Gretzenbach

Der Bauer der Zukunft hält ein iPad in der Hand

Das Schweizer Start-up Growcer AG arbeitet in Gretzenbach an seiner Technologie für die erste vollautomatische, vertikale Gemüsefarm. Erste Gemüsesorten konnte die Firma bereits anbauen.

Mit einem Zischen öffnet sich die Schiebetür. Die Augen brauchen einen Moment, bis sie sich an das sonderbare Licht gewöhnt haben. Alles ist pink, knallpink. Im belüfteten und eigentlich verschlossenen Raum stehen auf beiden Seiten vierstöckige Regale. Nur eines ist derzeit besetzt: Rucola, Blattsalat und Pak Choi – verwandt mit Chinakohl – wachsen still vor sich her. Ohne Erde, ohne Sonnenlicht. Dafür mit Tiefrotblaulicht und mit Nährstoffen angereichertem Wasser.

«Wir versuchen, hier drin das perfekte Klima für die Wurzeln im Wasserbad zu schaffen», erklärt Marcel Florian. Er ist Inhaber und Geschäftsführer der Growcer AG. Das Start-up ist seit Februar 2019 im Gretzenbacher Industriegebiet in einem Kellerraum eingemietet.

Die Maschinen machen die Arbeit

«Robotic Urban Farming» nennt sich die Technologie, die Florians Firma entwickelt. «Robotic», weil Maschinen alle Arbeiten übernehmen. Vom Sähen über das Bewässern bis zum Ernten. «Urban», weil die Anlagen auf wenig Platz, dafür mehrstöckig konstruiert sind. Und «Farming», weil Blattgemüse, Kräuter, Sprossen oder einige Früchte so angebaut werden können.

Florian selbst kennt sich mit Start-ups aus. Ebenso mit neuen Technologien. Im Alter von 16 Jahren erstellte er Websites für Bekannte und kleinere Firmen. Einige Jahre darauf entwarf er für die Verkaufskette Möbel Pfister eine App: «Assist» steht schweizweit in 15 Filialen zu Verfügung und ermöglicht es den Kunden, per Knopfdruck und in wenigen Sekunden einen Berater zu finden.

«Wir wollen ein Teil der Lösung sein»

Nun investiert der heute 26-Jährige sein Geld in die Growcer AG. Dafür hat er noble Gründe: «Ich will etwas machen, dass der Menschheit dabei hilft, die Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte zu lösen.» Er spricht von Klimawandel, der wachsenden Bevölkerungszahl, Wasserknappheit, Hungersnöten, beschränkten Platzverhältnissen und der Zerstörung der Umwelt durch Pestizide. «Mir ist natürlich bewusst, dass wir nicht alles alleine lösen können. Aber wir wollen ein Teil davon sein.»

In Gretzenbach verfeinern er und seine sieben Mitarbeitenden die Technologie der «Robotic Urban Farm». Die Anlage im Keller des Industriegebäudes sei nur für Testzwecke. Trotzdem: Es ist die erste solche Anlage in der Schweiz. Darum wird dem Besuch auch gleich eine Kostprobe angeboten. Obwohl die Rucola-Blätter im pinken Licht mehr grau als grün aussehen, bestätigt der Geschmackstest: Es ist Rucola. Und zwar einer der starken Sorte.

Florian erklärt: «Das ist einer der Vorteile unserer Farm. Der Geschmack unseres Gemüses ist intensiver und etwa Salate sind länger haltbar.» Dies hänge einerseits mit der Produktion, andererseits aber auch mit den kürzeren Transportwegen zwischen Farm und Verkaufsstelle zusammen. Ausserdem müsse das Gemüse nicht gewaschen werden.

Das Treibhaus 2.0

Der Geschäftsführer kommt sofort auf die weiteren Vorteile zu sprechen: Die Farm komme ohne Pestizide aus, da die Räume hermetisch abgeriegelt sind und keine Keime oder Schädlinge eindringen können. Die Farm könne ganzjährig frisches Gemüse liefern. Die Farm könne mehrstöckig anbauen und somit Platz sparen. Die Farm brauche bis zu 90 Prozent weniger Wasser, da das mit Nährstoffen versetzte Wasser bis zu sechs Wochen im Kreislauf der Farm zirkulieren könne. «Wir bauen das Treibhaus 2.0», so Florian.

In der Testanlage fallen die vielen LED-Lämpchen auf, die für das pinke Licht zuständig sind. Hunderte sind es. Das muss doch unglaublich viel Energie verbrauchen? Florian beschwichtigt: «Natürlich brauchen wir Storm. Unsere Anlage wird aber zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien versorgt.» Sei es aus Öko-Strom, der vom lokalen Energiedienstleister angeboten wird, oder durch Solarzellen auf dem Dach der Farm. «Ausserdem drehen wir für unsere Pflanzen Tag und Nacht um.» Das heisst: Nachts, wenn zu viel Strom produziert wird, leuchten die LED-Lämpchen und gaukeln dem Kopfsalat strahlenden Sonnenschein vor.

«Produzent soll weiterhin Produzent bleiben»

Ein Roboter übernimmt anschliessend die Ernte des Gemüses. Noch hat er keinen offiziellen Namen: «Wir nennen ihn AT-AT», sagt Florian und lacht. So heisst der vierbeinige Allterrain-Angriffstransporter der «Star Wars»-Trilogie. Dann ersetzt dieser Roboter künftig den Gemüsebauern? Florian antwortet ernst: «Nein, der Produzent soll weiterhin Produzent bleiben. Wir wollen auf keinen Fall im Wettbewerb mit den Bauern stehen.»

Deren künftige Arbeit habe einen einzigen Unterschied: «Der Landwirt ist der Betreiber der Farm und kann sie steuern, ohne sich im Detail mit der Technologie auszukennen.» Ein Bauer mit iPad statt Mistgabel also. Ausserdem könnten neue Arbeitsplätze in der Wartung der Maschinen sowie der Reinigung der Anlagen geschaffen werden.

Microsoft, Fenaco und Agroscope

Die Technologie der Growcer AG – sie besteht sowohl aus Software als auch aus Hardware – ist bereits patentiert. Dennoch: «Wir werden regelmässig belächelt.» Florian spricht trotzdem offen über das ambitionierte Ziel seiner Firma: «Die Schweiz soll Vorreiter im Bereich des ‹Robotic Urban Farming› sein.» Dafür sei das kleine Binnenland der «perfekte Markt mit den perfekten Voraussetzungen». Schliesslich lechzen sowohl Markt als auch Konsument nach Konstanz: Sie wollen ganzjährig frisches Gemüse, das lange haltbar, aus der Region und preiswert ist.

Um das Ziel der Vorreiterrolle zu erreichen, arbeitet die Growcer AG denn auch mit namhaften Unternehmen wie Microsoft zusammen. Ausserdem wird das Start-up durch Studien der Agroscope und die Fenaco unterstützt.

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