«Talente gesucht», steht in roter und schwarzer, fetter Schrift auf dem Flyer. Das Schreiben ist noch in der Vorbereitung. Bald jedoch wird es an sämtliche Niedergösger und Niedergösgerinnen verteilt. Das Ziel des Flyers: die Bevölkerung für die politische Arbeit in der Gemeinde zu sensibilisieren – und zu mobilisieren. Dies teilt die Gemeinde mit.

«Alle Personen, die sich mit ihrem Talent und Sachverstand für die Öffentlichkeit engagieren, sind ein grosser Gewinn für Niedergösgen», wird Gemeindepräsident Roberto Aletti auf dem Flyer zitiert. Und weiter: «Die Niedergösger Ortsparteien und der Gemeinderat laden Sie, liebe Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, ein, Ihre Talente einzubringen und an der Entwicklung unseres Dorfes mitzuwirken.»

Heftige Debatte im Gemeinderat

So weit, so gut. Der Aufruf erscheint sinnvoll, wenn die Zusammensetzung des Niedergösger Gemeinderats anschaut. Seit Oktober 2018 sitzen fünf CVPler und vier Unabhängige im Rat. Über die ungleiche Mischung sowie das fehlende Interesse bei der Bevölkerung störten sich bereits mehrere Gemeindepolitiker. Darum treffen sich die Vertreter der vier Ortsparteien – CVP, FDP, SP und SVP – seit Mai 2018 regelmässig an einem «Runden Tisch». So gestalteten sie zusammen etwa den besagten Flyer. Dieser soll dafür sorgen, dass nach den Wahlen von 2021 alle Ortsparteien ausgewogen in Gemeinderat und Kommissionen vertreten sind.

Der Druck des Flyers und dessen Versand werden 1700 Franken kosten. Der «Runde Tisch» beantragte deshalb beim Gemeinderat, dass die Kosten durch die Gemeinde getragen werden. Die Forderung löste laut der Mitteilung der Gemeinde eine «heftige Debatte zwischen den CVP-Vertretern und den unabhängigen Ratsmitgliedern» in der letzten Gemeinderatssitzung vor den Sommerferien aus.

Unabhängige sitzen nicht am «Runden Tisch»

Vize-Gemeindepräsident Andreas Meier sagt auf Anfrage: «Der Fraktion der Unabhängigen ging es nicht um den relativ kleinen Betrag. Wir waren aber klar der Meinung, dass es nicht Aufgabe der Gemeinde ist, die Werbung der Parteien zu finanzieren.» Damit würde sich der Gemeinderat in einer Grauzone bewegen und habe so einen wegweisenden Entscheid für die Zukunft geschaffen. Weiter seien die Unabhängigen nie für den «Runden Tisch» angefragt worden.

Gleichzeitig sieht Meier ein, dass es dringend engagierte Stimmbürger in Niedergösgen braucht, die Verantwortung übernehmen. «Darum haben wir uns in der Debatte auch dafür eingesetzt, dass die Gemeinde einen parteiunabhängigen Aufruf macht», so der langjährige Gemeinderat. Schliesslich würden ja nur etwa die Hälfte der Räte einer Partei angehören.
Die CVP-Gemeinderäte hingegen unterstützten den Antrag. Es handle sich dabei keinesfalls um politische Werbung. Man suche lediglich Talente egal welcher politischen Auffassung.

Aletti musste Stichentscheid fällen

Die darauffolgende Abstimmung an der Gemeinderatssitzung resultierte in einem Unentschieden, denn ein Gemeinderat war abwesend. So lag der Stichentscheid beim Gemeindepräsidenten: Aletti unterstützte den Antrag zur Kostenübernahme von 1700 Franken.

Meier sagt nach der Sitzung: «Auch ein Stichentscheid des Gemeindepräsidenten ist ein demokratischer Entscheid. Es gilt diesen so zu akzeptieren.» Die Fraktion der Unabhängigen wolle sich weiterhin für das Wohl der Einwohner einsetzen. Und: «Ob wir uns am ‹Runden Tisch› auch beteiligen würden, können wir erst bei einer Einladung entscheiden.»