Paul Hubschmid

Der Hollywood-Export aus Schönenwerd würde 100 Jahre alt

Sein Vater gab vor Bally-Angestellten den Gessler – Paul Hubschmid selbst brillierte in Hollywood. Am Donnerstag, den 20. Juli, würde die in Schönenwerd aufgewachsene Schweizer Filmgrösse 100 Jahre alt werden.

Paul Hubschmid kam am 20. Juli 1917 im Kantonsspital Aarau zur Welt. Seine Eltern Alice und Paul Hubschmid-Noël wohnten in einem Bally-Haus. Es war die Wohnung im 1. Stock der östlichen Hälfte des Vierfamilienhauses, die heutige Adresse lautet Tiergartenstrasse 20. Paul Hubschmid hatte später sein «ungeheiztes Bubenschlafzimmer» im Dachstock.

«Es sieht heute noch genauso aus wie zu Zeiten meiner Kindheit dort 1945 bis 1950 – nur die Fensterläden sind jetzt dunkelrot statt tiefgrün», erinnert sich Paul Hubschmids Sohn Peter, der am 14. Januar 1945 in Bad Ischl (Österreich, damals Deutsches Reich) geboren wurde und im Alter von wenigen Wochen zu den Grosseltern in Schönenwerd kam, wo er seine ersten fünf Lebensjahre bis 1950 verbrachte.

Die sich ankündigende Geburt von Paul Hubschmid war der wahre Grund, weshalb seine Eltern aus dem Kanton Zürich nach Schönenwerd zogen: «Paul und Alice Hubschmid-Noël kamen als Flüchtlinge nach Schönenwerd», schreibt deren Enkel Peter Hubschmid, der heute 72-jährig in Hamburg lebt, der Redaktion. «Sie hatten sich in Kilchberg kennen gelernt, bei Lindt & Sprüngli, wo beide im Büro arbeiteten.

SRF-Beitrag zu Paul Hubschmids erster grossen Rolle in «Füsilier Wipf» (0:00-1:30)

Nachdem sie meinen Vater gezeugt hatten, verliessen sie, um die ‹Schande› zu vertuschen, die geliebte, urbane Zürcher Heimat und fingen in Schönenwerd neu an, wo mein Grossvater eine Stelle als Kosthausverwalter bei Bally gefunden hatte.» Das Kosthaus (heute «BallyHouse» am Eingang des Bally-Parks) war das Personalrestaurant von Bally in Schönenwerd, damals die grösste Schuhfabrik Europas. Vater Hubschmid war verantwortlich für täglich 3000 Mittagessen und stellte die Menüs zusammen.

Der Druck, die «uneheliche» Zeugung» zu verschleiern, war so gross, dass Paul Hubschmids Eltern ihren Hochzeitstag zeitlebens nicht am tatsächlichen Datum im Januar feierten, sondern drei Monate früher, also im Oktober. «Mein Vater erfuhr davon erst, als er, um in Wien studieren zu können, für sein Visum eine Geburtsurkunde brauchte», schreibt Peter Hubschmid.

«Ich will Schauspieler werden»

In Schönenwerd wurde Paul Hubschmid vom Theatervirus angesteckt. Im Alter von 8 Jahren, so beschreibt er es auf den ersten Seiten seiner Autobiografie «Schöner Mann, was nun?» (1994), verfolgte er mit seinen Geschwistern Fritz und Alice an einem Sonntagnachmittag im Casino die Hauptprobe von Schillers «Wilhelm Tell», bei der sein Vater als «theaterbesessener Amateur» in einer Aufführung von Bally-Angestellten den Gessler spielte.

«Nie wieder hat mich später das Theater vor oder auf der Bühne so überwältigt», schreibt Paul Hubschmid. Später sah er seinen Vater noch in weiteren Rollen: «Er war so etwas wie ein verhinderter Schauspieler», berichtet Paul Hubschmid über seinen Vater, der während seiner kaufmännischen Lehre als Statist am Stadttheater Zürich mitwirkte und später Schauspielunterricht nahm, dann aber seinen Lebensunterhalt bei der Schokoladenfabrik Lindt & Sprüngli verdiente.

Die Theaterleidenschaft übertrug sich vom Vater auf den Sohn. Beide waren totale Fans des österreichischen Star-Schauspielers Alexander Moissi (1879-1935): «Mein Vater und ich fuhren mit dem Fahrrad nach Zürich oder Basel – jeweils rund fünfzig Kilometer immer wenn unser Liebling dort gastierte», liest man in Paul Hubschmids Autobiografie. In seinem ersten Schulaufsatz schrieb er: «Ich will Schauspieler werden.»

Ausschnitt aus "Die Züricher Verlobung" mit Lieselotte Pulver und Paul Hubschmid

Ausschnitt aus "Die Züricher Verlobung" mit Lieselotte Pulver und Paul Hubschmid

Die Mutter Alice Hubschmid-Noël war neben der Hausarbeit als Journalistin und Schriftstellerin tätig. Sie schrieb Kurzgeschichten für das Aargauer Tagblatt, mit dessen Chefredaktor Dr. Eduard Lauchenauer die Familie befreundet war. Zeitungsartikel schrieb sie morgens zwischen 6 und 7 Uhr.

Am Radio sprach sie über Frauenthemen und warb für die Einführung des Frauenstimmrechts. Sie betreute die Sorgenrubrik einer Frauenzeitschrift und beantwortete etwa die folgende Frage einer bekümmerten Mutter: «Frau Alice, Sie werden dafür wohl kaum Verständnis haben – aber mein Sohn will unbedingt Schauspieler werden …»

«Das Manuskript eines grossen Familienromans hat sie leider noch in Schönenwerd im Stubenofen verbrannt», berichtet ihr Enkel Peter Hubschmid. Immerhin: Der Schreibtisch von Alice Hubschmid ist erhalten – er befindet sich heute in Hamburg und dient der Journalistin und Romanautorin Carmen Korn, der Frau von Peter Hubschmid.

Paul Hubschmid realisierte dann den Traum seines Vaters und schaffte den Sprung auf die Theaterbühne. Nach der Schule in Schönenwerd und dem Gymnasium an der Kanti Aarau. Dort spielte er in einer Schüleraufführung den Hamlet – sein erster Auftritt auf der Bühne. «Nach meinem Aarauer Debüt äusserte ich im Familienkreis erstmals den Wunsch, Schauspieler zu werden.»

Nachdem er in Zürich bei Heinrich Gretler, Leopold Lindtberg und anderen Theatergrössen vorgesprochen hatte, konnte er 1937 nach der Matur in Aarau ein Schauspielstudium am Max-Reinhardt-Seminar in Wien aufnehmen – dank einem Stipendium von Iwan Bally, Verwaltungsratspräsident der Bally Schuhfabriken, Schönenwerder Schulpräsident und Ständerat.

Eine exzentrische Familie

Farbige Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in Schönenwerd und Aarau finden sich vor allem auf den ersten 20 Seiten von Paul Hubschmids Autobiografie von 1994: An den von der Fabriksirene geprägten Tagesablauf im Industriedorf, an die Arbeit im Garten des Hauses für die Eigenversorgung der Familie von Stachelbeeren bis Sellerie, oder an das Kosthaus, wo der Vater arbeitete: «Heute noch, jedes Mal wenn ich mit dem Schnellzug durch Schönenwerd brause, erhasche ich in Sekundenschnelle einen Blick auf das Regenbogenfenster, hinter dem er gesessen hatte.» Aber auch an die schwere Krankheit seines Bruders Fritz, der 1947 mit 29 Jahren starb.

Ausschnitt aus "Du bist Musik" mit Caterina Valente und Paul Hubschmid

Ausschnitt aus "Du bist Musik" mit Caterina Valente und Paul Hubschmid

Nach der Pensionierung von Paul Hubschmids Vater bei Bally im Juni 1953 zogen die Eltern nach Zürich. Doch in Schönenwerd und besonders im Quartier an der Tiergartenstrasse blieb die Erinnerung an den längst berühmten Schauspieler noch jahrzehntelang lebendig. Laut Paul Hubschmids Buch hatte die Familie bei den Leuten einen Ruf als «ungewöhnliche, wenn nicht gar exzentrische Familie».

Die Gemeinde Schönenwerd erinnerte sich an ihren berühmten Sohn, als sie 1978 ihr 1200-Jahr-Jubiläum feierte: Beim grossen Festspiel führte Paul Hubschmid als Sprecher durch die Szenen. Nach der Aussage seines Sohnes Peter kehrte er danach nie mehr nach Schönenwerd zurück, bis er am Neujahrstag 2002 starb. Peter Hubschmid sagt, er sei letztmals im Sommer 1995 in Schönenwerd gewesen, um seinen Kindern zu zeigen, wo er in seinen ersten fünf Jahren gelebt hatte.

Obwohl er von 1950 bis 1955 in Kalifornien und danach stets in Deutschland lebte, sagt Peter Hubschmid: «Ich spreche selbstverständlich Schweizerdeutsch.» Seine Verwandten in Zürich sagten allerdings, er habe einen norddeutschen Akzent: «Nicht weiter verwunderlich nach 42 Jahren hier in Hamburg.»

Lesen Sie in der Schweiz am Wochenende auch das Gespräch mit Sohn Peter Hubschmid.

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Autor

Christian von Arx

Christian von Arx

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