Niederamt

Bauern suchen mehr Landwirtschaftsland – doch das ist gar nicht so einfach

Der Berghof Rohr würde gerne mehr Futter selber produzieren. Das dafür benötigte Land ist allerdings kaum zu bekommen.

Der Berghof Rohr würde gerne mehr Futter selber produzieren. Das dafür benötigte Land ist allerdings kaum zu bekommen.

Zwei Bauern im Niederamt sind auf der Suche nach mehr Land. Dieses ist jedoch rar und teuer – auch wegen der Direktzahlungen des Bundes. Kanton und Bauernverband sehen Handlungsbedarf, der Bund nicht.

20 Kühe tummeln sich auf dem Berghof Rohr. Susann Winkler und Christoph Schär kümmern sich um die Tiere. Stall putzen, melken, füttern. Rund vier Fünftel des Energie- und Eiweissfutters kaufen sie ein, erklärt Schär. Dabei möchte er dies eigentlich gar nicht. Viel lieber würde er sämtliches Futter selber produzieren. Doch dafür bräuchte er mehr Land. Und an mehr Landwirtschaftsfläche zu kommen, sei gar nicht so einfach.

«Schuld daran sind die landwirtschaftlichen Direktzahlungen des Bundes», sagt Schär. Landwirte haben zahlreiche Auflagen zu erfüllen, um diese zu bekommen. Und dann sind die Beiträge in verschiedene Kategorien unterteilt. So gibt es zum Beispiel Versorgungssicherheitsbeiträge oder Biodiversitätsbeiträge. Stark vereinfacht gesagt gilt aber: Je mehr Auflagen ein Bauer erfüllt und je mehr Land er besitzt, umso mehr Geld bekommt er. Zwar gibt es Einschränkungen, ab einer gewissen Fläche nehmen die Beiträge schrittweise ab. Diese Einschränkungen würden aber offenbar nicht ausreichen. Denn seit dieser Regelung seien zahlreiche Nebenerwerbsbetriebe aus dem Boden geschossen, sagt Schär: «Leute kaufen einen Hof und halten dann ein paar Pferde. Obwohl sie kaum produzieren, bekommen sie dafür Geld vom Staat.» Die Folge: Landwirtschaftsfläche würde immer rarer, die Pachtpreise würden steigen. Und Landwirte wie Christoph Schär, die produzieren wollen, schauen in die Röhre.

Es geht um viel Geld

Von Rohr nach Hauenstein-Ifenthal. Landwirt Andreas Nussbaumer arbeitet auf dem Mattenhof. Er ist auf die Zucht von «Black Angus»-Kühen spezialisiert. Man brauche eine gewisse Fläche, um als Bauer überleben zu können, sagt er: «Die Preise sind auf einem Niveau, dass sie gerade die Kosten decken. Man lebt dann von den Direktzahlungen. Und das kann nicht das Ziel sein.» Damit dies zumindest bei der nächsten Generation nicht mehr so sein wird, ist er auf der Suche nach etwas mehr Land. Aber auch er ist bisher erfolglos. Die Gründe dafür seien vielfältig, sagt er. Häufig würde Land nur verkauft, wenn eine Generation die vorherige auf einem Hof ablöse. Persönliche Gründe könnten eine wichtige Rolle spielen. Aber eben auch die Direktzahlungen: «Ich habe schon festgestellt, dass manche Leute deswegen viel zu viel Geld für ihr Land verlangen», sagt Nussbaumer. Gleichzeitig findet er aber auch: «Das ganze Thema mit den Direktzahlungen ist so komplex, ob es da überhaupt eine gerechte Lösung geben kann, weiss ich nicht.»

Bei den Direktzahlungen geht es um viel Geld. Sehr viel Geld. Rund 2,8 Milliarden Franken wurden 2017 schweizweit für Direktzahlungen ausgegeben. Stolze 75 Millionen davon im Kanton Solothurn. Für den einzelnen Landwirten sind die Zahlungen überlebensnotwendig. Rund 20 Prozent von Christoph Schärs Umsatz stammen aus den Direktzahlungen, sagt er. Bei Nussbaumer ist es ein Betrag irgendwo zwischen einem Drittel und der Hälfte. Und beide sind sich einig: Je nach Betrieb könne dieser Anteil noch höher sein, bis 60 oder sogar bis 80 Prozent.

Kanton und Bauern kritisieren

Dass dies ein Problem sein könnte, damit beschäftigte sich zuletzt auch der Kanton Solothurn. Auf Anfrage gibt man sich zwar bedeckt. Man führe nur die nationalen Gesetze aus. Es sei nicht an ihnen, sich über deren Sinn und Unsinn zu äussern. Trotzdem haben die Verantwortlichen beim Kanton ihre Meinung zu diesem Thema deutlich zum Ausdruck gebracht. Und zwar im Rahmen der Vernehmlassungsantwort zur «Agrarpolitik ab 2022» (siehe Box), die die Solothurner Regierung Ende Februar mit freundlichen Grüssen nach Bern schickte. Im Zusammenhang mit den Versorgungssicherheitsbeiträgen schreibt die Regierung: Es wird «zunehmend eine auf die Zahlung ausgerichtete Minimalbewirtschaftung festgestellt». Und zu den Plänen des Bundes, den Versorgungssicherheitsbeitrag durch einen Betriebsbeitrag (siehe dazu ebenfalls Box) zu ersetzen, schreibt der Kanton: «Der Betriebsbeitrag macht dann Sinn, wenn dieser den flächenbezogenen Beitragsdruck reduziert.»

Ein Druck sei also durchaus vorhanden. Den spürt man auch beim Solothurner Bauernverband, wie dessen Politberater Edgar Kupper erklärt. Die ganze Situation sei aber vertrackt, sagt er. Denn zum einen verfolge der Bund ökologische Ziele. So wolle und müsse er Anreize schaffen, die Bauern für einen umweltschonenden Umgang mit dem Boden belohnen. Im Hinblick auf die Biodiversitätsförderung eine gute Sache, wie er findet. Doch die Folge davon ist, dass immer mehr Landbesitzer ihr Stück Land nach den ökologischen Programmen bewirtschaften und die entgangenen Erträge durch Direktzahlungen ausgeglichen bekommen. «Damit wird aber die produzierende Landwirtschaft konkurrenziert. Das ist eine Tatsache, die man nicht wegdiskutieren kann», so Kupper. Der Bauernverband verfolge nun das Ziel, die goldene Mitte zu finden: «Damit die Produktion als wichtiger gesellschaftspolitischer Faktor ebenfalls eine starke Position innehat», so Kupper.

Und der Bund?

Aber wird mit der vom Bundesrat vorgeschlagenen Lösung diese goldene Mitte gefunden? Kritik hagelte es während der Vernehmlassung von verschiedensten Seiten. Auch Kupper findet: «Diese Problematik kommt im Gesetzesentwurf kaum zu tragen, dem Aspekt Ernährungssicherheit wird zu wenig Beachtung geschenkt.» Mehr noch: Bereits in den vergangenen acht Jahren sei eine nachhaltige Schweizer Lebensmittelproduktion aufgrund der veränderten Agrarpolitik stark reduziert worden. «Der Nettoversorgungsgrad mit Lebensmitteln in der Schweiz beträgt nur noch rund 50 Prozent», so Kupper.

Und der Bund? Von einem Problem will man da nichts wissen. Entsprechend kommt das Thema im Gesetzesentwurf kaum vor. «Die Pacht- und Verkaufspreise von landwirtschaftlichem Land werden von Angebot und Nachfrage gebildet und nicht direkt von der Direktzahlungshöhe», schreibt das Bundesamt für Landwirtschaft auf Anfrage. Eine Datengrundlage, dass Land seltener und teurer werde aufgrund der Direktzahlungen, gebe es keine.

Momentan ist der Bund dabei, die Vernehmlassungsantworten auszuwerten. Immerhin stolze 8000 Seiten. Bis das getan ist, kann es noch dauern. Wie auch immer es herauskommt: Zumindest Andreas Nussbaumer sieht keinen Grund, Trübsal zu blasen: «Schliesslich kann immer noch jeder Bauer selber entscheiden, was er auf seinem Flecken Land macht und ob er damit zufrieden ist.»

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