Lostorf
Älteste Hainbuchenallee: «Diese 270 Jahre alten Bäume sind das Wertvollste in diesem Schlossgarten»

Die älteste Hainbuchenallee der Schweiz steht beim Schloss Wartenfels in Lostorf. Für den Erhalt braucht es Fachwissen und Handarbeit.

Judith Frei
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Hainbuchenallee Schlossgarten Wartenfels
27 Bilder
Die Hainbuchenallee steht im barocken Schlossgarten.
Der Schlossgärtner zeigt den Stich von Emanuel Büchel (1754 -1773).
Bernhard findet barocke Gärten interessant.
Die Natur wird in einem barocken Garten in künstlerische Formen geschnitten.
Die Hainbuchenallee ist das wertvollste im Schlossgarten Wartenfels.
Die barocken Gärten zeichnen sich durch ihre Symmetrie und künstlerische Form aus.
Das Schloss Wartenfels liegt an der äussersten Kuppe des Dottenbergs und thront über Lostorf.
Die Allee hat ein Himmelsstrich. Die Kronen der Bäume berühren sich über dem Weg nicht.
Der Buchsbaum, der unter der Hainbuche wächst, ist auch im Kastenschnitt geschnitten.
Dieser Stamm ist innen hohl. Das ist bei älteren Bäumen normal.
Der barocke Schlossgarten Wartenfels.
Mit den Bambus-Gerüst soll die Allee in Form bleiben.
Die Bambusverstrebungen sieht man nur auf den zweiten Blick.
Die barocken Gärten zeichnen sich durch ihre Symmetrie und künstlerische Form aus.
Die Bambusverstrebungen sieht man nur auf den zweiten Blick.
Die Hainbuchenallee auf dem Schloss Wartenfels wurde über drei Wochen lang geschnitten.
Jedes Jahr muss die Allee wieder in Form gebracht werden.
Das Gerüst blieb für drei Wochen stehen.
Das Gerüst blieb für drei Wochen stehen.
Das Gerüst blieb für drei Wochen stehen.
Mit dem Alter werden die Stämme immer knorriger.
Das Gerüst blieb für drei Wochen stehen.
Das Gerüst blieb für drei Wochen stehen.
Das Gerüst blieb für drei Wochen stehen.
Der Stich von Emanuel Büchel zeigt das Schloss Wartenfels (1754 -1773) und ist eine wichtige Quelle um das Alter der Bäume zu bestimmen.
Am rechten Bildrand sieht man die Hainbuchenallee stehen.

Hainbuchenallee Schlossgarten Wartenfels

Bruno Kissling

Das Schloss Wartenfels liegt an der äussersten Kuppe des Dottenbergs und thront über Lostorf. Vom Schlossgarten her sieht man die Alpen durch den Dunst schimmern. «Bei schönem Wetter sieht man den Säntis», sagt der Schlossgärtner Stefan Bernhard. «Jetzt wohne ich schon die sechste Saison hier und manchmal vergesse ich, wie schön es hier ist.»

Er hat sich ein Bild unter den Arm geklemmt und führt durch den barocken Garten. Zuerst an den akkurat geschnittenen Buchsbäume vorbei und den niedrigen Buchshecken entlang. Am Ende des Gartens stehen Bäume, die in einem akkuraten, sogenannten Kastenschnitt geschnitten sind.

Die älteste Hainbuchenallee der Schweiz

«Das ist die älteste Hainbuchenallee der Schweiz», sagt der Gärtner. Jetzt zeigt er den Stich von Emanuel Büchel, den er unter dem Arm trug. Der Stich wurde 1756 gezeichnet und zeigt die Südseite des Schlosses. Bernhard deutet auf eine Reihe Bäume, die links neben dem Gartenpavillon stehen. «Es spricht alles dafür, dass dies die gleichen Bäume sind, die hier im Garten stehen», meint er. Diese Vermutung bestätigt der Baumexperte Michel Brunner (siehe Interview unten).

«Dass Michel Brunner auf diese Allee aufmerksam wurde, ist ein Glücksfall.» Brunner hat veranlasst, dass die Allee wieder von Grund auf in Form gebracht wird. «Es gibt wenige Baumexperten in der Schweiz, die sich auch kulturhistorisch auskennen», erklärt der Gärtner. Diesen Sommer hat Brunner selber mit angepackt und mit der Baumpflege Dietrich GmbH jeden einzelnen Zweig fachgerecht geschnitten. Der Stiftungsrat der Stiftung Schloss Wartenfels musste für diese zusätzliche Ausgabe nicht überzeugt werden, erklärt Bernhard. Der Rat kenne den Wert des Gartens.

Die Substanz steht unter Denkmalschutz

Die Allee steht unterhalb des Schlosses auf einer Terrasse. «Diese Terrasse und der Garten wurden vermutlich von Franz Karl Bonaventura Grimm von Wartenfels ab 1750 errichtet», sagt Bernhard. Über die Jahre habe sie sich abgesenkt. Mit der Terrasse auch die fünfeinhalb Meter hohe und 27 Meter lange Allee.
Der kantonale Denkmalpfleger Stefan Blank erklärt: «Beim Schloss Wartenfels steht das Ensemble unter Denkmalschutz. Das heisst, nicht nur das Gebäude steht unter Schutz, sondern auch der Garten.» Dabei ginge es sowohl um das Erscheinungsbild des Gartens, als auch um die Substanz. «Dem Erhalt der alten Bäume ist deshalb allerhöchste Priorität einzuräumen. Ein Ersatz kann nur ausnahmsweise und aufgrund triftiger Gründe erfolgen», meint der Denkmalpfleger.

Der Garten ist Kunstwerk und Biotop

Bernhard kennt sich gut mit barocken Gärten aus: «Ich fand diese Art von Gärten schon immer interessant», erklärt er. «Es ist spannend, dass dieser Garten auf der einen Seite sehr künstlich ist. Man schneidet die Büsche und Bäume auf eine Art, wie sie natürlicherweise nie wachsen würden.» Auf der anderen Seite aber, schätze er auch die naturbelassenen Elemente. «In den vielen Natursteinmauern und auch in den Bäumen wohnen viele Tiere.» So huschen Echsen über den sonnengewärmten Stein, ein Kleiber verschwindet in einer Baumkrone und überall summen Insekten in der Luft.

Bernhard führt gerne durch den Schlossgarten und teilt sein Wissen über die Flora und Fauna. Die nächste Führung findet am Mittwoch, 18. September um 19 Uhr statt.

Die Bäume sind das Wertvollste

«Diese 270 Jahre alten Bäume sind das Wertvollste in diesem Schlossgarten», meint er. «Das macht mich schon ehrfürchtig.» Die Allee steht an einem exponierten Standort. Sobald es heftig stürmt, mache er sich Sorgen um die Bäume. «Dann gehe ich nach dem Sturm immer als erstes zu der Allee und vergewissere mich, dass noch alle Bäume stehen.»

Er nimmt wieder das Bild unter den Arm, weil er weiterarbeiten muss. Abschliessend meint Bernhard schmunzelnd: «Normalerweise sagt man ja: Der Garten stirbt mit seinem Gärtner. Hier hoffe ich aber sehr, dass mich die Allee überleben wird.»

«Für mich haben die einzelnen Bäume eine Persönlichkeit»

Der Baumexperte Michel Brunner ist während seiner Buchrecherche über Alleen in der Schweiz auf die Hainbuchenallee in Lostorf gestossen. Er hat im Sommer bei der Pflege geholfen.

Waren Sie überrascht, als Sie die Allee in Lostorf entdeckten?

Michel Brunner: Ja, ich habe mich sehr gefreut, dass die Alleebäume noch in ihrer ursprünglichen Form standen. Einige davon gehören zu den dritt-
ältesten Alleebäumen der Schweiz.

Was ist an der Allee in Lostorf speziell?

Sie ist trotz des strengen Schnitts sehr urchig. Von Weitem fällt der geometrische Kastenschnitt auf und wenn man näher tritt, sieht man die bizarren Stämme und Äste. Für mich haben die einzelnen Bäume eine Persönlichkeit.

In welchem Zustand haben Sie die Allee angetroffen?

Die Bäume sind in unterschiedlichem Zustand. Einige sind sehr gesund, andere sind stark angeschlagen. Die Allee hatte einige Löcher und wir mussten die Schnittart punktuell immer wieder anpassen.

Wie muss ich mir das vorstellen?

Wir haben ein Gerüst aufgestellt, dann die Allee mit der Stangenheckenschere in Form gebracht und alles gesichert, was eine Gefahr hätte darstellen können. Danach mussten wir von Hand alle Zweige sauber zurechtschneiden. Das war ein akrobatischer Balanceakt (lacht). Das ging ganz schön ins Handgelenk. Dazu war es auch noch 38 Grad heiss. Diese Aktion dauerte zwei Wochen.

Wie geht es der Allee heute?

Jetzt haben wir eine gute Basis geschaffen. Wir haben mit Holzpfählen und Bambusästen ein Leitgerüst um die Kronen gebaut und einige Äste daran befestigt, um so die Löcher zukünftig zu stopfen. Das Gerüst bleibt für rund 10 bis 15 Jahre, um die Äste in Form zu halten.

Was sagt Ihnen das Aussehen der Bäume?

Die meisten Bäume sind hohl, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben. Manchmal stirbt ein Teil des Baumes ab und ein neues Wundholz wächst darüber. So können verschiedene Bereiche eines Baumes unterschiedlich alt sein. Bei der Allee in Lostorf sind die knorrigen Stämme auffällig. Einige Stämme sind auch fragmentiert, das heisst, sie sind aufgespalten.

Wie können Sie die Bäume datieren?

Es ist schwierig, Bäume auf das Jahr genau zu bestimmen. Es handelt sich dabei immer um Schätzungen. Aber bei dieser Hainbuchenallee können wir dank historischer Quellen, wie dem Stich von Emanuel Büchel und dem Wachstum der Bäume ziemlich genau sagen, dass die Bäume um 1750 gesetzt wurden.

Wieso ist der Erhalt alter Bäume wichtig?

Biodiversität heisst nicht nur, dass verschiedene Arten erhalten werden müssen, sondern auch, dass man ein breites Altersspektrum hat. Wie es in einer Gesellschaft auch der Fall sein sollte. Alte und auch schon abgestorbene Bäume bieten Lebensräume für verschiedene Tiere. Ältere Bäume sind oftmals resistenter als jüngere, die aus Baumschulen kommen. Sie sind besser an ihre Umgebung angepasst

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