Bernhard Spirig begegnet man nur mit sehr viel Glück in Olten. Der 62-Jährige ist selten in der Region, als er aber wegen einer Familienangelegenheit doch einmal herfindet, kommt das Treffen im Restaurant Stadtbad zustande. Denn Spirig, aufgewachsen in Starrkirch-Wil, lebt in den USA, in Saugerties im Bundesstaat New York.

«Die Leute fragen mich immer wieder, warum ich in die USA gezogen bin», erzählt der Mann mit dem grauen Kurzhaarschnitt und dem freundlichen Lächeln bei einem Kaffee. Denn das politische Klima dort findet er «schrecklich» und «deprimierend», politisches Bewusstsein sei in der Gesellschaft kaum vorhanden. «commie pinko» nennen sie ihn drüben, er ist überzeugter Sozialdemokrat. «Aber ich ging wegen meiner Frau und meinem Beruf.»

Traum vom Familienorchester

Spirig ist Musiker und passionierter Musiklehrer. Mit 9 Jahren habe er angefangen, Blockflöte zu spielen, erzählt er, 10-jährig begann er, Klavier zu spielen. Im Alter von 11 Jahren kam Querflöte dazu, mit 14 Trompete. «Mein Vater hatte immer den Traum von einem Familienorchester», meint er lächelnd. Sein Vater spielte selbst Klarinette, die Mutter sang, und auch die sechs Geschwister musizierten. Vater Hugo Spirig war ausserdem Inhaber der Kreuz-Apotheke und des Restaurants Kreuz in Olten sowie der Spirig AG in Egerkingen.

Nach der Matura am katholischen Internat Immensee im Kanton Schwyz, wo Bernhard Spirig in einem Ensemble Trompete spielte, entschied er sich dennoch erst einmal, in Zürich die Sekundarlehrerausbildung zu machen. Ein WG-Mitbewohner, der am Konservatorium studierte, inspirierte ihn aber, weiterhin Musik zu machen. «Ich wollte immer improvisieren», erinnert er sich. Er spielte in der Roten Fabrik mit Clan Miller & The Hot Kotz, trat mit Spoonful of Blues an Festivals auf. Irgendwann merkte er, dass er doch nicht Sekundarlehrer werden wollte. Und schrieb sich für die vierjährige Ausbildung an der Jazzschule Bern ein.

Talente fördern ist seine Stärke

«In den USA ist der Musikunterricht viel integrierter im Schulsystem und das Level höher als hier in der Schweiz», sagt Spirig. Das schätzt er sehr. Schon damals, als er noch in der Schweiz unterrichtete, ging es ihm immer um Talentförderung. Auch wenn der Musikunterricht hierzulande in seinen Augen stiefmütterlich behandelt wird. Noch während der Ausbildung unterrichtete er in Dorfmusiken und Musikvereinen.

Dann erhielt er eine Stelle an der Sozialmusikschule in Zürich, wo er von 1988 bis 1997 unterrichtete. «Ich wurde dort sehr kreativ», sagt er. Er gründete auf eigene Initiative eine Bigband, veranstaltete Musiklager und startete eine «Jazzinvasion» in der Schule. «Sie wurde eine richtige Talentfabrik, viele Schüler machten später die Musik zum Beruf», meint er stolz. Unterrichten und Talentefördern waren seine Stärken.

Inspirierende Atmosphäre

Als er 1996 seinen Bruder Andreas besuchte, der damals schon in Woodstock NY lebte, lernte er seine heutige Frau Carol kennen. Und zog 1997 rüber. Acht Jahre lang gab er allgemeinen Musikunterricht, seit 2008 gibt er Instrumentalunterricht an einer Primarschule. Er unterrichtet alle Instrumente.

«Mir ging es immer um die Talentförderung, darum, etwas mit den Kindern zu entwickeln», erklärt er seine Motivation. Das Wichtigste sei, dass die Beziehung zum Kind stimme. Sein Ziel sei es, eine humorvolle und inspirierende Atmosphäre zu schaffen, in der seine Schüler gemäss ihrem Talent wachsen können. Er spielt mit ihnen alle Stile «von Mozart bis Pop». «Ganz wichtig sind auch die patriotischen Sachen», meint er lachend. Stücke zum Veteran’s Day, zum Memorial Day, zum 4. Juli.

Positiv, aber unkritisch

Zu den USA hat er ein gespaltenes Verhältnis. «Das Sozialleben ist ganz anders, hier gibts kein ‹Stadtbad› oder einen ‹Chübu›, und man schaut nicht einfach mal bei Bekannten vorbei», sagt er. Das bedauert er sehr. Wo er wohnt, hätten alle ihr Einfamilienhaus, vieles sei sehr privat. Und er vermisse die Berge. Aber die positive Einstellung, der Enthusiasmus und das Experimentieren, das mag er, auch wenn viele Leute sehr unkritisch eingestellt seien.

Er selbst spielt in verschiedenen Formationen Bass und Trompete. Aber seit einigen Monaten plagt ihn der Tinnitus. Für einen Musiker «mühsam». «Aber ich muss damit zurechtkommen». Drei Jahre wird er noch unterrichten. Dann, sagt er, möchte er im Alter irgendwann wieder in die Schweiz zurückkehren. «Ich könnte mir sehr gut vorstellen, in Olten zu leben. Ich gehe gerne wandern im Jura, hier gibts Fasnacht und ich kenne ein paar Leute hier. Es ist ein gemütliches Städtli», findet er.

Auch Zürich, wo er lange lebte, kommt für ihn infrage. Nur seine amerikanische Frau Carol fände es wohl schwierig, sich in der Schweiz einzuleben. Und sein Sohn ist ganz Amerikaner. «Meine Frau würde wohl reisen und mich in der Schweiz besuchen», sagt er.