Kolumne
Alte Gummi-Spuren am Hauenstein

Die NamenDamen auf einer Tour zu zackigen, bauchigen, gekrümmten, vorspringenden und verkürzten Fluren.

Jacqueline Reber
Merken
Drucken
Teilen
Das Gumiflüeli an der Grenze von Hauenstein und Trimbach (Felspartien rechts oben) liegt nordöstlich der Einsenkung (Gumme, cumba), an deren östlichem Hang die römische Passstrasse (heute Wanderweg) über den Hauenstein verlief (unten und oben die moderne Passstrasse, oben Häuser des Dorfes Hauenstein).

Das Gumiflüeli an der Grenze von Hauenstein und Trimbach (Felspartien rechts oben) liegt nordöstlich der Einsenkung (Gumme, cumba), an deren östlichem Hang die römische Passstrasse (heute Wanderweg) über den Hauenstein verlief (unten und oben die moderne Passstrasse, oben Häuser des Dorfes Hauenstein).

Bruno Kissling

Viele Fluren haben den Namen von ihrer (ehemaligen) Form erhalten. Bei Flurnamen wie dem Winkel, dem Langacker oder der Egg ist das offensichtlich, ebenso bei solchen mit –tal oder –berg. Doch gehören auch die Namen Geren, Butten, Bütti oder Büttenen in diese Kategorie, ebenso Gummen, Stelzen oder Stumpen. Was bedeuten diese Ausdrücke genau?

Dreizack in der Landschaft

Geren oder Gerenacker sind in sehr vielen Gemeinden bekannt. Es gibt den Gerenweg (Herbetswil) und den Gerbrunnen in Trimbach, nach dem übrigens auch das Schulhaus benannt wurde. Im Niederamt besonders bekannt ist der Armee-Schiessplatz Gehren in Erlinsbach AG mit dem Restaurant Waldhaus Gehren.

Ein Ger meint ursprünglich einen Wurfspiess, speziell einen dreizackigen Speer, einen Zwickel (Keil) oder ein dreieckiges Grundstück. Im Schweizerdeutschen bedeutet Ger auch Fischergabel mit widerhakigen Zinken. Das althochdeutsche Wort Ger ist ausserdem ein häufiges Glied von männlichen und weiblichen Personennamen, zum Beispiel Gerhard, Gerold, Gertrud, aber auch Ansger, Isanger, Notger.

In der Namengebung bezeichnet Ger häufig einen spitzen Streifen Land oder dreiwinkliges Grundstück. Der Gerbrunnen in Trimbach etwa meint ursprünglich eine Quelle beziehungsweise einen Brunnen in einem dreieckigen Grundstück. Tatsächlich liegt neben dem Gerbrunnen auch der Gerbrunnenacker in einem dreieckigen Spitz. Weiter sind in unseren Akten Belege zu finden für Gerenboden (Neuendorf, Niederbuchsiten) und Gerenfeld (Aedermannsdorf).

Viele Büttene an den Abhängen

Das schweizerdeutsche Wort Butte, Bütte oder Bütti, in der Mehrzahl Büttene, bedeutet hölzernes Gefäss, Bottich, Kübel oder Zuber, übertragen auf die Namenlandschaft auch wannenförmige Vertiefungen in Flussbetten.

Im Neuhochdeutschen ist es die Bezeichnung für ein grosses, wannenähnliches Gefäss zur Aufnahme von Flüssigkeiten oder kleineren Früchten, zum Beispiel Trauben. Die Bütte dient bei der Weinlese als Traggefäss. Das Wort ist entlehnt aus dem Mittellateinischen butina «Flasche, Gefäss». Als Flurnamen bezeichnet Bütte jeweils wannenförmige Vertiefungen.

Den Flurnamen Butten in Oensingen gibt es schon fast 600 Jahre, erstmals schriftlich belegt 1423 im bernisch-solothurnischen Urbar. Noch heute trägt dort ein Wohnquartier diesen Namen. Davon abgeleitet sind die Flurnamen Buttenacker, Buttigraben, Buttengass und Buttenstrasse.

Des Weiteren gibt es die Büttenen und das Büttenenhofstettli (Balsthal), den Bütten(en)graben (Aedermannsdorf, Herbetswil), das Büttenenloch (Aedermannsdorf), die Buttenmatt und den Büttibach (Kienberg) sowie die Bütti und das Büttygässli (Balsthal).

In Flurnamen ist jeweils auch ein Zusammenhang mit Butte «Hagebutte, (Frucht der) Heckenrose» zu prüfen. Flurnamen mit diesem Element würden auf das Vorhandensein dieser Pflanze am so benannten Ort verweisen. Im Einzelfall ist zudem ein Bezug zum althochdeutschen Personennamen But(t)o nicht auszuschliessen, der auf einen Besitzer hinweisen würde.

Gummi auf dem Hauenstein?

Das Gumiflüeli oder Gummenflüeli in Hauenstein ist nicht etwa gummig, das schweizerdeutsche Wort Gumme oder auch Chumme meint nämlich eine wellenförmig gekrümmte Bodenfläche oder eine mulden- oder kesselförmige Ausbuchtung im Gebirge, einen Hügel oder Bergkopf also.

Es stammt vom galloromanischen comba, mittellateinisch cumba, und bedeutet Abhang. Im welschen Jura begegnet das Wort in vielen Flurnamen mit Combe, zum Beispiel in der grossen Schlucht Combe Grède auf der Nordseite des Chasseral.

Tatsächlich liegt das Gumifüeli oder Gummenflüeli auf der Bergkrete nordöstlich des Felseinschnitts der historischen Passstrasse über den Unteren Hauenstein, an der Gemeindegrenze von Hauenstein und Trimbach. Als Flurname bezeichnet Gumme Hangmulden und talförmige kleinere Einsenkungen. Auch in Trimbach ist in unseren Akten eine Flur namens Gummen belegt.

Auf der Stelze in Rohr oder der Stelzenmatt in Härkingen laufen keine Kinder auf Stelzen auf der Matte herum. Auch dieser Flurname ist auf die Form des Feldes zurückzuführen. In der Flurnamengebung ist damit nämlich ein Grundstück gemeint, das aus einem längeren und einem kürzeren Teil besteht oder an dem an einer Seite ein Stück hervorragt.

Es sind vor allem Äcker, die mit einem Stück über den Rest hinausragen. Auch Landstücke, die aus zwei rechtwinklig aufeinanderstossenden Streifen gebildet sind, oder schlicht Örtlichkeiten mit vorspringenden Teilen werden so genannt.

Eine Stelze ist eigentlich ein Holzbein, eine Krücke beziehungsweise eine Stütze, kann aber im Schweizerdeutschen eben auch einen vorspringenden Teil einer im Übrigen regelmässigen Fläche bezeichnen.

Stelzen oder Stälzen, aber auch Stelzacker gibt es in sehr vielen Gemeinden. Weiter sind der Stelzenackerweg (Balsthal), die Stelzenmatt (Egerkingen, Oensingen) sowie der Stelzenweg (Wisen) belegt.

Stumpen, bis der Kopf raucht

Und was ist mit dem Stumpen in Neuendorf? Heute kennt man dort vor allem noch den Stumpenrain und den Stumpenrainweg. Haben die Bauern dort viele Stumpen geraucht?

Nicht ganz – Stump oder Stumpe(n) ist eine oberdeutsche Form zu Stumpf und meint einen (durch Abschneiden, Abbrechen oder Abrauchen) verkürzten, übrig bleibenden Teil, den Stummel eines Ganzen also, auch Stoppel, Wurzelstock oder Aststummel.

Tatsächlich kann das Wort auch die Sonderbedeutung «abgeschnittene kurze Zigarre» haben. In der Waldwirtschaft kann Stumpe zudem ein Synonym sein für Stock, was Stamm oder Wurzelstock bedeutet.

In Flurnamen bezeichnen Stump(f) und auch die Ableitung Stümpfler verkürzte, stumpenförmige Geländestücke. In Strassennamen wird das Element zudem häufig für Sackgassen verwendet, so zum Beispiel beim Stumpenweg in Balsthal und Härkingen.

Es sind zwar beides Waldwege, aber keine durchgehenden. Weiter sind in unseren Akten Stumpenacker (Neuendorf), Stumpenbaumacker (Stüsslingen), Stumpenjucharten (Niederbuchsiten), Stumpenrain (Härkingen, Niederbuchsiten), die Stumpenrüti und der Stümpfler (Wisen) belegt. Da raucht einem ja der Kopf vor lauter Stumpen ...