Niedergösgen

Darum hat Franzose aus der Region trotz Vorbehalt Hollande gewählt

Gérard Durand, Chefkoch der Schmiedstube in Niedergösgen, kennt François Hollande und nimmt als politisch Interessierter Stellung zur Politik in Frankreich. Jean-Pierre Ritler

Gérard Durand, Chefkoch der Schmiedstube in Niedergösgen, kennt François Hollande und nimmt als politisch Interessierter Stellung zur Politik in Frankreich. Jean-Pierre Ritler

Der Chefkoch der Schmiedstube, Gérard Durand, erzählt von seinem Bezug zum französischen Präsidenten François Hollande und warum er ihn mit Vorbehalt gewählt hat.

Gérard Durand wurde am 28. Juli 1968 in Rodez in Frankreich geboren. Schon bald nach seiner Lehre als Koch und Konditor in der Hotelfachschule in Souillac/Quercy Perigord kam er der Liebe wegen in die Schweiz. 2001 wurde er Chefkoch in der «Schmiedstube» in Niedergösgen und baute danach die Produktionsküche des TG-Caterings auf. Mittlerweile bildet er auch Lernende in der Küche aus.

Gérard Durand ist auch politisch sehr interessiert. Sowohl am politischen Geschehen in Frankreich als auch an demjenigen in der Schweiz. Sein Vater war Gewerkschafter und ein aktiver Sozialliberaler, welcher sogar zum Parteipräsidenten gewählt wurde. Bis er 1985 keinen Sinn mehr darin sah, weil sich die Politik damals, seiner Meinung nach, in eine falsche Richtung entwickelte.

Die Familie Durand kommt ursprünglich aus dem Département de la Corrèze. In Frankreich sind die Autos mit Schildern gekennzeichnet, die auf das Herkunftsdépartement schliessen lassen. Das ganze Land ist in 101 Départements aufgeteilt. Der aktuelle französische Präsident, François Hollande, war im Département de la Corrèze jahrelang Präsident.

1991 wurde in Frankreich die Post reformiert. Das frühere Postunternehmen des Landes wurde in drei öffentliche Unternehmen aufgeteilt, nämlich in Postdienst, Postbank und Telekom. Der Vater von Gérard Durand hatte sich aktiv gegen diese Reform gewehrt. Dabei lernte er François Hollande kennen, der die Postreform befürwortete.

«Das kleinere Übel gewählt»

Gérard Durand hat bei den letzten Wahlen für Hollande gestimmt. Nicht weil er überzeugt von ihm war, sondern weil er nicht mehr Nicolas Sarkozy als Präsidenten sehen wollte. Sarkozys Führungskompetenzen waren ihm zu unsicher. Dieser gefährdete, nach Meinung Durands, die Zukunft des Landes. «Ich habe sozusagen das kleinere Übel gewählt. Sarkozy liebäugelte damals zu sehr mit dem Front National. Frankreich sollte auf keinen Fall in eine rechtsextreme politische Führung übergehen. Ausserdem waren Sarkozys Strategien sehr gut für die Reichen, jedoch nicht für das normale Volk», erinnert sich Gérard Durand. Darüber hinaus verschenkte Sarkozy Steuergelder an grosse Privatunternehmen und senkte die Tranchesteuern von 11 Stufen auf 9 Stufen. Dies ergab keinen Sinn, denn so zahlen die Reichsten des Landes gleich viel Steuern, wie solche, die viel weniger vermögend sind, erklärt Gérard Durand weiter. In Frankreich herrsche leider immer noch die Klasseneinteilung der Bürger.

Hollande hat Gérard Durand bei seiner Hauptrede vor der Abstimmung der Präsidentschaftswahl in Frankreich auch nicht ganz überzeugt. Bei dieser Rede werde sowieso alles Mögliche versprochen, was später während des Amts nicht eingehalten werde, erklärt Durand. «François Hollande wollte sich beispielsweise vermehrt um das Volk und um die Finanzen kümmern, was er jedoch nie richtig getan hat. Die Situation in Frankreich ist immer noch gleich schlecht wie zu Sarkozys Zeiten.» Es gehe nur darum, gewählt zu werden, meint Gérard Durand.

Hollande sprach auch von der Idee, Millionäre mit 75 Prozent zu versteuern. Das wurde bis heute nicht durchgesetzt. «Es ist nicht gut, dass in Frankreich der Präsident allein so viel Macht hat. Das Parlament sollte viel mehr Mitspracherecht haben. Das Volk wählt schliesslich das Parlament.» Sieben Bundesräte könne man allerdings in Frankreich nicht aufstellen, ist sich Gérard Durand sicher. «Die würden sich bei den Abstimmungen gegenseitig umbringen. Denn keiner wäre so kollegial, dass er gegen seine Prinzipien, der Mehrheit wegen, entscheiden würde.»

Geld aus der Schweiz zurückholen

«Hollande wird wohl bei seinem Besuch Neues zum Thema Steuern zu berichten haben», denkt Gérard Durand. Er werde das Geld der Franzosen, welche es in den Schweizer Banken haben, zurück ins eigene Land bringen wollen, könnte sich Gérard Durand vorstellen. «Er wird sicher eine Einigung mit der Schweiz vorschlagen. Investitionen in Unternehmen vonseiten der Schweiz wären rettend für Frankreich. Hollande wird wahrscheinlich versuchen, solche Verknüpfungen zwischen den beiden Ländern herzustellen.» Denn die Stimmung im Land sei sehr bedrückend. Das Hauptproblem sei die hohe Arbeitslosigkeit. Junge Leute unter 25 Jahren fänden nur durch gute Beziehungen einen Job, wenn überhaupt, berichtet Gérard Durand besorgt. «Der Frust ist gross. Die jungen Erwachsenen bleiben zu Hause bei den Eltern oder studieren, ohne Aussicht auf Perspektiven, weiter. Bei manchen kommt es sogar so weit, dass sie auf der Strasse landen.»

Das gleiche Problem hätten auch die über 50-Jährigen. Die seien den Arbeitgebern wiederum schon fast zu alt, um eingestellt zu werden. Mit verschiedenen Projekten versuche die Regierung, dagegen vorzugehen. Doch der Erfolg bleibe bis heute aus. «Deswegen fühle ich mich in der Schweiz sicher. Das Politsystem und die Wirtschaftslage sind stabil. Das Einzige, was mich beunruhigt, ist, dass eine Partei wie die SVP jeweils so viele Wahlprozente erreicht», gesteht Gérard Durand. Ausländische Mitbürger trügen sehr viel für die Infrastruktur Schweiz bei. Früher habe er oft nur angelernte Köche in Betrieben vorgefunden. Heute kommen topausgebildete Köche von überall her und vereinfachen so die Zusammenarbeit.

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