Die ersten Jahre nach Einführung der neuen Kehrichtverordnung herrschte allgemeine Empörung, so auch in Gretzenbach. Einwohner der betroffenen Gemeinden warfen ihren Müll zum Teil sogar in den Wald, um nicht für die fachgerechte Entsorgung bezahlen zu müssen. Doch man gewöhnte sich daran und die Erkenntnis, dass das Entsorgen des alten Familiensofas im nahen Waldabschnitt oder der in einen kleinen «Bahnhofghüder» gestopfte Hauskehricht doch keine so gute Alternative darstellt, hat in der Zwischenzeit die meisten Bürger erreicht.

Gewichtsabhängige Bezahlung

Im Jahr 1992 hatte das Solothurner Stimmvolk die neue kantonale Kehrichtverordnung angenommen. Eine verursachergerechte Gebührenerhebung für die Abfallkostenbewältigung war gefragt. Die Gemeinde Gretzenbach entschied sich 1997 für das Wägesystem für normalen Hauskehricht. Für die Umsetzung hatte man sich Ideen von der Berner Gemeinde Kirchberg geholt, die als Pionierin in der Schweiz ein System dieser Art bereits seit 1992 praktizierte.

Jeder Haushalt bezahlt demnach gewichtsabhängig für seinen Abfall. Für dieses System wurde bei jedem Haushalt ein Container mit Identifikationschip versehen. Bei der Entleerung wird während des Kippvorgangs der Chip berührungslos gelesen und der Container gewogen. Das Fahrzeug speichert das automatisch errechnete Nettogewicht des Abfalls und die Behälternummer. Diese Daten werden am Ende jeder Fahrt an die Gemeindeverwaltung übermittelt, wodurch später die halbjährliche Abrechnung durch die Aare Energie AG erfolgt.

Zu Beginn war auch der heutige Gemeindepräsident Daniel Cartier skeptisch: «Für mich war damals nicht klar, warum man das Ganze so kompliziert lösen muss und nicht einfach Kehrichtsäcke im Dorflädeli kaufen kann wie die anderen Gemeinden.» Auf eine anfänglich negative Einstellung blicken heute laut Umfragen dieser Zeitung viele Anwohner zurück. Es soll sogar Vorfälle gegeben haben, wo Bürger ihren eigenen Abfall in den Containern des Nachbarn entsorgt hätten. «Mit der Zeit merkte ich dann, dass dieses System für die Haushalte viel einfacher und unkomplizierter ist,» ist Cartier heute überzeugt.

Gretzenbach scheint ein Händchen für spezielle Lösungsansätze zu haben. So wurde für die Mehrfamilienhäuser eine besondere Lösung gesucht – und gefunden: Die Überbauungen verfügen über separate Wägeeinrichtungen mit Sammelcontainer. Diese werden von den Anwohnern mit einer persönlichen Chipkarte bedient. Diese wird vor dem Wägevorgang gescannt, erst danach öffnet sich die Luke und der Kehrichtsack kann eingeworfen werden. Um Staus oder Blockaden durch einen zu vollen Container zu vermeiden, wird der zuständige Hauswart bei halber Container-Kapazität automatisch benachrichtigt.

Wie sieht das in der Praxis aus? Bewohner der Überbauung Mattenweg berichten, dass der Container an manchen Tagen keine Aufnahmekapazität mehr habe. Da hätte man dann die Wahl: Den vollen «Ghüdersack» wieder zurück ins Haus tragen oder ihn einfach neben die Wägestation zu stellen. Stehen jedoch Abfallsäcke sichtbar vor der Wägeeinrichtung, werde immer sehr schnell reagiert. Im Allgemeinen funktioniere das System einwandfrei und sei sehr nutzerfreundlich.

37 Rappen pro Kilogramm Abfall

Ein Kilogramm Kehricht kostet in Gretzenbach 37 Rappen. Durch die Grundgebühren, sowie die Beiträge für die Einzelcontainer oder eben für die Chipkarten, sollen sich die Kosten des Wägesystems amortisieren, wie Cartier erläutert. Zum Vergleich: Zehn Stück der offiziellen 35-Liter-KEBAG-Kehrichtsäcke kosten aktuell Fr. 10.70. Ein beim Umzug mit Sagex gefüllter 35-Liter-Kehrichtsack kostet dabei jedoch gleich viel wie ein mit Katzensand vollgestopfter Abfallsack.

Der Grund, warum nicht alle anderen Gemeinden in der Region auch zu diesem System wechseln, hat laut Cartier nichts mit den Kosten zu tun: «Das System ist zwar für die Haushalte sehr simpel, der Aufwand für die Verwaltung ist aber dafür umso grösser. In Gemeinden, die mehr Wohnblöcke haben, wäre das System in der Anschaffung sehr aufwendig.»