«Es ist wie Zaubern. Einen Zaubertrick muss man auch üben, bis er perfektioniert ist.» André Wyss spricht über sein Hobby — das Bauchreden. Seit zehn Jahren ist er Ventriloquist. Das heisst: Er kann mit seinem Kehlkopf Töne erzeugen, ohne dabei seine Lippen zu bewegen.

Wenn Wyss zaubert, bleibt das Publikum staunend zurück. «Es stimmt schon. Sage ich, dass ich Bauchreden kann, ist bei meinem Gegenüber immer eine gewisse Faszination spürbar», sagt der 42-Jährige.

Gleichzeitig ist bei ihm Zurückhaltung spürbar: Während er sich in seinem Job als Finanzberater oder in seinen politischen Ämtern als Rohrer Gemeindepräsident oder Kantonsrat mit meist trockenen Sachverhalten beschäftigt, ist das Bauchreden ein Stück kreative Leidenschaft. Und dieses will er sich bewahren. Darum dauerte es mehrere Wochen, bis sich der Familienvater zu einem Gespräch mit dieser Zeitung bereit erklärte.

«Das kann wirklich jeder lernen»

Kaum hat Wyss den roten Rollkoffer in Handgepäckgrösse geöffnet und Lucy rausgezaubert, schlüpft er in die Rolle des Bauchredners. Lucy mit ihrer verstrubbelten orangefarbenen Mähne sei ganz plötzlich in sein Leben getreten: «2009 meldete mich meine Frau für einen Bauchreden-Kurs an. Zuvor habe ich lediglich manchmal im Privaten ‹theäterlet›», erzählt Wyss.

Nach einem eintägigen Grundlagenkurs und einem ebenso kurzen Fortsetzungskurs gelang ihm das Bauchreden. «Das kann wirklich jeder lernen. Man muss einfach üben.» Wie beim Zaubern eben.

Lucy, das vorwitzige achtjährige Mädchen

«Gesucht» habe er das Hobby nicht. Wyss: «Das hat sich entwickelt.» Denn eigentlich sei er kein «Theatertyp». Viel lieber bleibe er im Hintergrund. Und wenn er mit Lucy auf der Bühne stehe, sei sie der Star, nicht er.

Lucy, das ist ein vorwitziges Mädchen, das immer acht Jahre alt bleibt. Ihren Lieblingsspruch — «kei Detail» — bringt sie, wenn sie nicht mehr weiter weiss oder bei irgendetwas ertappt wurde. Und sie hat einen Ostschweizer-Dialekt. Wyss erklärt lachend: «Das kommt daher, dass ich früher mit dem ehemaligen EHC Olten-Spieler Richard Stucki zusammen in einer Lerngruppe war.» Stuckis Dialekt sei ihm über all die Jahre hinweg in Erinnerung geblieben und schliesslich ein Teil des Charakters von Lucy geworden.

Wie die Puppe zur Streitschlichterin wurde

Lucy war vor der Politik und der — mittlerweile ebenfalls achtjährigen — Tochter da. «Sie ist ein riesiges Geschenk für mich. Dank ihr lernte ich, aufzutreten», sagt Wyss. Davon könne er sowohl als Gemeindepräsident als auch als Kantonsrat profitieren.

Und auch zu Hause war Lucy immer zur Stelle: «Lucy konnte meiner Tochter die Dinge anders erklären, als ich das als Vater machen würde.» So habe die Puppe auch mal eine Meinungsverschiedenheit zwischen Vater und Tochter schlichten können.

Für jeden Auftritt ein neues Programm

Wyss steht derzeit rund acht bis zehn Mal pro Jahr mit Lucy auf kleineren oder grösseren Bühnen. Wenn ein Auftritt ansteht, vertieft sich Wyss in sein Hobby. «Jeder Auftritt ist einzigartig. Darum will ich nicht einfach Standardtexte aus der Schublade ziehen», sagt Wyss.

Er denkt sich also Texte aus, die er individuell auf das Geburtstagskind oder den Anlass zuschneidet. Er übt die Szenen zusammen mit Lucy auf dem Sofa im Einfamilienhaus am Rand von Rohr. Und er bekommt Feedback von Tochter und Ehefrau. Manchmal fliegen ihm die Ideen zu: mal bei der Arbeit, mal im Auto, mal abends beim Spielen mit seiner Tochter.

«Bisher blieb der Durchbruch aus»

Derzeit hätten aber Job, Familie und Politik Vorrang vor dem Hobby.

, so Wyss. Ob es mal eine Zeit geben könnte, in der das Bauchreden und die Auftritte zum Lebensmittelpunkt werden — diese Frage lässt der Politiker unbeantwortet.

Als er vor sechs Jahren zusammen mit Lucy eine CD aufgenommen hatte, sei ihm dieser Gedanke schon auch gekommen. «Bisher blieb der Durchbruch aber aus», sagt Wyss.

Nach einer kurzen Kostprobe seiner Bauchredenkünste streicht der Rohrer Lucy die orangefarbenen Haare zurück und zaubert sie wieder zurück in den roten Rollkoffer. Dort wartet sie, geschützt vor Staub und Licht, auf ihren nächsten Auftritt als Star. Dahinter steht der Politiker, Vater und Finanzexperte.