Rohr
Das letzte Strohdachhaus im Kanton ist jünger als vermutet

Die Jahrring-Untersuchung zeigt es: Das letzte Strohdachhaus im Kanton Solothurn, welches sich in Rohr befindet, ist erheblich jünger als vermutet. Das Haus wurde 1787 erbaut.

Christian von Arx
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Das Strohdachhaus in Rohr SO
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Das Strohdachhaus von hinten gesehen.
Jean-Pierre Hurni vom «Laboratoire Romand de Dendrochronologie» in Moudon bohrt die Balken an und entnimmt 12 cm lange Holzkerne.
Jean-Pierre Hurni in Aktion.
Der Plan des Rohrer Hauses mit Balken aus der vermutlich ersten Bauphase (gelb) und der zweiten (orange).

Das Strohdachhaus in Rohr SO

Bruno Kissling

Einst waren fast alle Bauernhäuser in unserer Gegend mit Stroh gedeckt, heute trägt im Kanton Solothurn gerade noch ein einziges diese traditionelle Bedeckung: das Strohdachhaus in Rohr. So ist man unwillkürlich geneigt, für dieses Gebäude ein sagenhaftes Alter zu vermuten.

Jetzt kann man Vermutungen durch Gewissheit ersetzen: Das Tannenholz für den Kern des Strohdachhauses am Meiermattweg 17 wurde im Herbst/Winter 1786/87 geschlagen, das Haus dann im Jahr 1787 erbaut. Dieser ursprüngliche Kern diente ausschliesslich zum Wohnen. Nach 26 Jahren erweiterten die Besitzer das kleine Haus gegen Norden um einen Ökonomieteil mit Scheune und Stall: Dieser Anbau erfolgte im Jahr 1813, mit Tannen- und Fichtenholz aus den Holzersaisons 1811/12 und 1812/13.

Das ist das Ergebnis der Jahrring-Untersuchung im Laboratoire romand de dendrochronologie in Moudon, anhand der Balkenproben, die am 18. August entnommen worden waren. Ist das auch ganz sicher? «An diesem Ergebnis gibt es keine Zweifel, das Labor würde das sonst mitteilen», erklärt Benno Furrer, Projektleiter der Schweizerischen Bauernhausforschung.

Archive werden noch durchsucht

Noch ausstehend sind Archivrecherchen zur Geschichte des Hauses. Interessant wäre, wenn sie Angaben dazu liefern könnten, was die Besitzer zum Anbau von 1813 veranlasste. Falls sich aus schriftlichen Quellen nähere Aufschlüsse ergeben, würden diese im geplanten Band zu den Solothurner Bauernhäusern berücksichtigt, der voraussichtlich 2019 erscheinen soll. An der Datierung des Hauses werde sich aber nichts ändern, meint Furrer.

229 Jahre alt ist das Rohrer Strohdachhaus also – statt eines steinalten Methusalem steht also fast schon eine Jugendschönheit mit Strohhut an der scharfen Kurve der Schafmattstrasse am oberen Dorfausgang von Rohr. Das überrascht sogar den Fachmann ein bisschen: «Ich hätte auch gedacht, dass es älter sei», sagt Benno Furrer. «Von der Konstruktion her wäre auch ein höheres Alter möglich gewesen.» In andern Teilen des Mittellands sei die Bauweise dieses Hauses früher verschwunden. «Übrigens erwiesen sich alle vier Häuser, in denen wir am 18. August Proben genommen haben, als jünger als vermutet.» Die vier Häuser befinden sich in Selzach, Rickenbach, Lostorf und Rohr.

Älter als Kölliken, jünger als Muhen

Die nächstgelegenen Strohdachhäuser finden sich nahe der Kantonsgrenze im Aargau: Dasjenige von Kölliken stammt aus dem Jahr 1802, ein weiteres in Muhen von 1720/21. Dies ist bei Pius Räber zu erfahren, der diese Häuser im Werk «Die Bauernhäuser des Kantons Aargau» (Band 2, erschienen 2002) beschrieben hat. Räber wird auch die Hochstudhäuser im Kanton Solothurn behandeln. Er sagt: «Der Aargau und das angrenzende solothurnische Gebiet sind in der Schweiz das eigentliche Rückzugsgebiet dieser archaischen Hausform.»

Als 1787 das kleine Hochstudhaus in Rohr gebaut wurde, war diese Bauweise schon mehrere Jahrhunderte alt. Der älteste noch bestehende, wenn auch mehrfach umgebaute Vertreter des
Typs Hochstudhaus im Aargau stammt aus dem Jahr 1514/15 und steht in Birrwil im Seetal. Man kann also sagen, dass sich die Besitzer in Rohr Ende des
18. Jahrhunderts beim Bau ihres Hauses für eine damals schon altertümliche oder traditionelle Bauweise entschieden haben.

Älteste Holzhäuser in Schwyz

In der Zentralschweiz existieren weit ältere Bauernhäuser aus Holz. Die Dorfbach-Stube im Schwyzer Museum in Schwyz stammt von 1308, das Haus Bethlehem der Ital-Reding-Hofstatt in Schwyz von 1287. Das älteste Holzhaus Europas, das Nideröst-Haus, ist gar ins Jahr 1176 datiert, stand an der Hinterdorfstrasse 31 in Schwyz und wurde 2012 in Morgarten wiederaufgebaut.

Im Vergleich dazu ist das Rohrer Strohdachhaus mit seinen 229 Jährchen noch taufrisch. Es ist auch kein Museum, sondern wird wacker bewohnt von Sibylle Aschwanden und Bruno Renggli. Besitzerin ist Ida Marti-Eng aus Rohr.