Nach der grossen Erweiterung des Parks zu den «Neuen Anlagen» durch Carl Franz Bally in den Jahren 1888/90 (vgl. Teil IV der Serie) war der Bau des Kosthauses im Jahr 1919 der tiefgreifendste Eingriff in die Gestalt des Parks. Das war wohl auch den Verantwortlichen, nunmehr die dritte Generation der Bally-Herren, bewusst.

Jedenfalls ging man nach Fertigstellung des Kosthauses daran, den Park umzugestalten, allerdings in moderatem Ausmass. Vor dem Kosthaus entstand das halbrunde Rasenrondell. Nebst der Pietät gegenüber der Anlage des Grossvaters dürfte auch die ausgesprochen schlechte Konjunktur der frühen 1920er dazu geführt haben, dass eine grössere Umgestaltung unterblieb.

Überhaupt wurden die Anlagen südlich beziehungsweise oberhalb des Kosthauses, also die bis heute erhaltenen Bereiche des Parks, im 20. Jahrhundert nur geringfügig verändert.

Das «Parkhotel» als Fabrikkantine

Hauptzweck des Kosthauses war die Verpflegung der Bally-Arbeiter, von denen viele aus den umliegenden Dörfern, auch aus dem Aargau, stammten. Das Kosthaus löste ein erstes, kleineres Kantinengebäude von 1879 ab.

Es hatte zwei grosse Speisesäle, im Erdgeschoss für die Arbeiter, im Obergeschoss für Angestellte. Im Dach waren Zimmer für auswärtige Arbeiter untergebracht. Als Architekt hatte Bally den ETH-Professor Karl Moser (1860–1936), damals einer der bedeutendsten Architekten der Schweiz, engagiert.

Von der Eröffnung des Kosthauses berichtet Eduard Bally in seiner «Geschichte der C. F. Bally AG»: «Gegen Schluss des Monates Oktober [1919] wurde das neue Kosthaus in den Anlagen, vom Volksmund seither ‹Parkhotel› genannt, eingeweiht. (…) Es ist bereits in Betrieb und werden ungefähr 1250 Personen per Tag am Mittag gespeist und ca. 50 nehmen die ganze Beköstigung und wohnen daselbst.»

Königlicher Besuch

Leider sind keine Texte oder Meinungen zum Kosthaus aus der Bauzeit erhalten. Dass man stolz war auf das schlossähnliche Haus, das man hier in schwierigen Zeiten für die Belegschaft gebaut hatte, liegt auf der Hand. Gerne zeigten es die Ballys etwa der rumänischen Königin Maria, einer Enkelin der britischen Königin Viktoria und des russischen Zaren Alexander II.

Eduard Bally hielt fest: «Im Laufe der zweiten Novemberwoche wurde vom rumänischen Konsul Fleischmann der in Aussicht genommene Besuch der Königin von Rumänien, die die grössten industriellen Etablissemente der Schweiz, namentlich hinsichtlich der Wohlfahrtseinrichtungen, besuchen wollte, angezeigt. Natürlich wurde die grosse Ehrung mit Vergnügen entgegengenommen am 15. November 1920.»

Auch im Winter verlockend

Sommers und winters wurden die Parkanlagen von Arbeitern und der Bevölkerung, Erwachsenen wie Kindern, in Beschlag genommen. Beweis dafür sind Einträge in der firmeneigenen Zeitschrift. Am 17. November 1921 platzierte die «Ökonomie-Verwaltung» folgende Warnung in den «Bally-Mitteilungen»: «Mit Eintritt der kalten Witterung erinnern wir unsere Arbeiterschaft in Schönenwerd daran, dass das Betreten der mit Eis bedeckten Weiher und des Kanals in den Parkanlagen verboten ist.

Infolge des veränderlichen Zuflusses dieser Gewässer ist das Betreten der Eisdecken mit Lebensgefahr verbunden, worauf wir speziell Eltern und Vormünder aufmerksam machen. Für Unfälle, die aus Nichtbeachtung dieses Verbotes entstehen, lehnen wir jede Verantwortung ab. Bei genügender Dichtigkeit des Eises wird später von uns ein Weiher zum Schlittschuhlaufen freigegeben werden.»

Eishockey als Volkssport im Park

In Kälteperioden im Winter war Schlittschuhlaufen im Park während Jahrzehnten beliebt. Davon zeugen die «Bally-Mitteilungen» vom 1. März 1956: «Der Bally-Park, der sonst um diese Jahreszeit dem Winterschlafe zu huldigen pflegt, erlebte während mehrerer Tage und sogar Nächte eine wahre Invasion von Eislaufkünstlern und solchen, die es zu werden hoffen.

Auf den zugefrorenen Weihern war stets ein buntes Treiben von jung und alt, und einen besonderen Anziehungspunkt bildeten natürlich die beiden grossen Eisfelder auf der sogenannten ‹Spycher-Matte›, welche – offenbar in weiser Voraussicht der kommenden Dinge – schon anfangs Januar durch die Ökonomie und die Gemeinde Schönenwerd für diesen Zweck vorbereitet worden waren.

Auf einem dieser Rasen- Eisfelder fanden fast täglich oder jeden Abend Hockey-Wettkämpfe statt, und die Spieler des Schönenwerder Clubs fanden wegen ihrer allseitigen Verpflichtungen kaum mehr Zeit zum Schlafen und zum Arbeiten: so streng waren die Zeiten!» Noch heute gibt es ältere Schönenwerder, die sich an wettkampfmässige Eishockeyspiele im Bally-Park erinnern.

In der warmen Jahreszeit ist der Kinderspielplatz ein beliebter Aufenthaltsort für Familien, die den Park besuchen. Die Spielgeräte wurden in der letzten Zeit erneuert, unter anderem mit einer von der dem Park benachbarten Gretzenbacher Hans Gassler AG gesponserten Schaukel.

Ursprünglich Privatbesitz …

Genutzt wurde der Park zwar seit jeher von der Öffentlichkeit; der Schweizer Heimatschutz sprach deshalb anlässlich der Vergabe des Schulthess Gartenpreises 2016 vom «ersten Volkspark in der Schweiz». Über 100 Jahre lang war er im Besitz der Firma Bally und wurde von dieser unterhalten. Öffentliches Eigentum ist der Park erst seit 2001.

Die Besitzergeschichte mag die Entwicklung des Parks von einer privaten Liebhaberei zum Kulturdenkmal im öffentlichen Besitz illustrieren. Carl Franz Bally führte sein Geschäft wie damals üblich als Einzelfirma. Der Park befand sich in seinem alleinigen Privateigentum.

… dann Firmenbesitz …

1892 ging die Firma auf seine beiden Söhne Eduard und Arthur über. Erstmals mussten Privatvermögen (das Carl Franz und seiner Frau blieb) und Firmenvermögen (das an die Söhne ging) getrennt werden. Der Park gehörte zur Firma und ging so auf die beiden Söhne bzw. ihre Kollektivgesellschaft über.

1907 erfolgte die Umwandlung der Kollektivgesellschaft in eine AG, die «C. F. Bally A.G.». 1923 errichte die dritte Generation eine Holdingstruktur mit einer Dachgesellschaft, die ihren Sitz in Zürich hatte («C. F. Bally A.G.»). Die Schönenwerder und die übrigen Schweizer Produktionsbetriebe fasste man in der «Bally Schuhfabriken A.G.» zusammen, in deren Immobilienportefeuille der Park nun gelangte.

Bally verlor 1977 die Selbstständigkeit und wurde in den Oerlikon-Bührle Konzern integriert, wobei sich an der rechtlichen Struktur nichts änderte. Nach schwierigen Jahren verkaufte Oerlikon-Bührle die Firma Bally 1999 an die Texas Pacific Group (TPG). TPG übernahm frei-lich nur den Betrieb als solchen.

Die Immobilien und damit auch der Park blieben mehrheitlich beim Oerlikon-Bührle Konzern, der sie in eine Tochtergesellschaft, die Spinnerei Kunz Windisch (SKW), einbrachte. Diese versuchte in der Folge, die Immobilien zu verkaufen. Der Park war offenbar unverkäuflich, weshalb der Oerlikon-Bührle Konzern ihn 2001 den Einwohner- und Bürgergemeinden von Schönenwerd, Niedergösgen und Gretzenbach schenkte.

... und schliesslich Gemeindebesitz

Seither ist die aus diesen sechs Gemeinden bestehende Einfache Gesellschaft Bally-Park (Präsident: Gemeindepräsident Peter Hodel, Schönenwerd) Eigentümerin des Parks, mit einem Jahresbudget von 130 000 bis 200 000 Franken. Als ausführendes Organ kümmert sich die Betriebskommission unter Leitung von Ulrich Glättli (Niedergösgen) um den Unterhalt.

Mitarbeit: cva