Bisher kannten die zwei jungen Kälber nur Susann Winkler. Doch nun stehen 15 neugierige Kinder vor ihren Nasen, die ihre Freude lauthals in Worte fassen. «Pschhhh», erinnert Winkler die Kinder immer wieder, «ihr müsst leise und vorsichtig sein.» Die knapp drei Wochen alten Jungtiere sollen ihre Muttermilch nämlich in Ruhe trinken können und wollen dabei nicht erschreckt werden. Abwechselnd reichen die Kinder den Tieren die noch lauwarme Milch in Kälbergerechten Babyflaschen.

Sieht leichter aus als es ist, wie die Kinder lernen müssen. Der Winkel der Flasche müsse höher sein, ansonsten trinke das Kalb nur die Luft aus der Flasche, korrigiert Winkler die unerfahrenen Kinder. Plötzlich aber zieht eine eiskalte Bise über den Hof, der auf 720 Metern über Meer liegt, und die Kinder eilen wieder zurück ins Haus, wo ein richtiges, stärkendes «Buurezmorge» auf sie wartet.

«Ich bin schon etwa zum tausendsten Mal hier»

Wenn auf dem Berghof Rohr derartiger Hochbetrieb läuft, dann ist sehr wahrscheinlich wieder Ferienzeit. «Natur Pur» heisst einer der zwei diesjährigen Frühlingsferienkurse auf dem Berghof von Susann Winkler und Christoph Schär, zu welchem Kinder zwischen sechs und elf Jahren etwa aus Kappel, Lostorf oder Unterkulm erschienen sind.

«Ich bin schon etwa zum tausendsten Mal hier», sagt ein Mädchen, das ihre Begeisterung für den Hof und die Tiere kaum zum Ausdruck bringen kann. Viele der anwesenden Kinder sind, wie sie, nicht zum ersten Mal auf dem Hof. «Es ist sehr spannend, die Tiere zu erleben», hält ein Lostorfer Junge die Eindrücke seines ersten Kursbesuches fest. Es sei viel interessanter als die normale Ferienunterhaltung der Schulen.

Damit sie die Natur verstehen

Nach einer ordentlichen Portion Brot, Butter und «Konfi» heisst es: Zweiergruppen bilden. Denn nun wird geschliffen und gehämmert und das funktioniert zu zweit besser. Leiterin Susann Winkler teilt den Kindern jeweils sechs Holzstücke aus, die richtig zusammengenagelt einen Nistkasten für Vögel bilden sollen.

«Die Kinder lernen, dass das Gleichgewicht in der Natur erhalten werden muss», erklärt Winkler. «Wenn es beispielsweise keine Vögel mehr gibt, dann gewinnen die Schädlinge die Oberhand.» Mit den Nistkästen wolle sie die Kinder darauf sensibilisieren und ihnen die Zusammenhänge in der Natur aufzeigen.

«Man muss den Kindern etwas zutrauen»

Auch ich darf mich an diesem Morgen handwerklich an einem Nistkasten versuchen und muss den teilweise verzweifelten Gesichtern der Kinder beistimmen: Es ist nicht immer ganz so einfach, die Nägel schnurgerade in das Holz zu hämmern, während man die Stücke zusammenhält. Doch die Kinder wissen sich gegenseitig zu helfen und die Nistkästen nehmen langsam Form an. Ansonsten eilt die Leiterin mit zwei weiteren helfenden Händen herbei, um sie fertigzustellen. «Man hat schon etwas Angst, dass sie sich verletzen. Aber man muss den Kindern manchmal auch etwas zutrauen», sagt Winkler.

Auch nach 14 Jahren Erfahrung mit Kursen, Kindergeburtstagen und Ferienpässen auf dem Hof ist ihre Freude an der Arbeit mit Kindern spürbar. «Mir ist wichtig, dass sie die Liebe zur Natur entdecken», sagt sie. «Und das können sie bei uns hier oben ja sehr gut – hier ist ja sonst fast nichts», lacht sie. Sie bestätigt auch, dass das Gelernte lange präsent bleibe in den Köpfen der Kinder: «Wenn sie wiederkommen, wissen sie noch, was wir letztes Mal gelernt haben.»

Am Nachmittag stehe ausserdem der Bau von «Nützlingshotels» aus Tontöpfen und Holzwolle an. Diese dienen Ohrengrüblern als Unterkunft und werden am späteren Nachmittag gemeinsam an Bäume gehängt, erklärt Heidi Brunner aus Rohr, die Winkler bei der Kursdurchführung unterstützt. «Sie fressen nämlich Läuse und schützen Bäume vor Schädlingen», erklärt sie den Nutzen der Ohrengrübler.