Ballyana
Carl Franz Bally war ein moderner und leidenschaftlicher Kopf

Carl Franz Bally war in mehrfacher Hinsicht ein Pionier, der über seine Zeit hinausdachte: Industrieller, Energieförderer, Kulturkämpfer.

Martin Matter *
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Martin Matter engagiert sich für die Bally-Erinnerungskultur in Schönenwerd. (Archiv)

Martin Matter engagiert sich für die Bally-Erinnerungskultur in Schönenwerd. (Archiv)


Bruno Kissling

Vor 200 Jahren wurde «Papa Bally» geboren. 200 Jahre C.F.Bally – runde Geburtstage bieten Gelegenheit zur Rückblende. «Papa Bally», wie der Patriarch sich gerne nennen liess, hat die Industrie im Niederamt und gesamtschweizerisch stark geprägt. Als eines von 14 Kindern, davon 9 Söhnen, die allesamt im väterlichen Bandwebegeschäft tätig waren und mehr schlecht als recht miteinander auskamen, erwies er sich bald als der innovativste der neun Brüder: Nicht selten zog er wichtige Entscheide gegen den Widerstand von Brüdern durch.

Als Erster erkannte er den bahnbrechenden Wert von Elastikgeweben, deren Produktion er mit rasch wachsendem Erfolg betrieb. Der Schuh folgte erst später, anno 1851 nach einer Reise nach Paris, wo er erstmals eine kleine Schuh-Manufaktur zu sehen bekam und seiner Gattin ein Dutzend Schuhe mitbrachte.

Harziger Start mit den Schuhen

Er sagte sich: Schuhe produzieren – das können wir doch auch! Und so begann er ohne jedes Fachwissen mit vorwiegend deutschen Schustern (die einheimischen weigerten sich aus Angst vor der Konkurrenz) mit der Produktion von Schuhen. Das lief anfänglich überhaupt nicht. Diese ersten Schuhe (von denen leider nichts erhalten ist) waren wohl recht unbequem und unelegant. Im Welschland bekam Bally zu hören: «Nous ne voulons pas de chaussures allemandes!»

Es brauchte nicht zuletzt den Rat eines guten Bekannten, der sich in Lateinamerika auskannte: Dort, sagte er ihm, besteht ein grosser Markt für deine Art Schuhe. Und so kam es, dass die Bally-Schuhe in den 1860er-Jahren dank des Umwegs über Lateinamerika allmählich auch im Heimmarkt im Wortsinne Fuss fassten.

Carl Franz Bally, 1874

Carl Franz Bally, 1874

Zvg Ballyana

Die Produktion stieg ab den 1870er-Jahren rasant, die Schuhe wurden besser und eleganter, und zwar dank der konsequenten Mechanisierung. Nicht zuletzt dank der Maschinen, die Eduard Bally, Sohn von Carl Franz, nach zähen Verhandlungen aus den USA importieren konnte. Und im Jahr 1900, also nach 50 Jahren, war Bally zur weltgrössten Schuhproduzentin geworden.

Nebenbei war C.F. Bally zu diesem Zeitpunkt auch der Vater des eidgenössischen Patentschutzgesetzes. Die Amerikaner fürchteten nämlich in den Verhandlungen mit Eduard Bally um ihr Know-how, weil die Schweiz (noch) kein Patentschutzgesetz besass, und sträubten sich deshalb. Und so liess Carl Franz Bally sich 1875 in den Nationalrat wählen mit dem einzigen Ziel, ein Patentschutzgesetz aufzugleisen. Als dies gelungen war, trat er nach drei Jahren aus dem Rat zurück.

Energie-Pionier

Maschinen benötigen Energie. Woher nehmen in Schönenwerd Mitte des 19. Jhds.? Auch in diesem Bereich dachte Carl Franz Bally weit voraus. Bei den beiden bahnbrechenden neuen Energieformen der damaligen Zeit, der Dampfkraft und dem elektrischen Strom war er an vorderster Front dabei. In den 1860er-Jahren erwarb er als erster Fabrikant weit und breit eine Dampfmaschine für seine Elastik-Webstühle, weil er befand, die menschliche Kraft reiche nicht mehr aus.

Die Elastik-Produktion lief aber so gut, dass die Kapazität dieser Maschine bald nicht mehr reichte und Bally in den 1880er-Jahren ein Mammutprojekt in Angriff nahm: den Bau eines Kanals aus der Aare ab Gretzenbacher Schachen bis zum Fabrikareal. Es war ein enormes Risiko, nicht nur technisch; sogar namhafte Ingenieure wie der Oltner Niklaus Riggenbach, Erfinder eines Zahnradbahnsystems, rieten ihm dringend davon ab. Carl Franz Bally musste sich massiv verschulden, seine Brüder opponierten stark.

Doch er boxte die Sache gegen alle Widerstände durch – und es gelang: Die mechanische, wassergetriebene Turbine drehte sich am Ende tatsächlich, zum grossen Erstaunen des neugierigen Schönenwerder Publikums. Und quasi als grosses Nebenprodukt des Kanalbaus entstand ein erster Teil des schönsten Carl-Franz-Bally-Erbes: des Bally-Parks. Später wechselte er von der mechanischen Turbine auf einen ersten Gleichstromgenerator und brachte dank eigener Konzession den Strom nach Schönenwerd. Später überliess Bally die Konzession dem EW Olten-Gösgen, gegen sehr gutes Geld.

Der engagierte Kulturkämpfer

Am meisten «feu sacré» aber zeigte C.F. Bally als überzeugter Liberaler im Kampf um Aufklärung, Volksbildung und gegen die «Pfaffen», die von der Kanzel gegen ihn wetterten. Denn er trat wortstark auch gegen die unzähligen kirchlichen Feiertage an, die einen geregelten Fabrikbetrieb erschwerten. Zudem engagierte er sich stark im Schulwesen als einem der zentralen Hebel der Volksbildung, die er von den «Pfaffen» befreit sehen wollte.

Als Mitbegründer der christkatholischen Kirchgemeinde Schönenwerd bleibt er in Erinnerung, mitten im Kulturkampf zwischen Staat und katholischer Kirche. Und noch heute blickt er eisern vom Bühl herab auf sein ehemaliges «Königreich», wie der Oltner Historiker Peter Heim es nannte.

Ballyana sucht Personal

Ballyana, die das Erbe von C.F. Bally pflegt, kann wie andere Museen bald wieder öffnen. Da der Betrieb kontinuierlich wächst, werden weitere Freiwillige gesucht. Die Arbeit ist ehrenamtlich. Jeder und jede entscheidet selbst, wie viel Zeit er oder sie aufwenden will. Hauptsächlich sucht das Museum helfende Hände für folgende Arbeiten:

Aufsicht: Betreuung die Ausstellung und/oder des Eingangsbereichs mit der Kasse während der ordentlichen Öffnungszeiten.

Führungen von Gruppen: Für diese Funktion ist Interesse an Geschichte, idealerweise an der Bally-Geschichte erwünscht und das Selbstvertrauen, vor Gruppen bis zu 25 Personen vorzutragen. Alles Wichtige an Kenntnissen wird in Kursen gelehrt. Interessierte melden sich bitte auf Telefon 062 849 91 09 oder ballyana@ballyana.ch. (mm)

*Hinweis: Der pensionierte Journalist ist Vizepräsident der Stiftung Ballyana Schönenwerd.

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