Markus von Arx, warum hören sie als Gemeindepräsident auf?

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Vor allem will ich kein Sesselkleber sein. Drei Amtsperioden sind eigentlich genug. Ausserdem bin ich mittlerweile 68. Jetzt muss man die Jungen in die Verantwortung nehmen. Wir haben das Glück, dass diese das auch wollen. Das war in früheren Jahren nicht immer der Fall. Jetzt haben wir eine erstklassige Lösung, indem eine Frau das Präsidium übernimmt, der Vizepräsident im Amt bleibt und wir drei neue Gemeinderäte haben. Die Konstellation stimmt. Ich kann mit ruhigem Gewissen abtreten, die machen das sicher gut.

Warum war es denn früher schwieriger, Leute für den Gemeinderat zu gewinnen?

Das war vor allem für die ersten Wahlen nach der Fusion von Ober- und Niedererlinsbach. Da musste sich zuerst alles wieder einrenken. Aber es ist auch heute nicht einfach, die richtigen Leute zu finden, sowohl für das Präsidium wie für den Gemeinderat. Auch in diesem Jahr. Davon konnte die SP bei den letzten Wahlen profitieren, weil sie zusammengestanden ist. CVP und FDP haben da politisch gesehen ein bisschen versagt.

Aber die FDP hat mit Madeleine Neumann nach wie vor das Gemeindepräsidium inne.

Das ist mehr zufällig aus dem Gemeinderat heraus entstanden. Wichtig war, dass sie das Amt wirklich wollte. Wenn man ohne grosse Begeisterung und Freude an der Arbeit das Präsidium einfach so bekommt, ist das schlecht.

Was waren aus Ihrer Sicht die grössten Aufgaben, die der Gemeinderat in den letzten Jahren zu bewältigen hatte?

Wenn ich jetzt aufzählen soll, werde ich nicht fertig (lacht). Angefangen hat es mit der Fusion. Dann gab es die Schulzusammenlegung mit dem Aargau mit verschiedenen Bauprojekten. Derzeit wird das Mühlematt-Schulhaus saniert, und auch der Fussballplatz wird für über 4 Millionen saniert. Auch da fragen sich viele Leute, ob es richtig ist, einen Verein so zu unterstützen. Wir finden aber, dass kein anderer Verein so viele Jugendliche verbindet wie der FC. Das ist auch Integration. Nun folgt noch die Umgestaltung des Wohnhauses am Dorfplatz 2, in dem eine Arztpraxis integriert wird. All diese Projekte kosten sehr viel Geld. Da stellt sich auch immer die Frage nach einer Steuererhöhung.

Eine Steuererhöhung wurde vor zwei Jahren von der Gemeindeversammlung abgelehnt.

Wir wollten die Steuern vorausschauend anpassen, damit es nicht plötzlich einen grossen Sprung nach oben gibt. Die Gemeindeversammlung wollte das nicht. Man fand, die Gemeinde hatte genügend Einnahmen, die nicht an den Steuerzahler weitergegeben wurden. Das kann man natürlich von beiden Seiten sehen. Steuern zieht man ja nie auf Vorrat ein, aber wir sind strukturmässig einfach schwächer als unsere Nachbargemeinde.

In welcher Hinsicht?

Wir haben nicht die gleichen Steuereinnahmen wie Erlinsbach AG. Die können praktisch aus der laufenden Rechnung heraus agieren, während wir vom Vermögen zehren. Erlinsbach AG hat übrigens eine bedeutend höhere Steuerkraft.

Welche Herausforderungen erwarten den Gemeinderat und ihre Nachfolgerin?

Die Ortsplanung ist ein ziemlicher Brocken und dauert insgesamt drei bis vier Jahre. Und dann eben der Dorfplatz. Für die Gemeinde ist diese Aufwertung von grosser Bedeutung. Der Platz ist im nationalen Verzeichnis aufgeführt, dazu wollen wir Sorge tragen. Es gab früher schon Projekte für eine Begegnungszone mit «Bsetzistei». Aber ohne Leute, die sich während dem täglichen Einkaufen begegnen, ist das schwierig. Als die Migros wegzog, fiel das ins Wasser. Auch das Areal beim Beck Leuenberger soll aufgewertet und in eine neue Zone umgewandelt werden. Aber dort harzt es noch ein bisschen. Auch die Pläne für eine 30er-Zone auf der Kantonsstrasse sind noch nicht vom Tisch. Der Kanton ist diesbezüglich heute offener.

Wie ist der aktuelle Stand bezüglich Tempo-30-Zone?

Der Kanton prüft verschiedene Varianten gemeinsam mit den Verkehrsbenützern. Der Busbetrieb wäre stark betroffen. Die Busse werden immer länger und wir bräuchten eine Bushaltestelle mehr. Dafür fehlt aber der Platz. Es wird wohl ein Kompromiss geben. Immerhin war der Kreisel ein grosser Fortschritt. Der Kanton hatte dafür anfangs auch kein Verständnis, musste aber einsehen, dass es die einzige Möglichkeit war, den Verkehr vernünftig zu verlangsamen. Noch ist der Kreisel provisorisch bewilligt, sollte aber demnächst definitiv werden. In den Quartieren hat sich die flächendeckende Tempo-30-Zone dafür bereits bewährt.

Erlinsbach ist ganz eng verzahnt mit seiner Aargauer Nachbargemeinde. Welche Vor- und Nachteile bringt eine solche Nähe?

Aus meiner Sicht nur Vorteile. Die Zusammenarbeit hat sich ergeben und ist gewachsen. Aber nicht immer aus lauter Liebe zueinander. Zusammenarbeit entsteht meistens aus finanziellen Nöten. Man merkt, dass man die gleichen Bedürfnisse hat und tut sich zusammen. Interessanterweise hatte Erlinsbach AG diese Bedürfnisse immer vor uns.

Warum das?

Die Aargauer sind grösser und schneller gewachsen. Ausserdem sind sie ganz anders organisiert.

Besser?

Einfach anders. Sie haben mehr und andere Aufgaben und entsprechend auch mehr Personal. Deshalb stellt Erlinsbach AG auch in den meisten gemeinsamen Kommissionen den Schreiber. Unsere Verwaltung ist viel schlanker.

Sind die Befindlichkeiten zwischen den beiden Erlinsbach noch spürbar? Wird heute immer noch über den Bach «gespeuzt»?

Es sind zwei verschiedene Kantone. Wer sich in der Gemeinde engagiert, merkt das natürlich. Der Dorfbewohner bekommt davon nicht viel mit. Es gibt natürlich äussere Unterschiede. Wir haben zum Beispiel an den Südhängen die Juraschutzzone und etwas mehr Industrie. In Erlinsbach AG sind die Südhänge inzwischen meistens überbaut.

Fühlt man sich manchmal ein wenig alleingelassen vom fernen Solothurn?

Da gibt es verschiedene Meinungen. Persönlich habe ich guten Kontakt nach Solothurn, auch durch meine Tätigkeit im Verband der Solothurner Gemeinden. Dadurch kennt man die Leute und hört viel. Zum Teil noch bevor es im Kantonsrat behandelt wird. Es stimmt schon, wir sind weit weg – nach Solothurn und zurück sind es hundert Kilometer. Die Nähe zur Regierung haben wir aber schon. Bei nur 109 Gemeindepräsidien kennt uns die Regierung. Das ist bei uns etwas einfacher als im Aargau. Trotzdem sind wir natürlich völlig Aarau-orientiert. Man sieht das bei der Bildung oder beim öV. Alles läuft Richtung Aarau.

Sie waren der erste Gemeindepräsident nach der Fusion Ober- und Niedererlinsbach im Jahr 2006. Ist dieser Zusammenschluss heute vollendet?

Die Abstimmung zur Fusion fiel damals sehr knapp aus. Viele hatten das Gefühl, durch die Fusion an Mitsprache etwas zu verlieren. Aber es kann sich ja weiterhin jeder beteiligen, wenn er möchte. Niemand muss sich politisch ausgeschlossen fühlen. Ich denke aber, dass die Umsetzung der Fusion gelungen ist. Letztes Jahr feierten wir bereits das zehnjährige Jubiläum. Für die Jungen ist das einheitliche Dorf bereits völlig normal.

Gibt es irgendwann einen Gemeindepräsidenten für ganz Erlinsbach?

Davon bin ich überzeugt. Allerdings sicher nicht sehr bald. Das ist gar nicht möglich. Der Kanton Solothurn müsste ja einwilligen und der Kanton Aargau müsste wohl etwas dafür bezahlen. Ob der das will, ist noch mal eine andere Frage. Solche Landabtretungen passieren nicht einfach so.

Wären Sie gerne dieser Gemeindepräsident gewesen?

Ja sicher. Eine Gemeinde mit 7500 Einwohnern zu führen, wäre interessant.

Sprechen Sie mit dem Gemeindepräsidenten von Erlinsbach AG manchmal über eine Fusion?

Nein, dieses Thema ist nicht aktuell, uns beschäftigen ganz andere Dinge. Der Druck für eine Fusion muss von unten kommen. Und selbst dann wird es sehr schwierig. In einem kleinteiligen Kanton wie Solothurn erst recht.

In einer Befragung hat sich eine Mehrheit für eine Fusion ausgesprochen. Ist das bereits der Druck von unten?

Bis jetzt wohl eher ein Wunsch. Die Leute sehen ja, dass es nicht so einfach geht. Die Frage wurde nicht gestellt, weil wir wissen wollten, ob wir fusionieren sollen. Wir wollten etwas über die allgemeine Haltung der Bevölkerung erfahren.

Befürchtet man in Solothurn, Erlinsbach könnte zum Präzedenzfall werden?

Nicht zwingend. Aber man kann nicht irgendwo anfangen und beim Nächsten dann wieder Nein sagen.

Im Kanton Aargau gibt es mit Fisibach ja auch Bestrebungen für einen Kantonswechsel.

Der Aargau lässt Fisibach heute ja auch nicht nach Zürich ziehen. Aber Fisibach kann man nicht mit Erlinsbach vergleichen. Dort gibt es nicht diese Nähe und enge Verbindung wie bei uns. Ich sage immer: Wir sind ein Grenzdorf – aber eines ohne Grenze.

Sie treten jetzt als Gemeindepräsident zurück. Kann man da einfach so abschalten?

Bis zum Ende meiner Amtszeit im September möchte ich noch ein paar Dinge abschliessen. Nach meinem Rücktritt werde ich jedoch niemandem dreinreden. Die Gewählten müssen und werden jetzt selber ihren Weg finden.