«Welcher Käse darf es heute sein?», fragt Nicole Leuzinger hinter der reich bestückten Käsetheke. Die meisten Kunden an diesem Morgen bedient sie nicht zum ersten Mal, fast alle kennt sie beim Namen: Die 31-jährige Geschäftsführerin des Stüsslinger Dorfladens kann sich auf eine treue Stammkundschaft verlassen. Das schlägt sich auf die Atmosphäre des kleinen Ladens nieder: Man kennt sich, hat Zeit für ein Schwätzchen, bleibt für einen Kaffee.

Selbstverständlich ist das nicht: Die frühere Betreiberin des Dorfladens, die Genossenschaft «Les Mini-Marchés» mit Sitz im jurassischen Courrendlin, hat ihre Geschäftstätigkeit im April dieses Jahres aufgegeben. Die Stüsslingerin und ehemalige Filialleiterin Nicole Leuzinger hat daraufhin den Laden, in dem auch eine Postagentur integriert ist, übernommen.

Das dazu benötigte Startkapital hat sie unter anderem mithilfe von Crowdfunding zusammengetragen. Am 1. Mai war die Wiedereröffnung. Seit vier Monaten wirkt sie nun als Geschäftsführerin – Zeit für eine kleine Zwischenbilanz.

Aus den Erfahrungen lernen

«Die ersten beiden Monate liefen sensationell gut», berichtet Leuzinger. «Dann kamen der heisse Sommer und die Ferienzeit – das hat uns eiskalt erwischt.» Die Gründe sind vielfältig. Einerseits gab es höhere Verluste als üblich: Da der Laden über keine Klimaanlage verfügt, verdarben frische Nahrungsmittel wie Gemüse und Früchte viel rascher als sonst.

Andererseits war die Nachfrage geringer: Aufgrund des Rekordsommers hatten Kunden mit eigenem Garten Obst und Gemüse im Überfluss. Zudem habe man feststellen müssen, dass Ferienheimkehrer den Dorfladen weniger oft frequentierten als im restlichen Jahr: «Wenn nach den Ferien nicht mehr viel Geld übrig ist, spart man als erstes beim Essen und kauft lieber beim Discounter ein als bei uns im Dorfladen, wo die Preise etwas höher sind», lautet die Erklärung der Ladenbesitzerin.

Von diesen Schwierigkeiten lässt sie sich aber nicht verunsichern: «Aus Monaten mit schwachem Umsatz kann man lernen – und es im nächsten Jahr besser machen.» Jetzt, da das Sommerloch vorbei sei, laufe das Geschäft wieder ganz zufriedenstellend. Und betont: «Bilanziert wird erst nach einem Jahr.»

Angebot wird laufend angepasst

Der Dorfladen hat jeden Tag geöffnet – auch am Sonntagmorgen. Ob ihr diese 7-Tage-Woche nicht zu viel wird? Leuzinger winkt ab: «Ob ich nun drei oder sieben Tage im Laden stehe: Die Freude ist dieselbe!» Gleichzeitig betont sie, wie wichtig der familiäre Rückhalt sei: «Ohne die Unterstützung meiner Mutter wäre es nicht möglich, den Laden zu führen.» So ist ihre Mutter beispielsweise beim Wareneinkauf behilflich. Zwei Mitarbeitende im Stundenlohn stehen ausserdem bereit, wenn Leuzinger am verkaufsstarken Samstag Verstärkung braucht oder wenn sie ferienhalber abwesend ist.

Die Öffnungszeiten hat sie bewusst so gestaltet, dass auch Berufstätige nach der Arbeit noch Einkäufe oder Postgeschäfte tätigen können. So hat der Dorfladen abends bis 19 Uhr, vormittags bis 12.15 Uhr geöffnet. Dazwischen gibt es eine längere Pause bis 16 Uhr, in der der Laden geschlossen bleibt. Am Wochenende werden die Kunden jeweils am Morgen bedient.

Flexibilität und Experimentierfreude zeichnen die junge Geschäftsführerin aus. Immer wieder setzt sie neue Ideen um, passt Dienstleistungen den Kundenbedürfnissen an oder verwirft Angebote, die auf zu wenig Anklang stossen. Bald startet eine weitere Testphase: Ab Mitte Oktober will Leuzinger jeweils am Samstag eine Suppe ausschenken, damit sich Kunden verpflegen können, die keine Zeit oder Lust haben, selber zu kochen. Ob sie mit dieser Idee Erfolg haben wird, wird sich zeigen. An Optimismus jedenfalls mangelt es der jungen Frau nicht.