Ziel je zu erreichen. Nach einer Anzahl von Berufsjahren jedoch fiel mir völlig unerwartet die Möglichkeit zu, neben meinem Beruf Studenten zu unterrichten; mit grossem Engagement. Jahre später teilte mir die Universität überraschend mit, dass ich aufgrund meiner Verdienste zum Professor ernannt werde! Was ich mir zu Beginn gewünscht hatte, war eingetroffen, völlig unerwartet. Ja, Lehren, das ist meine eigentliche Berufung. Das trifft es ganz genau. Ich bin überzeugt, dass das Unbewusste nicht vergisst, was man sich vorgenommen hat. Auch wenn man es nicht hören kann, die Wege führen einen dennoch an den richtigen Ort; manchmal bemerkt man es zunächst noch gar nicht.

Welcher Sinn liegt unserem Dasein zugrunde?

Den Sinn an sich können wir nicht finden. Wir sind hineingestellt in diese Welt, niemand hat uns gefragt, ob wir in das Leben eintreten wollen und niemand hat uns ein Sinn-Angebot gemacht. Ich denke: Der Sinn des Lebens besteht darin, ihm einen Sinn zu geben. Jeder muss seinen Sinn selber finden und ihn seinem Leben als Fundament unterlegen. Denn wir brauchen alle ein «Narrativ», wie man heute sagt. Also Mythen, Geschichten, Riten, Erzählungen. Diese Elemente helfen uns, mit dem Leid, der Not und der Angst vor dem Tod fertig zu werden. Der Sinn besteht darin, gegen das Negative anzugehen und dabei zu hoffen, das Negative zu überwinden. Ein guter Freund sagte es immer wieder so: «Get over it and get along with it!», also «überwinde es und lebe damit weiter». Das Negative bleibt, aber es macht einen nicht mehr kaputt. Kulturen und Religionen zum Beispiel sind sehr starke Sinnbegründer.

Welches Verhältnis haben Sie zur Philosophie?

Wir erkennen nur das, was unser Sein uns zu erkennen frei gibt. Unsere Sinne sind unsere Werkzeuge. Ob das Objekt richtig wahrgenommen wird, ob der Verarbeitungsmechanismus in unserem Gehirn das erzeugt, was der Gegenstand ‚wirklich‘ ist, wissen wir nicht. Wir können nur die Abbilder, welche auf dem Weg über unsere Sinne in uns entstehen, als ‚unsere Wirklichkeit‘ annehmen. Der Philosoph - wörtlich übersetzt: Freund der Weisheit - setzt sich die Aufgabe, uns bei der Deutung des Realen zu helfen. In der Rück-Sicht von heute aus hätte ich den Bachelor in Physik und den Master in Philosophie anstreben sollen. Das wäre das noch bessere Fundament für mein Leben gewesen. Doch auch mit der Philosophie und den übrigen Wissenschaften zusammen werden wir die letzten Fragen nicht beantworten können: Warum bin ich in der Welt? Warum bin ich so, wie ich bin? Was soll ich tun? Was darf ich tun? Wer hat das veranlasst? Darauf werden wir keine Antworten finden. Und letztlich fallen wir in das zurück, was wir waren: Moleküle der Erde.

Glauben Sie an eine unsterbliche Seele?

Das ist zugleich eine säkulare und eine religiöse Frage. In der rein säkularen, psychologischen Betrachtung ist die Seele das Unbewusste im Menschen. Das ist sozusagen mein persönliches Archiv mit Erinnerungen, Erfahrungen, Prägungen, Gefühlen. Es ist sterblich. Es kann nicht ausserhalb meines Körpers überleben. Aus Sicht der Religionen ist die Seele etwas Geistig-Übernatürliches, das den Menschen am unsterblichen göttlichen Sein teilnehmen lässt.

Wird uns Gott am Ende alles verzeihen?

Wenn Gott sich so verhält, wie wir es aus den alten Schriften gelernt haben, wird er am Ende auch einem Stalin verzeihen. Ein barmherziger Gott, dessen Wesen Barmherzigkeit, Güte und Liebe ist, kann nicht zulassen, dass ein Mensch nimmer enden wollende Höllenqualen erleidet.

Was hat Gott mit der Welt und den Menschen gewollt?

Das können wir nicht beantworten. Wenn ich in die Welt schaue und mich frage: «Warum hat Gott sie gerade so eingerichtet?», dann kann ich das nicht beantworten, weil Gott ein metaphysisches Wesen ist und ich ein physisches. Dass wir aber anerkennen, nicht zu wissen, wer, wie und was er ist und uns trotzdem in unserem Glauben seiner Existenz gewiss bleiben können, finde ich eine sehr tragfähige und würdige Einstellung.

Hat jeder Mensch eine Lebensaufgabe?

Entweder schafft er sie sich selbst oder sie fällt ihm von aussen zu. Es können gewisse Umstände sein, in der Arbeit, im gesellschaftlichen Umfeld, die das ermöglichen. Wie man mit dieser Aufgabe umgeht, ist sehr unterschiedlich. Scheitern ist kein Schlusspunkt. Es stärkt die Kräfte zum Erfolg. Das habe ich selber erleben müssen. Ich musste durch widrige Umstände einen beruflichen Tiefpunkt in meinem Leben durchmachen. Konnte mir nicht einmal mehr Briefmarken kaufen, um Bewerbungen zu versenden. Da sagte mir ein Freund, der die Schlacht von Stalingrad erlebt hatte: «Wer sein Stalingrad nicht hinter sich bringt, kann kein reifer Mensch werden!» Das ist mir in die Knochen gefahren: Ja, man muss durch den Nullpunkt hindurch, um Stärke zu gewinnen. Ein Arzt machte vor einigen Jahren die Bemerkung, er könne nicht verstehen, dass ich trotz so manchem heftigen Ungemach in meinem Leben nicht in Alkohol, Drogen, Glücksspiel oder Frauengeschichten etc. abgestürzt sei.

Was hat Ihnen geholfen?

Mein Leitspruch: Ich übergebe mein Leben an das Leben selbst, weil ich aus Erfahrung weiß, dass mich das Leben führen wird. Das ist meine ganz persönliche Philosophie, mag sie nur für mich gelten. Ich habe so viel erlebt und finde das immer noch eine gute Einstellung. Ich hätte doch nie gedacht, dass ich mein Studium in der Hälfte der vorgegebenen Zeit durchbringe! Durch eine schwere Erkrankung musste ich Jahre später meinen Beruf aufgeben, alles um mich herum ging kaputt. Ich musste mich besinnen: Was will ich? Ich konnte drei Bereiche einkreisen: künstlerische Arbeiten realisieren, schreiben und junge Menschen an der Universität unterrichten. Am Ende jeden Tages habe ich meinen Wunsch erneut gedacht und auf einmal ging es Schritt für Schritt in diese Richtung.

Kommt daher Ihre innere Ruhe?

Ich denke schon. Es gab Zeiten, da ging es mir jämmerlich. Aber ich wusste innerlich: Nicht aufgeben! Jetzt im Alter kann ich natürlich keine Vorlesungen mehr halten. Aber Schreiben und künstlerische Arbeiten sind mir weiterhin möglich. Wenn ich aktiv bin, geht es mir gut. Das gehört für mich zusammen. Am Ende jeder Arbeit muss einfach ein Produkt stehen, etwas, das ausserhalb von mir da ist. Schach- und Kartenspiele zum Beispiel interessieren mich daher nicht, obwohl sie eine grosse und komplexe Denkarbeit erfordern und soziale Kontakte ermöglichen. Aber am Ende ist nichts da. Wohlgemerkt, das gilt nur für mich. Ich wünsche den Menschen zum Geburtstag immer Gesundheit, Zufriedenheit und Erfüllung. Wenn der Mensch Erfüllung erreichen kann, dann trägt diese ihn durch das Leben.

Welche Schriftsteller und Autoren haben Sie durch Ihr Leben begleitet?

Eigentlich nur wenige. Ich lese nie zum Vergnügen oder zur Unterhaltung, sondern um etwas zu lernen. Romane haben mich wenig interessiert, die sind mir zu konstruiert. Ich mag vor allem Kurzgeschichten. Bei den Autoren sind es drei, denen ich besonders zugetan bin: Gottfried Keller, Joseph von Eichendorf, Theodor Storm und Saint-Exupéry. Bei Keller mag ich «Das Fähnlein der sieben Aufrechten.» Er versteht es, das Leben so zu erfassen, wie es in Wirklichkeit ist. Diese Fähigkeit steht für mich hoch über allen andern. Bei Storm ist «Der Schimmelreiter» meine Lieblingsgeschichte. Es geht um einen Deich-Aufseher an der Nordsee. Er wehrt sich dagegen, dass die Bewohner in die Deiche lebendige Tiere wie Hunde oder Katzen eingraben, weil diese Opfer die Deiche stärker machen sollen. Als die Sturmflut kommt, rettet der Schimmelreiter andere Menschen, ehe er selber untergeht. Diese sehr ergreifende Geschichte fesselt mich in besonderer Weise. Ich könnte noch Goethes Faust anführen, dessen tiefgründige Dichtung mich immer wieder von Neuem fesselt. Ich bin kein Lesetyp, eben, ein Lern- und Lehrtyp. Übrigens: Durch Lehren lernt man am besten.

Meistgesehen

Artboard 1