Dass Gerichtsverhandlungen nicht nur in Gerichtssälen stattfinden, hat das Amtsgericht Olten-Gösgen gestern unter Beweis gestellt. Im Rahmen einer Einzelrichterverhandlung besuchte ein dreiköpfiges Gremium den Unfallort, um sich vor Ort ein Bild zu machen.

Konkret ging es um einen Unfall, der vor ziemlich genau zwei Jahren auf der Winznauerstrasse in Trimbach an der Kreuzung zur Leinfeldstrasse und zur Kirchfeldstrasse passiert ist. Der Unfallverursacher fuhr auf der Leinfeldstrasse in Richtung Kirchfeldstrasse. Er wollte die Winznauerstrasse überqueren, um auf die Kirchfeldstrasse zu gelangen. Nach dem Stoppschild, bei dem der Beschuldigte angibt, angehalten zu haben, kam es zur Kollision mit einem von rechts kommenden Auto. Verletzt wurde niemand, auch entstand kein hoher Sachschaden. Die Staatsanwaltschaft will den Angeklagten wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln verurteilen und forderte eine Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu je 110 Franken.

Ziel: besseres Bild machen

Gegen diesen Strafbefehl hat der angeklagte Pensionär Einsprache erhoben. Ausserdem beantragte er einen Augenschein vor Ort. Dieser fand gestern, Montagmorgen statt. So fand sich an der besagten Kreuzung eine Gruppe, bestehend aus Amtsgerichtstadthalter Valentin Walter, Gerichtsschreiber Lukas Zumstein, Verteidiger Patrick Walker, dem Angeklagten und dem Fahrer des anderen, am Unfall beteiligten Autos, ein. Ziel des Augenscheins: sich ein besseres Bild über die vor Ort herrschenden Umstände machen. So schilderte Verteidiger Walker die Situation und sagte, dass die Kreuzung schwer einsehbar sei. Er deutete auf den bereits etwas in die Jahre gekommenen Spiegel.

Um diese Aussage zu untermauern, kauerte er sich vor dem Stoppschild hin und gab vor, in einem Auto zu sitzen. Um die Szene noch besser nachzustellen, stellte sich Amtsgerichtsstadthalter Walter in die rechte Ecke des Blickfeldes. «Sehen Sie einen toten Winkel?», fragte er. Um die Situation unmittelbar nach der Kollision zu beurteilen, wurde die Strassenseite gewechselt. Die beiden Autos kamen auf der Kirchfeldstrasse zu stehen. «Können Sie mir zeigen, wo der vordere und wo der hintere Teil ihres Wagens stand?», forderte Walter den angeklagten Schweizer auf.

Dieser zeigte mit entsprechenden Handzeichen, dass sich sein Auto auf der linken Fahrbahn befand. Dies tat ihm der zweite Fahrer, dessen Wagen bei dem Unfall beschädigt wurde, gleich. «Es kann auch sein, dass mein Auto noch etwas weitergerollt ist», meinte er. Daraufhin wurden die soeben gemachten Angaben mit den Unfallfotos der Polizei verglichen.

Gericht folgt Forderungen

Nach dem gut fünfminütigen Augenschein in Trimbach ging die Hauptverhandlung in den Räumlichkeiten des Amtsgerichts Olten-Gösgen in Olten weiter. «Ich sah, dass von links ein Auto kommt und leitete sofort eine Vollbremsung ein», will sich der 22-jährige Schweizer, der den zweiten Unfallwagen fuhr, erinnern. Und weiter: «Es kann sein, dass ich für meinen Termin etwas knapp dran war. Ich fuhr 50 km/h, vielleicht etwas mehr.»

Dieser Meinung war auch der Beschuldigte: «Ich habe mich vergewissert, dass von rechts niemand kommt. Dazu habe ich in den Spiegel und auf die Seite geschaut. Dann bin ich losgefahren und plötzlich war sein Auto da. Und dann hat es auch schon ‹gschäpperet›.»

Nach den beiden, gut 20-minütigen Einvernahmen folgte das Plädoyer des Verteidigers. Darin ging er auch noch einmal auf den Augenschein vor Ort ein: «Wir haben heute Morgen gesehen, dass das Sichtfeld meines Mandanten eingeschränkt war.» Ausserdem zweifelte er am Verhalten des zweiten Fahrers: «Ich kann mir gut vorstellen, dass er aus Zeitgründen etwas ‹rassig› unterwegs war. Zudem hat er ausgesagt, eine Vollbremsung eingeleitet zu haben. Auf dem Strassenbelag wurden allerdings keine Bremsspuren gefunden.» Aus diesen Gründen forderte Walker das Gericht auf, seinen Mandanten wegen einfacher und nicht wegen grober Verletzung der Verkehrsregel zu verurteilen.

Das Gericht sah dies anders: Nach einer Beratung am Nachmittag entschied es, den Forderungen der Staatsanwaltschaft zu folgen und den Beschuldigten wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu je 100 Franken zu verurteilen. Das Amtsgericht ist der Ansicht, dass es mit dem Blick in den Spiegel und nach rechts möglich ist, ein sich näherndes Auto zu erkennen.