Aus Niederämter Sicht
Im Wandel

Antje Kirchhofer-Griasch
Antje Kirchhofer-Griasch
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Donato Caspari (Archiv)

Am vergangenen Sonntag fand in Niedergösgen der jährliche «Friedhofsgang» statt. Das ist eine kleine ökumenische Feier, bei welcher der Verstorbenen des letzten Jahres gedacht wird. Alle Namen der Verstorbenen werden dabei vorgelesen und dazu je eine Kerze angezündet. Ich finde, das ist eine schöne, traditionelle Feier.

Beim Gang über den Friedhof fiel mir eine Baustelle auf und ich erinnerte mich: Hier wird gebaut, um auf eine neue Art und Weise die Gräber für zukünftige Erdbestattungen vorzubereiten. Diese Zeitung berichtete darüber. Von der Planung von modernen Friedhofsanlagen verstehe ich nichts. Aber der Wandel in der Friedhofskultur betrifft natürlich nicht nur die technische Seite.

Traditionell werden im November die Gräber geschmückt und für den Winter vorbereitet, manche Leute stellen auch noch eine Kerze dazu. In Niedergösgen gibt es solche Kerzen fast auf jedem Grab.

Gräber mit Blumen zu schmücken und damit den Paradiesgarten anzudeuten ist eine uralte christliche Tradition. Die Kerzen auf den Gräbern repräsentieren dabei das Licht der Welt, Jesus Christus. Das Totengedenken hat damit zwei Seiten: Die Erinnerung an das, was vergangen ist, und die Hoffnung, auf das, was nach dem Tod kommt.

Immer mehr Menschen werden heute aus den verschiedensten Gründen nicht mehr traditionell-christlich bestattet. Andere Bestattungskulturen brauchen selbstverständlich auch Raum auf den Friedhöfen. Auch die Zahl der Menschen, die die Gräber besuchen, nimmt ab. Die Friedhofs- und die Erinnerungskultur verändern sich. Der Bestattungsort und der Ort für die Trauer sind zunehmend verschieden. Mit ein Grund dafür ist die heutige Mobilität. Die Bindung an einen Ort oder eine Region über Generationen ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr.

So besuchen Menschen heute zur Erinnerung nicht mehr nur Friedhöfe, sondern auch Online-Friedhöfe. Gedenkseiten im Internet werden beliebter. Auf solchen Gedenkseiten können Erinnerungen in Form von Bildern oder Videos veröffentlicht werden und so mit anderen Menschen, egal wo auf der Welt, geteilt werden. Im Internet können auch virtuelle Gedenkkerzen angezündet werden. Die Online-Erinnerungskultur wächst und es besteht sogar die Möglichkeit, sie mit den analogen Friedhöfen direkt zu verlinken. Ein Grabstein kann mit einem QR-Code ausgestattet werden. Der Friedhofsbesucher scannt ihn mit dem Smartphone und gelangt dann direkt auf die Trauerseite im Internet.

Ein realer Friedhof mit bepflanzten Gräbern und den Lichtern kann ein wohltuender Ort sein. Ein Friedhof kann auch dann ein Gedenkort sein, wenn dort gar keine eigenen Freunde oder Angehörige bestattet sind. Für mich war das am letzten Sonntag in Niedergösgen so. Das war gut: der schöne Ort, die besondere Stimmung, und das verbunden mit herrlicher Bergsicht. Das persönliche Gedenken bekam Raum und gleichzeitig konnte man den Blick in die Ferne richten und die Gedanken wieder weiten.

Die traditionellen Bräuche werden von immer weniger Menschen praktiziert. Wem sie nicht vertraut sind, wer zu weit weg wohnt oder wo kein persönliches Grab als Gedenkort vorhanden ist, kann heute vielfältige neue Möglichkeiten nutzen, die dem eigenen Gedenken dienen, eben so wie es den aktuellen individuellen Bedürfnissen entspricht.

Das Totengedenken im November kann vor Augen führen, wie zu allem Leben auch Wandel gehört. Mir kommt es ganz passend vor, dass sich auch die Friedhofs- und Gedenkkultur mit der Zeit verändern.

Antje Kirchhofer-Griasch ist Pfarrerin in der christkatholischen Kirchgemeinde Schönenwerd-Niedergösgen und lebt in Aarau.

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