Rohr
Das ist das letzte Strohdachhaus im Kanton Solothurn

Was es mit der Geschichte dieses Hauses in Rohr auf sich hat, wird sich bald zeigen.

Gabriela Strähl
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Das letzte Bauernhaus, dessen Dach noch mit Stroh gedeckt ist, steht in Rohr. Das genaue Alter wird zurzeit im Rahmen des laufenden Projekts der Schweizerischen Bauernhausforschung ermittelt .

Das letzte Bauernhaus, dessen Dach noch mit Stroh gedeckt ist, steht in Rohr. Das genaue Alter wird zurzeit im Rahmen des laufenden Projekts der Schweizerischen Bauernhausforschung ermittelt .

Bruno Kissling

Eines der 15 Häuser im Kanton Solothurn, welche in der Arbeit des fünfköpfigen Forschungsteams um Benno Furrer vorgestellt werden, ist das Strohdachhaus in Rohr. Erbaut wurde es im 17. Jahrhundert. «Als letztes dieser Art im Kanton hat es einen speziellen Wert und gehört zum Projekt einfach dazu», so Mitarbeiter Roland Flückiger.

Was die frühe Geschichte des Hauses betrifft, stehen noch viele Fragezeichen im Raum. Wann und von wem wurde das Haus gebaut? Wer bewohnte es? Wurde das Haus in mehreren Bauphasen gebaut oder in einer einzigen? Anhand dessen, was sie vom Gebälk im Dachstock von aussen gesehen haben, gehen die Bauernhausforscher eher von mehr als einer Bauphase aus – dass also nachträglich angebaut oder umgebaut wurde. Ein Teil des Gebälks auf der Seite des kleinen Stalls könne jünger sein. Ob und um wie viel, ist noch offen.

Haus von Kleinbauern

Aufgrund der Ausmasse ist für sie jedoch klar, dass es sich bei den Erbauern nicht um reiche Bauern gehandelt haben kann. «Das Haus ist nicht besonders gross. Es ist ein sogenanntes Taunerhaus, ein Haus von Kleinbauern. Diese waren nicht reich, hatten aber immerhin genug Geld, um sich ein eigenes Haus zu bauen», so Flückiger. «Im Stall standen wenige Tiere.» Dazu passe auch, dass sich früher die reichen Bauern ein Haus zentral im Dorf leisten konnten, während die ärmeren Bauern etwas ausserhalb lebten, wie das beim Strohdachhaus der Fall ist. «Dieses Haus steht eher etwas ausserhalb vom Kern des damals sehr kleinen Dorfs», so Flückiger. Der alte Stall ist noch sichtbar, ebenso der Räucherofen auf dem Dachstock. Noch original aus dem 17. Jahrhundert erhalten sind die Grundmauern und das Gebälk im Dachstock. Die Bausubstanz sowie das Dach wurden mehrmals renoviert.

So lässt sich das Alter bestimmen

Die genaueste Bestimmung des Alters eines Hauses gelingt mit Holz, wie Roland Flückiger und Benno Furrer erklären. Das Alter des Holzes lässt sich aufs Jahr berechnen. Dazu nutzen die Forscher vom «Laboratoire Romand de Dendrochronologie» in Moudon spezielle Werkzeuge, mittels derer sie bis in die Mitte des Balkens hineinbohren und eine zylinderförmige Säule herausholen können. In der Untersuchung erkennen sie die einzelnen Jahrringe und die Abstände dazwischen. «Es ist wichtig, möglichst das ganze Spektrum des Baumes zu erwischen, damit alle Jahrringe sichtbar sind. Ein Stück von der Oberfläche allein sagt nicht viel aus», erklärt Jean-Pierre Hurni. Um möglichst genaue Ergebnisse zu erhalten, nehmen sie jeweils vier bis sechs Proben von verschiedenen Balken. Da Bäume stark auf äussere Bedingungen reagieren, wachsen sie nicht in jedem Jahr um gleich viel. Dies ergibt ein bestimmtes Muster, welches mit Referenzmustern abgeglichen wird, von denen die Jahreszahlen bekannt sind. «Das geschieht auch heute noch überwiegend mit dem menschlichen Auge statt mit dem Computer und braucht deshalb seine Zeit», erklärt Benno Furrer. Ganz einfach ist die Probeentnahme nicht: Hurni kommt ins Schwitzen, wie er über Leitern auf die Balken klettert und sich mit dem speziellen Bohrer durch hartes Holz kämpft. (GS)

Der erste Schritt zu neuen Erkenntnissen ist nun gemacht: Am Donnerstag entnahm Jean-Pierre Hurni vom «Laboratoire Romand de Dendrochronologie» in Moudon Proben von je vier bis sechs Balken aus den zwei vermuteten Bauphasen (siehe Kasten). Eine dendrochronologische Untersuchung soll Aufschluss über das Alter der Holzbalken geben, woraus sich das Baujahr ermitteln lässt. Dann können die Forscher im Solothurner Staatsarchiv auf Spurensuche gehen, um mehr über die Geschichte zu erfahren. «Baugesuche wie in der heutigen Zeit gab es damals natürlich noch nicht», so Mitarbeiter Pius Räber.

«Dokumentationen finden sich hauptsächlich im Zusammenhang mit Bauholzvergaben, Erbschaften oder Streitfällen und können Hinweise auf die Geschichte geben.» Ansonsten finde sich oftmals nichts. Im Fall des Strohdachhauses in Rohr ist aber noch nicht klar, wie viel die Forscher im Staatsarchiv herausfinden können.

Verkommen zur Ruine – bis 1963

Deutlich besser bekannt ist die Geschichte im 20. Jahrhundert. Seit 1961 befindet sich das Haus im Besitz der Familie Marti aus Rohr. «Wir haben es damals als eine Ruine übernommen», weiss Ida Marti-Eng, die Besitzerin des Hauses. Zuvor stand es 30 Jahre lang leer. Ihr inzwischen verstorbener Mann Gottlieb Marti ermöglichte die sofort nötige Gesamtrenovation in Zusammenarbeit mit dem Heimatschutz. «Sonst gäbe es hier wohl kein Strohdachhaus mehr.»

Bis 1980 wurde es nur als Ferien- und Wochenendhaus genutzt. «Das war nicht gut, da dann im Winter niemand nach dem Haus schaute und Gefrierschäden gab», erinnert sich Marti. Seither wird es als Wohnhaus vermietet, aktuell wohnen Bruno Renggli und Sibylle Aschwanden im Strohdachhaus. 1985 wurde eine Teilrenovation nötig, bei der unter anderem das Dach neu gedeckt wurde. 1985 wurde eine Teilrenovation nötig, bei der unter anderem das Dach neu gedeckt wurde. Etwa alle 40 Jahre muss das Strohdach saniert werden. Dazwischen reicht die regelmässige Pflege des Dachs, nämlich indem es mit einer grossen Bürste gekämmt und gebürstet wird.