Aus Niederämter Sicht
Die Chinesen in Obergösgen

Urs Huber
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Blick in einen Schweizer Luftschutzkeller.

Blick in einen Schweizer Luftschutzkeller.

Martin Rütschi (Archiv)

Der 13. September 1984. Die Chinesen fallen (fast unbemerkt) in Obergösgen ein. So oder so ähnlich dachte ich, als mir meine Schwester ein Dokument aus dem Büro ihres verstorbenen Mannes zeigte. Mein Schwager war Architekt gewesen und beim Räumen seines Büros traf sie wieder auf ein Dokument mit dem Titel: «Delegation der Volksrepublik China: Besuch eines privaten Schutzraumes in Obergösgen.»

Warum genau Obergösgen zum Schauplatz dieses Besuchs kam lässt sich aus dem Dokument nicht erschliessen. Ich nehme an, jemand in Solothurn kannte jemanden in Obergösgen, in diesem Fall der Zeltner den Sepp und fragte auf dem kurzen Dienstweg mal nach.

So kam es, dass gemäss Dokument der Hausbesitzer eines fast fertigen, aber noch nicht bezogenen Einfamilienhauses, der Architekt, der Schreinermeister und Blockchef(!), der Materialwart der Zivilschutzorganisation und das Ammanamt mit Kopie in den Besuch und die Besichtigung der chinesischen Delegation involviert waren. Und da wurde gewünscht, doch bitte noch schnell den Schutzraum zu möblieren, und noch schnell mit einem Not-WC zu versehen, aus dem örtlichen Zivilschutz-Magazin.

1984 waren Chinesen in Obergösgen zwar auch Menschen, aber wohl trotzdem wie von einem anderen Planeten. Heute ist China die grosse Herausforderung des «Westens», das Land mit den Chancen für die Wirtschaft, mit den vielen Menschenrechtsverletzungen, einer überwachten Gesellschaft, aber auch einem unglaublichen Sprung aus tiefster Armut und Rückständigkeit hin zu einer Wirtschafts- und Industriemacht. Jedes zweite Produkt oder Teile davon, das wir in den Händen halten, kommt aus China, und TikTok ist das ultimative Ding für eine ganze Generation rund um die Welt.

In ein paar Tagen befasst sich zufälligerweise der Kantonsrat Solothurn mit China. Ein Vorstoss will die Beziehungen mit chinesischen Behörden thematisieren, vor dem Hintergrund der Menschenrechtsverletzungen. Dies auch darum, weil die Fachhochschule Olten gute und enge Verbindungen zu chinesischen Behörden pflegt. Man wird sehen.

Meine Abschlussgedanken gelten dem Schutzraum. Er versinnbildlichte jahrzehntelang den Abwehr- und Schutzgedanken einer Gesellschaft. Er entstand im 2. Weltkrieg und entwickelte sich im Kalten Krieg weiter bis zur (sehr teuren) Perfektion. Jedem Gebäude sein Schutzraum, jedem Bürger seine Liegestelle, vordefiniert nach Plan.

Und zudem eine enorm teure Geschichte. Wohl wenig war teurer an einem Haus als der Schutzraum mit seinen Vorgaben. Manchmal denke ich, unser Land glaubt noch immer, man könne sich schützen mit möglichst dicken Mauern unter der Erde.

Meine persönliche Erfahrung ist eine andere. Der Schutzraum im Keller wurde vom Hochwasser 2007 als erstes geflutet, die Weinflaschen schwammen im Wasser und steckten im Schlamm. Die Gefahren von heute sind digital oder stammen vor allem von der Klimaveränderung. Dagegen schützt kein Schutzraum. Wenn es um Energiesparmassnahmen bei Häusern geht, singt die Gegnerschaft gerne das Lied von den Kosten für die Hauseigentümer. Aber bis heute gibt es eigentlich ein Obligatorium, einen Schutzraum zu bauen. Dass man sich für relativ wenig Geld davon loskaufen kann, macht es auch nicht besser.

Warum wir Geld in die Probleme von gestern investieren, wenn die Gefahren von morgen ganz andere sind? Ich glaube nicht, dass die Chinesen sich heute noch für einen Schutzraum in Obergösgen interessieren. Die sind weiter.

Urs Huber wohnt in Obergösgen. Er ist Sekretär beim Schweizerischen Eisenbahnerverband und SP-Kantonsrat.

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