Gretzenbach
Aarauer Kühe und Kälber machen Ferien im Niederamt

Das Vieh vom Aarauer Binzenhof verbringt ein Jahr auf dem Hof Tännler. Grund dafür sind Bauarbeiten auf ihrem angestammten Hof.

Christian von Arx und Hermann Rauber
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Ein bisschen Heu hilft den Kühen in Gretzenbach über das erste Heimweh nach dem Binzenhof hinweg. Bruno Kissling

Ein bisschen Heu hilft den Kühen in Gretzenbach über das erste Heimweh nach dem Binzenhof hinweg. Bruno Kissling

Bruno Kissling

Es muht wieder im Laufstall des Hofs in Gretzenbach, morgens und abends fliesst warme Kuhmilch durch die Melkanlage. Dabei hatte Landwirt Beat Tännler im Juni 2015 mit Melken aufgehört und sein Vieh verkauft.

Doch seit Anfang dieser Woche sind gut 30 Milchkühe und acht Kälber vom Aarauer Binzenhof in Gretzenbach in den «Ferien», die 20 Rinder sollen in den nächsten Tagen folgen. Auf ihrem Heimathof in Aarau starten bald die Bauarbeiten für einen neuen Milchviehstall. Das Exil in Gretzenbach könnte gegen ein Jahr dauern.

Der Einschnitt war gross, als letzten Sommer nach vielen Jahrzehnten die braunen Kühe vom Hof Tännler verschwanden, dem einstigen Bally-Landwirtschaftsbetrieb am Waldrand zwischen Schönenwerd und Gretzenbach. 45 Milchkühe und 25 Stück Jungvieh hatten Stall und Weiden zuletzt bevölkert.

«Es war ein schwerer Entscheid, denn ich habe gern mit Kühen gearbeitet», sagt Beat Tännler. Aber der Milchpreis sank und sank, und die Aussichten waren trüb. Da er für das Vieh einen Angestellten beschäftigte, sei das nicht mehr rentabel gewesen. Als der Melker dann eine Stelle fand, musste sich Tännler rascher entschliessen, sich von den Kühen zu trennen, als ihm lieb war.

«Ich selber bin sehr wehmütig, ich habe heute noch damit zu kämpfen», gibt Beat Tännler freimütig zu. «Von da her bin ich eigentlich glücklich, dass jetzt wieder Kühe auf dem Hof sind.» Auch wenn es nicht seine Kühe sind und er sie nicht füttern und melken muss, sondern ihnen nur Stall und Weide zur Verfügung stellt.

Auch die Rassen sind nicht die gleichen: Seit den Zeiten seines Grossvaters, der aus Meiringen nach Gretzenbach eingewandert war, gab es auf dem Tännler-Hof immer Braunvieh. Die Ferienkühe vom Binzenhof dagegen sind Holsteiner und verschiedene Fleckvieh-Rassen.

Derzeit ist die mit dem eigenen Maststall in Niederbuchsiten verbundene Schweinezucht, abgesehen von etwas Ackerbau, das einzige Standbein von Beat Tännlers Landwirtschaftsbetrieb.

Was mit seinem Kuhstall passiert, wenn nächsten Sommer die Ferienkühe wieder nach Aarau auf den Binzenhof heimkehren, weiss er noch nicht: «Es ist klar, dass ich meinen Betrieb umstrukturieren muss», sagt er. «Damit die Bauern über langfristige Investitionen entscheiden können, müsste die Agrarpolitik klarere Signale aussenden, als sie dies heute tut», stellt Tännler fest.

«Glücksfall» für den Binzenhof

Als «ausserordentlichen Glücksfall» bezeichnet Binzenhof-Bäuerin Susanne Knörr die neue Bleibe auf dem Hof der Familie Tännler. Für die Aarauer Pächterfamilie bot der leere Laufstall in Gretzenbach eine einmalige Chance für eine Zwischennutzung.

«Im Moment müssen wir uns noch an die neue Situation gewöhnen, doch die Tiere haben sich bereits gut akklimatisiert», sagt Susanne Knörr, «allerdings hatte eine Kuh in den ersten zwei Tagen offensichtlich Heimweh nach dem Binzenhof und tat dies lautstark kund».

Entscheidend sei, dass die Binzenhof-Herde nicht auseinandergerissen werden muss. Bei einer Distanz von nur sechs Kilometern können die Tiere am neuen Standort ohne grosse Probleme von Aarau aus versorgt, gefüttert und gemolken werden.

Die zwei Pferde und drei Ponys vom Binzenhof haben vorübergehend in der Schachenscheune an der Grenze zur Wöschnau hin eine neue Bleibe gefunden.

Für den neuen Milchviehstall und für die übrige Infrastruktur im Binzenhof rechnet die Ortsbürgergemeinde Aarau mit einer Bauzeit von ungefähr einem Jahr. Anfang Oktober sollen die alten Gebäulichkeiten abgebrochen werden.

Die Sommer-Gmeind der Aarauer Ortsbürger, die Eigentümer des Pachtgutes Binzenhof sind, hatte am 6. Juni nach jahrelangen Diskussionen einen Verpflichtungskredit über rund 3 Millionen Franken für die neue Anlage bewilligt.

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