Seit sieben Jahren führt der 10-jährige Camiro in seinem blau-weissen Führgeschirr seine Halterin zuverlässig durch die für sie visuell nicht mehr wahrnehmbaren Gassen und Strassen. Streuli und Camiro sind ein perfekt eingespieltes Team — ein Zweigespann, das man in Trimbach mittlerweile kennt.

Geschichten aus dem Alltag

Entsprechend gut besetzt waren vergangenen Montag die Plätze an den drei Tischreihen im Saal der Johanneskirche, wo Streuli im Rahmen des Seniorennachmittags «Silberdistel» der reformierten Kirche aus ihrem Leben mit Camiro berichtete. Bei Kaffee und später serviertem Znüni-Gebäck folgten während eineinhalb Stunden die rund 60 Zuhörer aufmerksam den Worten Streulis. Mit von der Partie war selbstverständlich auch der Labrador Camiro, der seine Blindenführhundqualitäten anhand einiger nachgestellten Situationen mehrmals unter Beweis stellen durfte. Dass es sich dabei um eine Geschichte einer engen Freundschaft handelt, wurde den Zuhörern rasch klar. «Camiro ist ein wahres Geschenk», betont die 82-jährige mehrmals.

Nebst dem, dass Streuli in der Johanneskirche über die Aufzucht und Ausbildung von Blindenführhunden informierte, ermutigte sie Betroffene zu einem selbstständigen Leben. «Es ist wichtig, dass man sich trotz schwindender Sehkraft oder Blindheit nicht aus der Öffentlichkeit zurückzieht und nach wie vor seine sozialen Kontakte pflegt.» Streuli selber leidet seit Jahrzehnten an unterschiedlichsten Netzhauterkrankungen und gilt als vollblind. Sie gibt gerne Tipps, wie man sich im Alltag trotz Sehbehinderung zurechtfinden kann. Praktische Hilfsmittel seien etwa Farberkennungsgeräte, sprechende Armbanduhren oder Vorlesegeräte. Das A und O sei aber vor allem, Ordnung im Haushalt zu halten. Ein wortwörtlich blindes Auffinden von Dingen erleichtere das Leben enorm. «Man kann weiterhin sehr Vieles machen und ein selbstständiges Leben führen; man muss nur wollen.» Dies ist denn auch eine der Hauptaussagen Streulis an diesem Nachmittag.

«Soll man Blinde auf der Strasse ansprechen?»

Ihre lebensbejahende, positive und aufgeschlossene Einstellung packte das Publikum. Davon zeugte auch die an den Vortrag anschliessende Fragerunde, die den Besuchern Raum bot, sich direkt an Streuli zu wenden. So waren Fragen zu vernehmen wie: «Soll man Blinde auf der Strasse ansprechen und Hilfe anbieten?», «Darf man einen Blindenführhund streicheln?» oder «Wie soll man reagieren, wenn man selbst mit einem Hund unterwegs ist?»

«Solche Fragen schätze ich», sagt Streuli. Denn im Alltag treffe sie immer wieder auf Menschen, die nicht wissen, wie sie sich verhalten sollen. «Es kommt immer wieder vor, dass Menschen einen ohne Vorwarnung am Arm packen und über die Strasse führen wollen.» Das sei wohl gut gemeint, aber für eine blinde Person seien solche Situationen meist sehr unangenehm. «Wir sind sehr dankbar um Hilfeleistungen, aber es ist wichtig, dass man sich zuerst erkundigt, ob wir Unterstützung wünschen.»

Ähnliches gilt übrigens auch für Camiro: Da von Blindenführhunden Höchstleistungen verlangt werden, sind diese jeweils hoch konzentriert bei der Arbeit. Streicheleinheiten würden die Hunde in solchen Momenten von ihrer Arbeit ablenken und ermüden. Deshalb sollte man auf einen Führhund erst zugehen, wenn klar ist, dass die Führarbeit abgeschlossen ist.

Sie will die Öffentlichkeit aufklären

Streuli geht es bei ihren Vorträgen darum, aus ihrem Alltag zu erzählen und Menschen mit einer Sehbehinderung Mut zu machen. Ein besonderes Anliegen ist ihr zudem, die Öffentlichkeit für ein Leben mit einer Sehbehinderung zu sensibiliseren. Dazu tritt sie seit sieben Jahren in Schulen oder an Firmenanlässen auf. Zwar sei dies ein sehr aufwendiges Engagement, aber der Kontakt zu den Menschen wie auch das Unterwegssein bereite ihr stets Freude. Zudem verstehe sie ihre Arbeit nicht zuletzt auch als «Dankeschön» an die Blindenhundeschule in Allschwil BL, die ihr einen «so tollen Hund wie Camiro» geschenkt habe.

Die von Streuli vermittelten Informationen und Tipps stiessen beim Publikum in der Johanneskirche auf grosse Beachtung. «Der Vortrag war sehr hilfreich, da ich viel Neues gelernt habe», hält eine Besucherin fest. Man wisse nun besser, wie man in Zukunft blinden Menschen begegnen solle. Zudem sei es immer «ein Aufsteller» zu sehen, mit wie viel Freude Streuli durchs Leben gehe.