… dass ich Rumpelstilzchen heiss’, würde die Fortsetzung des Titels richtigerweise im Märchen der Brüder Grimm lauten. Doch das wissen wir alle bereits. Wenn Sie jetzt meinen, dies sei die Einleitung zum Flurnamen Rumpel, der sich an der Grenze von Wangen und Trimbach befindet, dann haben Sie genau so falsch geraten wie die zur Königin emporgestiegene Müllerstochter in der ersten Nacht, als sie dem Männchen, das ihr Kind abverlangte, alle möglichen Namen an den Kopf warf.

Und wenn Sie vermuten, dass nun folgerichtig nach der Nennung «Rumpelstilzchen» die Entgegnung «Das hat dir der Teufel gesagt» auf Flurnamen mit dem Element Teufel überleiten soll, dann liegen Sie noch immer falsch. Seien Sie also froh, sind Sie nicht die Königin.

Ich erlöse Sie: Das Zauberwort dieser Kolumne heisst -ach, wie es sich etwa in Dornach im Schwarzbubenland oder in Bellach mit seiner berühmten römischen Venusstatue findet. Ein weit weniger bekannter -ach-Name liegt wie der Rumpel in Trimbach, in der Nähe des Hofs Duleten.

Der abgegangene – das heisst ausgestorbene, in Vergessenheit geratene – Name wird in seiner jüngsten Schreibung im Güterverzeichnis des Stifts Zofingen aus dem Jahr 1684 Leinech geschrieben. Ein erstes Mal ist er 1528 im Urbar der Herrschaft Gösgen als Linach belegt.

Nun hat die Endung -ach mindestens so viele mögliche Bedeutungen, wie die Königin einst Rateversuche offen hatte. Ach kann aus ursprünglich galloromanischem -acum entstanden sein. Ortsnamen, die in einer römischen Zeit entstanden sind, tragen in der Deutschschweiz diese Endung, wie die oben erwähnten Dornach oder Bellach, aber auch Büsserach, Bettlach oder Selzach.

Ach kann sich aber auch aus dem althochdeutschen Wort aha «Strom», mittelhochdeutsch ahe «Fluss, Wasser» entwickelt haben. Dadurch verweist der Name auf die Lage an einem Gewässer. Und ebenso kann die Endung -ach auf althochdeutsch -ahi zurückführen. Die Endung -ahi wird als Kollektivbezeichnung verwendet und bezeichnet das Vorkommen von «etwas» in grosser Menge an einer bestimmten Stelle.

Eine glückliche Fügung will es, dass sich dieses nahezu endlose «etwas» vorwiegend auf Pflanzen- und Baumnamen eingrenzen lässt. Beispielsweise ist der im appenzellischen Rüte liegende Flurname Haslach auf althochdeutsch hasal (Hasel, Haselstrauch) und die besagte -ahi-Endung zurückzuführen.

Leonius, Lehm oder Leinen?

Zu welchem dieser drei -ach-Typen gehört nun unser Linach oder Leinech? Um das Rätsel zu lösen, müssen wir also einerseits wissen, welche Bedeutung der Endung zukommt, und andererseits muss dieser Ansatz mit der Bedeutung des Erstglieds Lein in Einklang gebracht werden.

Soll ein -acum-Name angenommen werden, so verlangt das übliche Namenbildungsmuster nach einem römischen Personennamen im Erstglied. Sprachlich liegt Leonius nahe, jedoch ist uns ein solcher Name für unsere Gegend nicht überliefert.

Doch sind für die Umgebung von Leinech römische Münzstreufunde und ein vermutlich schon zur Römerzeit begangener Weg belegt. Eine heisse Spur.

Aber Leinech liegt auch an einem Gewässer, am Grabenbach. Doch was bedeutet dann Lein beziehungsweise Lin? Ist Lein auf schweizerdeutsch Lei, Leim «Lehm» zurückzuführen, der Name also als «Bach bei einem Platz mit lehmiger Bodenbeschaffenheit» zu deuten? Geologen unter Ihnen lassen es mich bitte wissen (philippe.hofmann@flurnamenbl.ch). Bis zur beweisführenden Bodenprobe muss dieser Ansatz zurückgestellt werden.

Das Erstglied Lin im ältesten Beleg könnte auch auf schweizerdeutsch Lîn «Lein, Flachs», althochdeutsch lîn zurückzuführen sein. Steht die Endung -ach in Bezug zu althochdeutsch -ahi, so wäre damit ein weitläufiger Lein-, also Flachs- oder Hanfanbau gemeint. Umso mehr, als der Flachs keine besonderen Ansprüche an die Bodeneigenschaften stellt und fast überall wachsen beziehungsweise kultiviert werden kann.

Jedoch sind Staunässe und schwere Böden dafür ungeeignet. Zwar liegen wie erwähnt für das entsprechende Gebiet keine amtlichen Informationen zur Bodenbeschaffenheit vor, die Flurnamen Ei, Eimatt, Duleten, Graben und weiter entfernt Mieseren weisen aber neben mehreren Bächen auf ein sehr wasserreiches Gebiet hin, das sich kaum zum Flachsanbau eignet beziehungsweise geeignet haben dürfte.

Ein «Schwesterort» im Baselbiet

Leider fehlt uns hier der helfende Bote, der uns die richtige Namendeutung verrät, und goldige Fäden zur Lösung können wir auch nicht spinnen. Aber wir befinden uns auch nicht im Märchen. In der Baselbieter Ortschaft Maisprach – möglicherweise auch galloromanischen Ursprungs – liegt ein weiteres Leinech.

Hier fanden sich ganz in der Nähe zwei archäologische Fundstellen, die Reste römischer Villen ans Licht brachten. Auch hier drücken mehrere Quellen das Wasser aus dem Boden und der Abhang ist lehmig-feucht. In diesem Fall führten die römischen Siedlungsresten zur Annahme, es handle sich bei Leinech um einen ursprünglich galloromanischen Siedlungsnamen.

Heute back ich, morgen brau ich und übermorgen … löse ich das Leinech-Rätsel. Versprochen.