«Das Löten müssen wir noch etwas üben. Das ist momentan seine grösste Schwäche», so Markus Niederer. «Und auch die Massgenauigkeit», fügt Florian Müller an. Die beiden kennen ihren Schützling Marcel Wyss gut, sie wissen, wo die Macken stecken. Das müssen sie auch, denn der bei der suissetec in Lostorf angestellte Niederer und Müller, der bei der Nussbaum in Trimbach arbeitet, trainieren Wyss für einen wichtigen Anlass: Im Oktober dieses Jahres wird Marcel Wyss als Gebäudetechniker Heizung und Sanitär die Schweiz an den 44. Berufsweltmeisterschaften «WorldSkills» in Abu Dhabi vertreten. Der 19-Jährige aus Grindelwald hat 2016 die SwissSkills mit dem ersten Platz absolviert und tritt im Oktober gegen 29 Vertreter anderer Länder an.

Für Markus Niederer ist dies nicht sein erster Einsatz als Trainer. Seit 2005 begleitet er die Schweizer Kandidaten auf ihrem Weg zur Weltmeisterschaft und seit 2013 ist er Chefexperte bei den WorldSkills in den Bereichen Sanitär und Heizung. Alle zwei Jahre finden die Weltmeisterschaften statt.

Auch Müller konnte schon einiges an Erfahrung sammeln: 2011 trat der damals 22-Jährige selber an den Berufsweltmeisterschaften in London an und landete mit seinem Können auf dem zweiten Platz. Seit 2015 ist er Co-Experte an den WorldSkills.

Stets neue Herausforderungen

Die beiden können Wyss also aus erster Hand berichten, was im Oktober auf ihn zukommt. An den WorldSkills erhalten die Kandidierenden der verschiedenen Berufe jeweils Aufgaben, die sie in einer bestimmten Zeit zu lösen haben. Im Bereich Sanitär/Heizung hat der Kandidat für seine Aufgaben 22 Stunden Zeit, welche auf vier Tage verteilt werden. «Nach dem aktuellen Plan wird er eine Leitungsinstallation für ein komplettes Badezimmer mit WC, Waschtisch und Dusche vornehmen müssen. Auch einen Teil der Planung wird er dabei übernehmen», so Niederer.

Was dieses Jahr neu dazukommt: Eine Solaranlage. «Die Aufgaben gehen natürlich auch mit der Zeit, mit neuen Techniken kommen neue Herausforderungen für die Teilnehmer», erklärt der Chefexperte. Um den Wettkampf möglichst realitätsnah zu gestalten, werden oftmals komplette Szenen konstruiert, die dem Berufsalltag der Kandidierenden gleichen. «Vor zwei Jahren in São Paulo mussten die Kandidaten eine komplette Neumontage eines WCs durchführen, inklusive Kundengespräch», so Müller.

Die Aufgaben der Teilnehmenden sind also jedes Mal eine neue Herausforderung – und zu einem Teil unvorhersehbar. Denn obwohl den Experten und Kandidaten drei Monate vor der Weltmeisterschaft bekannt gegeben wird, was ihre Aufgaben sein werden, können sie sich darauf nicht ganz verlassen. «Eine Woche vor den WorldSkills werden 30 Prozent der gesamten Aufgabe geändert», so Niederer. Wie Müller erklärt, soll dies die Routine brechen und verhindern, dass die Kandidierenden einen einzigen Arbeitsprozess üben und perfektionieren, ohne den Rest des Berufsfelds zu beherrschen. «Es wird der beste Fachmann gesucht, nicht der Besttrainierte», fügt Niederer an.

Schweizer Bildungssystem hilft

Doch wie lässt sich das berufliche Können einer Person messen? «Da spielen verschiedene Faktoren mit», erklärt Niederer. Als Chefexperte gehört das Erstellen der Beurteilungskriterien zu seinem Aufgabenbereich. Wichtig seien beispielsweise die Massgenauigkeit, dichte und funktionierende Leitungen sowie die technische Leistung eines Kandidaten. Doch der Weg aufs Podest ist oftmals eine Gratwanderung: «Unser letzter Kandidat hätte Gold geholt, aber er hatte zwei Bleistiftstriche gezeichnet, wo sie nicht hingehörten. Er landete dadurch auf dem sechsten Platz», so Niederer.

Dieses Jahr soll das nicht geschehen, weshalb Marcel Wyss in der Zeit zwischen Januar und Oktober rund 640 Trainingsstunden erhält. Denn die Konkurrenz schläft nicht: «Korea ist ein grosser Konkurrent, auch England und Deutschland», so Niederer. «Und Brasilien», fügt Müller an. «Die geben im Moment richtig Gas.»

Trotzdem sehen die zwei Experten Wyss auf einem Podestplatz. «Er wird vor Ort auf Problemsituationen eingehen und diese lösen können, während andere dabei aufgeschmissen sein werden. Darauf hat ihn das Schweizer Bildungssystem vorbereitet», ist Niederer überzeugt.