Gretzenbach
Alles Handarbeit: Jährlich verlassen 1500 Fahrräder die Schlosserei

Jährlich rund 1500 Fahrräder produziert der Familienbetrieb Aarios AG. Angesichts der über 320 000 verkauften Velos in der Schweiz ein Klacks, aber ein besonderer. Jeder Stahlrahmen wird von Hand gelötet.

Franz Schaible
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Aarios-Chef Arnold Ramel (l.) in der «Rohrschlosserei». Dort werden die Stahl-Velorahmen gelötet, nicht geschweisst.

Aarios-Chef Arnold Ramel (l.) in der «Rohrschlosserei». Dort werden die Stahl-Velorahmen gelötet, nicht geschweisst.

Hansruedi Aeschbacher

Seine Wesensart und sein Auftritt verraten es: Arnold Ramel ist es offenbar gewohnt, anzupacken – und zwar nicht nur im Büro, sondern vor allem in der «Rohrschlosserei», wie er seinen Betrieb, die Fahrradfabrik Aarios AG in Gretzenbach, stolz, ja fast liebevoll bezeichnet.

Der 69-jährige Unternehmer sitzt am Tischchen im kleinen Pausenraum, klemmt den Bleistift hinters Ohr, rückt die Brille zurecht und beginnt zu erzählen. Seit 1976 produzieren Ramel und sein 15-köpfiges Team Fahrräder, mit Betonung auf produzieren und nicht montieren. Als noch einzige industrielle Velofabrik der Schweiz – nebst einigen Nischenplayern mit Kleinststückzahlen – fertigen die Gretzenbacher die Rahmen, das Herzstück jedes Zweirades, selbst. Jährlich sei es mit 1500 «eine anständige Menge».

«Wir importieren keine Rahmen», sagt Ramel fast trotzig. In einer Zeit, in welcher praktisch alle Velorahmen, die in der Schweiz verarbeitet werden, in Asien gefertigt und günstig eingeführt werden.

«Fahrräder sollte man bauen»

Arnold Ramel träumte in den 70er-Jahren von der Selbstständigkeit. Zum Fahrrad hatte der frühere Verkaufschef beim Chemiezweig von Bally, der Bally CTU in Schönenwerd, zwar keine spezielle Affinität. Aber während der damaligen Erdölkrise sinnierte er: «Das Autofahren wird zu teuer, Fahrräder sollte man bauen.» 1976 machte Ramel seinen Traum wahr und kaufte die 1930 in Aarau gegründete Velofabrik Aarios. Zur Finanzierung «musste ich die Hosen ganz weit herunterlassen. Keine Bank wollte die Übernahme finanzieren», blickt Ramel zurück. Noch heute sei die Firma vollständig eigenfinanziert. 1981 verlegte er die Produktion in eine neue Werkhalle am heutigen Standort in Gretzenbach. Der 69-Jährige ist immer noch Chef der Aarios AG, hat aber die Nachfolge geregelt. Zwei seiner drei Kinder seien heute voll engagiert im Betrieb und würden die Aarios in seinem Sinne weiterführen, so Ramel. Es gelte primär, die Qualität hochzuhalten. Dank der Velo-Globetrotter seien «Aarios-Reiseräder im hintersten Winkel der Erde anzutreffen». (FS)

Hauptgrund ist der durch die steigenden Fahrradimporte ausgelöste Preisdruck. 2014 wurden landesweit 325 000 Velos verkauft. Doch davon wurden nur rund 50 000 in der Schweiz zumindest montiert oder eben produziert, heisst es beim Branchenverband Velosuisse. Vor zehn Jahren war der Importanteil an fertigen Velos deutlich tiefer. Die ehemals stolzen Velofabriken mit eigener Rahmen-Produktion wie Mondia, Condor, Cilo oder Allegro sind verschwunden, andere montieren die importierten Rahmen und Komponenten zusammen.

Aarios-Mitarbeiterin Esther Kläy setzt von Hand die Speichen ein.

Aarios-Mitarbeiterin Esther Kläy setzt von Hand die Speichen ein.

Hansruedi Aeschbacher

Davon will Ramel nichts wissen. Er will nicht nur das Label «Swiss Made» auf die Rahmen aufbringen, sondern diese auch hierzulande herstellen. «Alles andere ist nicht ehrlich», findet er. Dabei setzt er auf Stahl als Rahmenmaterial. Zum Einsatz komme hochwertiger Chrom-Molybdän-Stahl, den man aus Italien importiere. Der werde auch im Flugzeugbau verwendet.

Entgegen landläufiger Meinung sei ein Stahlrahmen bei gleicher Preisklasse nicht schwerer als ein Alurahmen. Ramel nimmt ein Rohr zur Hand und zeigt warum. Die Wandstärke beträgt an den Enden 0,9 Millimeter, in der Mitte aber nur 0,6 Millimeter. Das reduziere das Gewicht deutlich.

Aber auch Aarios kommt nicht ohne Importe aus. So werden praktisch alle Komponenten wie Schaltungen, Zahnräder, Bremsen, Ketten, Licht oder Sattel im Ausland eingekauft. Aber das Herzstück, der Rahmen, wird eben selbst gefertigt.

Ramel führt durch die Werkstatt, die tatsächlich in vielerlei Hinsicht an eine Schlosserei erinnert. Die Stahlrohlinge werden auf die entsprechende Länge zugeschnitten, gestanzt und geschliffen, mit Muffen verbunden und zum Löten bereitgestellt. Jeder Rahmen wird in Handarbeit gelötet. Und darauf ist Ramel stolz. Er schwört auf das Löten anstelle des Schweissens. «Beim Löten wird das Material auf 600 bis 900 Grad erhitzt, beim Schweissen dagegen auf 1600 Grad.» Dank den tieferen Temperaturen würden die Rohre weniger belastet, bleiben elastischer und seien weniger anfällig auf Brüche. Die rohen Velorahmen, die in den Wintermonaten vorproduziert werden, stapeln sich. Auffallend ist, dass es kein Lager an fertigen Fahrrädern gibt.

«Da suchen Sie umsonst. Wir fertigen alle Velos nur auf Bestellung», sagt Ramel und legt ein Formular auf den Tisch, wo die spezifischen Wünsche des Käufers minuziös eingetragen werden. Basierend auf diesen Angaben geht das Fahrrad in Produktion. Die Räder sollen punkto Grösse, Ausrüstung, Farbe und Preis zum Kunden passen. «Wir müssen in der Schweiz das machen, was die Chinesen nicht können», umreisst er seine Geschäftsphilosophie.

Dass diese Räder mit einer Preisspanne zwischen 1300 und 9000 Franken teurer sind als Massenware, sei kein Problem, so Ramel. Seine Kunden seien bereit, für ein qualitativ gutes in der Schweiz hergestelltes Rad mit einer Mindestlebenserwartung von 20 Jahren auch mehr zu bezahlen. Der Grossteil der Räder koste über 2000 Franken, jährlich verkaufe Aarios rund 50 Velos, die über 6000 Franken kosten. Die Nachfrage sei hoch genug, um den Betrieb auszulasten.

Ein Ausbau der Kapazitäten ist für den Aarios-Chef trotzdem kein Thema. «Die Fertigung der kundenspezifischen Räder könnte nur mit Abstrichen bei der Qualität erhöht werden. Und das kommt nicht infrage.»

Beim Rundgang wird klar, was er meint. Das Aarios-Velo entsteht in vielen Arbeitsschritten. Im Zentrum stehen nicht Maschinen und Anlagen, sondern die Handarbeit der Mitarbeitenden und laufende Kontrollen der einzelnen Schritte. Am Schluss wartet ein Einzelstück auf den Käufer.