Anfang Dezember änderte sich das Leben von Hagar Jäggi, Deutschlehrerin für Fremdsprachige, schlagartig. Um zehn Uhr morgens an einem Montag standen die beiden irakischen Knaben L. (11) und P. (14) bei ihr im Schulzimmer bereit, um bei ihr einzuziehen.

Auswandern? Von wegen

Hagar Jäggi unterrichtet an der Primarschule in Hägendorf. In den letzten drei Jahren ist sie viel herumgereist und dachte oft daran, die Zelte in der Schweiz abzubrechen. Während Jäggi im Oktober die einsamen Strände von Indonesien entlangwanderte und wieder einmal mit Auswanderungsgedanken spielte, erhielt sie von dem Schulleiter eine aufrüttelnde Nachricht.

Er informierte sie über die baldige Ankunft eines irakischen Kindes. «Dieses Kind braucht mich, ich muss nach Hause, dachte ich, nachdem mir mein Chef dies mitgeteilt hatte. Plötzlich war ich davon überzeugt, dass mein Platz in der Schweiz ist. Dort habe ich eine Aufgabe, die ich wahrnehmen muss.» Der elfjährige L. wird ihrer Klasse zugeteilt. Sie lernt den irakischen Jungen als fröhlichen, aufgeweckten und musikalischen Jungen kennen.

Das Flüchten der jungen Jesiden

Auf den ersten Blick sieht man dem Bub die Strapazen seiner dreimonatigen Flucht durch den Balkan nicht an. Ganz alleine verliess er am 30. Juni das Flüchtlingslager in Dohuk (Kurdistan/Nordirak) und gab sein Leben während der gefährlichen Reise in die Hände von Schleppern.

Er und seine Familie sind Jesiden, eine religiöse Minderheit, die aktuell vom islamischen Staat (IS) verfolgt wird. Der Genozid an Jesiden erreichte seinen grausamen Höhepunkt im Sommer 2014, als die Stadt Shingal im Nordirak von der IS-Miliz eingenommen wurde und es zu einem Massaker kam.

L. musste seine Familie zurücklassen. «Seine Eltern opferten alles, damit ihr Kind überleben kann. Die Eltern dort retten zuerst ihre Kinder, bevor sie sich selbst retten», ist Jäggi überzeugt. Im September kommt L. in Basel an und wird wenig später im Zentrum für Asylsuchende in Selzach aufgenommen. 

Zwei Wochen später kommt unerwartet sein vierzehnjähriger Cousin P. in der Schweiz an. Auch er trotzte ganz allein den Gefahren der Balkanroute, findet in Selzach ein Dach über dem Kopf und besucht ebenso Jäggis Klasse. «Beide besitzen die Fähigkeit, vernetzt zu denken. Sie haben auch eine unglaubliche Sprachbegabung: Kurdisch, Arabisch, Persisch, ein wenig Englisch, jetzt lernen sie Deutsch. Sie kennen verschiedene Sprachdialekte, weil sie bereits viel rumreisen mussten», erzählt die Deutschlehrerin.

Die beiden sind die jüngsten UMA (siehe Kontext rechts oben) im Kanton. Die, aus der Sicht von Jäggi, nicht ganz ideale Situation im Asylheim Selzach trieb sie an, sich aktiv für eine andere Unterbringung der irakischen Buben einzusetzen.

Es war eine «Krisenintervention»

«Ich hatte mich mit der Pflegekindverordnung auseinandergesetzt und war mir sicher: Das mache ich nie! Es war nie mein Plan, Pflegemutter zu werden», erinnert sich Jäggi und schmunzelt. Denn alles kam anders. Jäggi erhielt an einem Montagmorgen den Anruf mit der alles entscheidenden Frage: «Würden Sie sie nehmen?» Und antwortete: «Ja.» Es sei eine «Krisenintervention» gewesen: «Sie brauchten unbedingt einen Platz. Ich habe sie notfallmässig aufgenommen.»

Die Behörden vertrauten und überreichten ihr wenige Stunden später sogleich die Kinder: «Für ein Verfahren, dass normalerweise Wochen andauert, haben die Behörden die ganzen bürokratischen Hürden fallenlassen. Sie reagierten schnell und anders, weil sie erkannten, dass es sich um eine Notsituation handelt, welche andere Massnahmen verlangt.» So solle es auch sein, wenn es sich um solche Fälle handelt, findet die Trimbacherin.

Bereits zwei Tage nachdem L. und P. im Haus von Jäggi eingezogen waren, inspizierte man ihr Haus, erkundigte sich nach ihren pädagogischen Beweggründen und klärte alles Notwendige ab. «Am nächsten Tag erhielt ich das O. K. vonseiten des Kantons.» Die Cousins leben zusammen mit Jäggi und ihren zwei Töchtern (18 und 24). Die ältere Tochter unterschrieb symbolisch den Pflegekind-Vertrag mit. L. und P. haben je ein eigenes Zimmer im oberen Stockwerk des Hauses. «Die Jungen brauchen viel Zuneigung. Das, was sie alles gesehen haben, ist für uns Schweizer unvorstellbar. Nicht selten kommt es vor, dass sie mitten in der Nacht schluchzend aufwachen. »

Für Jäggi ist klar, wer solche Kinder aufnehmen will, muss mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen. «Jederzeit kann alles passieren. Sie fragen auch immer wieder: Mami, Papi kommen Juli? Und ich kann ihnen keine Antwort geben.» Einmal pro Woche telefonieren die Buben mit ihren Eltern. Sie vermissen ihre Familien sehr. Jäggi versucht für L. und P. da zu sein. Was zurückkommt, sind grosse Dankbarkeit und schöne Momente. Auch von vielen anderen Leuten bekommt die Familie Jäggi positives Feedback, Sympathiebekundungen und grosse Anteilnahme.