Es war einmal ein Gretzenbacher. Er hiess Urs Schenker, war 23-jährig und dachte über den Gemeinderat nach. Einer Partei wollte er aber nicht beitreten. So kandidierte er ganz allein auf seiner eigenen Liste – und wurde gewählt. Es war die Geburt der Freien Liste Gretzenbach (FLG).

Seit jenem Geburtsjahr 1985 ist die Freie Liste ununterbrochen im Gretzenbacher Gemeinderat vertreten. 1989 errang sie einen zweiten der 13 Sitze dazu, 2001 wurden es drei, 2005 wieder zwei. Als der Gemeinderat 2009 auf 7 Sitze verkleinert wurde, entfiel einer davon auf die FLG. In der aktuellen Dorfregierung, gewählt 2013, sitzen mit Gemeindevizepräsident Walter Schärer und Kurt Spielmann zwei Mitglieder der Freien Liste.

«Wirken, wo wir leben»

31 Jahre und acht Amtsperioden nach dem Start war eine Selbstüberprüfung fällig. «Vor drei Jahren hat der Vorstand gemerkt: Wenn es die Freie Liste noch lange geben soll, müssen wir uns weiterentwickeln und modernisieren», sagt der neue Präsident Kurt Spielmann. Eine Gruppe «FLG 2020» wurde eingesetzt, 10 Personen, die sich an 18 Samstagvormittagen zu Workshops trafen. Das Ergebnis wurde gestern Freitag von der Generalversammlung abgesegnet und an einem Relaunch-Event der Öffentlichkeit vorgestellt.

Seit heute heisst die Freie Liste offiziell «Fokus Gretzenbach» (FOG). Der Zusatz «Wirken, wo wir leben» erklärt Sinn und Zweck der Gruppierung: Sich am eigenen Wohnort einbringen. Zum neuen Namen kommt ein neues Logo, eine neue Website, ein neues Grundsatzpapier. Und ein Platztausch an der Spitze: Kurt Spielmann, bisher Vize, ist jetzt Präsident von Fokus Gretzenbach; Rolf Leuenberger, bisher Präsident der FLG, ist Vize. Die Vorstandsmitglieder machen weiter: Gudrun Kaucic (Aktuarin), Sandra Kunz (Kasse), Horst Kaucic (Spezialaufgaben), Walter Schärer (Gemeinderat).

«Andere Meinungen zulassen»

Als Werte von Fokus Gretzenbach nennt das Grundsatzpapier: Respekt, Offenheit, Solidarität, Aufrichtigkeit. Darunter verstehen die Autoren des Grundsatzpapiers zum Beispiel Verhaltensweisen wie «Andere ausreden lassen», «andere Meinungen zulassen» oder «Diskussions- und Kompromissbereitschaft zeigen».

Da stellt sich die Frage, was das in der politischen Praxis bedeutet. Sicher ist, dass die bisherige Freie Liste in Gretzenbach weder sozialistische noch SVP-Politik macht. Unabhängig bürgerlich, mit einer gemässigten Tendenz zu Grün, könnte man sagen. Vielleicht ist die politische Biografie der heutigen Gemeinderäte von Fokus Gretzenbach aussagekräftig. Der aktuelle Gemeindevizepräsident Walter Schärer, heute selbstständiger Unternehmer, bekleidet das gleiche Gemeindeamt schon in ganz jungen Jahren, 1977 bis 1981, damals aber als Vertreter der SP, und wechselte 1989 zur Freien Liste. Kurt Spielmann stammt aus einer Gretzenbacher CVP-Familie, sein Onkel ist der ehemalige CVP-Kantonsrat Peter Bossart. Spielmann war früher für die CVP in mehreren Kommissionen und verpasste damals eine Wahl in den Gemeinderat nur wegen eines Losentscheids. Zur Freien Liste kam er erst 2013 – «weil mir das engstirnige parteipolitischen Denken nicht mehr passte», wie er sagt. Im gleichen Jahr wurde er in den Gemeinderat gewählt.

Der Vermietung der Zivilschutzanlage als Asylunterkunft haben die beiden Fokus-Gemeinderäte zugestimmt. «Es ist ein regionales Problem», sagt Spielmann. «Mit dem auf ein Jahr befristeten Mietvertrag und dem Betriebskonzept können wir dahinterstehen.» Da steht die Nagelprobe im Dorf noch bevor.