Allerheiligen

Bildhauermeister rät zur Schlichtheit: «Es muss keine Chilbi sein auf dem Friedhof»

Daniel Poffa vor einem Grabstein, der bei Generationen von Schönenwerder Schülern Erinnerungen wachruft.

Daniel Poffa vor einem Grabstein, der bei Generationen von Schönenwerder Schülern Erinnerungen wachruft.

Für Bildhauermeister Daniel Poffa aus Schönenwerd ist das Gestalten eines Dialogs mit Verstorbenen Teil seines Berufs.

«Der Grabstein macht halt den Tod definitiv», stellt Daniel Poffa fest. Das sei auch ein Grund, warum die Angehörigen es oft hinauszögerten, sich damit zu befassen. «Aber wenn sie den Stein dann sehen, ist das Echo meistens positiv.»

Seit 1993 hat Daniel Poffa ein eigenes Bildhaueratelier in Schönenwerd. Beim Start war er der jüngste Bildhauermeister der Schweiz. Mehrere hundert Grabsteine hat er seither für die Friedhöfe im Niederamt und darüber hinaus geschaffen. Was ist es, was die Hinterbliebenen – in der Regel Partnerinnen, Partner oder Kinder – in einen Grabstein hineinlegen möchten?

Die Wünsche ausloten

«Die meisten haben am Anfang keine Vorstellung, wie er aussehen soll», erzählt Poffa. Das findet er ganz verständlich: «Damit befasst man sich ja kaum im Voraus.» Im Gespräch versucht der Gestalter, auszuloten, was sich die Auftraggeber wünschen. Er hört zu, macht sich Notizen, zeichnet in dieser ersten Phase bewusst noch nichts. Manche beziehen sich auf Äusserungen des Verstorbenen, gewissermassen auf dessen letzten Willen. Poffa ist aber überzeugt: «Die Angehörigen müssen für sich selber entscheiden.»

Manche möchten auf dem Stein einzig die Inschrift des Namens lesen. Andere wünschen ein Symbol des christlichen Glaubens – Kreuz, Taube, Fisch, ein ewiges Licht, oder einen Ölzweig als Symbol der Hoffnung. Oft haben die Angehörigen den Wunsch, dass der Grabstein an persönliche Eigenheiten, an den Beruf oder ein Hobby des Verstorbenen erinnern soll. In vielen Fällen soll der Name einer Person als Zweitinschrift auf dem bereits bestehenden Grabstein eines Partners, einer Partnerin eingetragen werden. Dabei gibt Poffa zu bedenken, dass der Stein für beide Personen passen soll.

Sich in Ruhe entscheiden

Ein paar Wochen nach dem Gespräch erhalten die Angehörigen vom Bildhauer Skizzen als Vorschläge. Ihm ist es wichtig, dass die Familie nicht unter Zeitdruck entscheiden muss, denn sie schaue nachher den Grabstein 25 Jahre lang an. Poffa sieht sich als Werkzeug, um den Wunsch der Familie umzusetzen. «Es soll etwas Persönliches sein, das zu der Person passt.»

Solche individuellen Wünsche auf dem Stein umzusetzen, ist die Herausforderung für den Bildhauermeister. Daniel Poffa liebt es, auf einem Grabstein eine versteckte Symbolik zum Ausdruck zu bringen. Ein Lebensrad, eine Lebenslinie, die Verbindung von Leben und Tod. Verbundene Kreise, die an Ehe und Partnerschaft im Leben erinnern. Linien für die Kinder und Grosskinder.

Vom Oldtimer bis zum Lieblingslied

Der Grabstein bietet Raum für überraschend viel Individualität. Ob Schach, Kegeln, Bergsteigen, Bäume, Garten, Natur, sportliche Betätigungen, Musik oder ein Oldtimerauto: Beispiele aus der Fotosammlung von Poffas Arbeiten aus 23 Jahren Berufstätigkeit zeigen eine grosse Vielfalt von individuellen Symbolen, die die Angehörigen als Erinnerung an ihre Lieben wünschten. Selbst ein Lieblingslied – «Sun, Moon and Stars» – hat er schon auf Stein verewigt.

In Schönenwerd, mit seinem hohen Anteil italienischer und anderer Einwanderer, fallen auf dem Friedhof die Eigenheiten der Gräber von Verstorbenen aus anderen Ländern und Kulturen ins Auge: Viele dieser Grabsteine zeigen Fotos der Verstorbenen, tragen ein persönliches Abschiedswort der Familie oder sind mit brennenden Lämpchen versehen. Auch christliche Symbole sind auf diesen Grabsteinen häufiger vertreten. «Der Totenkult spielt bei ihnen eine grosse Rolle.»

Zurückhaltend gestalten

Daniel Poffa rät zu Schlichtheit: «Weniger ist mehr, ein Grabstein ist keine Reklametafel.» Und er fügt bei: «Es muss keine Chilbi sein auf dem Friedhof. Aber etwas zurückhaltend Gestaltetes ist schön als Blickfang.» Wird ein Grabstein auf dem Friedhof gesetzt, erhalten die Angehörigen oft Bestätigung für ihre Wahl durch andere Friedhofbesucher. Poffa ist überzeugt, dass gut gestaltete Grabsteine ein besseres Echo auslösen als solche, die aus einem Katalog bestellt wurden. Auch dem Künstler selbst tut es gut, wenn ihm Angehörige nach einiger Zeit bestätigen: «Ein schöner Stein.»

Nicht mehr alle auf dem Friedhof

Grabsteine sind längst nicht mehr der Normalfall. Der Wandel der Werte macht nicht Halt vor der Begräbniskultur. «Wenn die Rituale in der Kirche nicht mehr gepflegt werden, dann verlieren sich auch die Rituale des Abschiednehmens», stellt Daniel Poffa fest. In Schönenwerd fanden letztes Jahr weniger als 80 Prozent der Verstorbenen ihre Ruhestätte auf dem hiesigen Friedhof. Und viele würden heute in einem Gemeinschaftsgrab, einem Urnenhain oder einer Urnenwand bestattet.

In den andern Fällen lassen Angehörige die Asche ihrer Verstorbenen in einem Friedwald beisetzen oder in der Natur verstreuen, oder sie bewahren die Urne zu Hause oder im Garten auf. Zum Letzteren steht Poffa eher kritisch: «Du brauchst einen Platz zum Trauern», meint er, «und das sollte nicht dort sein, wo du täglich lebst.» Eine örtliche Trennung dieser Bereiche findet er klüger. «Das ermöglicht es, sich bewusst an einen Ort der Trauer hin zu begeben.»

Der Gemeindefriedhof ist Ausdruck davon, dass der Mensch im Leben wie im Tod Teil einer Gemeinschaft ist. Wer an Allerheiligen oder auch sonst durchs Jahr das Grab eines Familienangehörigen besucht, wird auf dem Friedhof auch den Gräbern anderer Bekannter begegnen: Von Nachbarn, Jahrgängern, Lehrern, Arbeitskollegen, von Leuten, die eine Aufgabe in der Öffentlichkeit erfüllt hatten, oder von Miteinwohnern, die zu jung an Krankheiten oder Unfällen verstorben sind. Nicht selten finden Trauernde am Grab zum Gespräch mit den Trauernden am Grab nebenan oder in der gleichen Reihe. Dann führt das Totengedenken dazu, dass sich Lebende einander zuwenden.

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