Schönenwerd
100 Austritte pro Jahr: Reformierte können sich Miete für Stiftskirche nicht mehr leisten

Anhaltend viele Kirchenaustritte zwingen die Reformierten im Niederamt zu Sparmassnahmen. So ist vorsorglich der Mietvertrag für die Stiftskirche in Schönenwerd gekündet worden.

Christoph Zehnder
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Fast 4000 Franken monatlich kostet die Mitbenutzung der Stiftskirche.

Fast 4000 Franken monatlich kostet die Mitbenutzung der Stiftskirche.

Hansruedi Aeschbacher

Den Landeskirchen laufen die Schäfchen davon. Der Trend zum Kirchenaustritt hat sich in den vergangenen Jahren sowohl bei der römisch-katholischen wie auch bei der evangelisch-reformierten Kirche noch verstärkt. Mittlerweile ist fast jeder Vierte in der Schweiz konfessionslos. Besonders spürbar ist dieser Trend in der Nordwestschweiz. Die Kantone Basel-Stadt, Aargau und Solothurn verzeichnen proportional am meisten Austritte.

Diese Entwicklung geht auch an der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Niederamt nicht spurlos vorbei. Jahr für Jahr verliert sie im Schnitt 100 Mitglieder. «Zu den besten Zeiten zählten wir über 6000 Mitglieder, aktuell sind es noch zirka 4800», erklärt Kirchgemeindepräsident Gottfried Dörfelt. Jeder könne selber ausrechnen, wohin das führt.

Für die nächsten Jahre rechnet er nicht mit einer Trendumkehr. Aber nicht nur die Austritte, sondern auch die demografischen Veränderungen tragen zu den sinkenden Mitgliederzahlen bei. «Viele Neuzuzüger haben eine andere oder gar keine Konfession mehr», stellt der Kirchgemeindepräsident fest.

Mehr Austritte, weniger Steuern

Es sind nicht nur die leeren Kirchbänke, die der Kirche Sorgen bereiten. Denn mit jedem Mitglied, das sich von der Gemeinde abwendet, sinken die Steuereinnahmen. Vielen Leuten sei nicht bewusst, welche Leistungen mit den Kirchensteuern finanziert werden, ist Dörfelt überzeugt. Obwohl vieles über freiwillige Arbeit läuft, ist auch das Engagement der Kirche, etwa im Bereich Familie und Jugendarbeit, nicht kostenlos.

«Dabei haben Untersuchungen gezeigt, dass sich hier jeder investierte Franken drei bis vierfach auszahlt», so Dörfelt. Jeder Kirchenaustritt zwinge die Kirche aber zu weiteren Sparmassnahmen. Damit die kirchlichen Leistungen erhalten bleiben, muss der Gürtel enger geschnallt werden. Der Kirchgemeinderat hat zu Beginn dieses Jahres unter dem Titel «Kirche 2020» eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen. Diese soll sich Gedanken über die Zukunft machen und Lösungsansätze finden.

Vorsorgliche Kündigung

Die reformierte Kirchgemeinde Niederamt setzt den Rotstift soweit möglich bei ihren Immobilien an. Aus diesem Grund will sie auch den Mietvertrag für die Stiftskirche Schönenwerd mit der christkatholischen Kirchgemeinde überdenken und neu verhandeln. Rund ein bis zwei Mal pro Monat halten die Reformierten dort einen Gottesdienst ab. Hinzu kommen gelegentlich Abdankungen.

Für die Mitbenutzung der Stiftskirche bezahlt die Kirchgemeinde monatlich fast 4000 Franken. «Das ist sehr viel für heutige Verhältnisse», findet der Kirchgemeindepräsident. Geregelt ist diese Mitbenutzung in den Ausführungsbestimmungen eines Dienstbarkeitsvertrages, welche der Kirchgemeinderat nun vorsorglich gekündigt hat. Die reformierte Kirchgemeinde sei sich der Bedeutung der Schönenwerder Stiftskirche bewusst.

Die Trägerschaft dürfe aber nicht nur zulasten der reformierten Kirchgemeinde gehen. Deshalb brauche es Neuverhandlungen. Die christkatholische Kirchgemeinde habe sehr verständnisvoll auf diese Ankündigung reagiert, so Dörfelt.

Der Dienstbarkeitsvertrag ist im Grundbuch mit einer Laufzeit von 99 Jahren festgehalten. «Meine Vorgänger waren da sehr optimistisch», sagt Dörfelt, ohne dabei jemandem einen Vorwurf machen zu wollen: «Es waren halt andere Zeiten, die Jahre des Wirtschaftswunders», sagt er. Die Ausführungsbestimmungen haben eine Laufzeit von 10 Jahren. Trotz vorsorglicher Kündigung ändert sich für die Mitglieder der Kirchgemeinde vorderhand nichts. Gottesdienste und Abdankungen finden auch weiterhin in der Stiftskirche statt.

Untermiete oder Verkauf

Die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde besitzt praktisch in jeder Niederämter Gemeinde eine Kirche oder ein Kirchgemeindehaus. «Viele Häuser sind mittlerweile 30 oder 40 Jahre alt», weiss Dörfelt. Um Renovationsarbeiten komme man da nicht herum. «Wenn wir nicht Sorge tragen, gehen die Kosten irgendwann in die Millionen», mahnt er.

Deshalb will die Kirchgemeinde nun Untermieter suchen. Man werde dazu das Gespräch mit den Kirchen, Einwohner- und Bürgergemeinden suchen. Doch der Spardruck auf die Kirchgemeinde bleibt gross. Mittlerweile ist auch ein Verkauf von Gebäuden nicht mehr ausgeschlossen.