Flüchtlingshilfe

Nadine Jaeggi: «Ich will Flüchtlingen vor Ort helfen»

Nadine Jaeggi (Dritte v.r.) auf Hausbesuch bei einer kolumbianischen Flüchtlingsfamilie. Sie leben mit einem Budget von fünf Dollar pro Tag.Nadine Jaeggi

Nadine Jaeggi (Dritte v.r.) auf Hausbesuch bei einer kolumbianischen Flüchtlingsfamilie. Sie leben mit einem Budget von fünf Dollar pro Tag.Nadine Jaeggi

Aktive Flüchtlingshilfe: Eine Solothurnerin plant ihre Zukunft in der Flüchtlingshilfe – in Ecuador sammelte sie Praxiserfahrung. Ein Interview mit einer guten Seele die eine feste Überzeugung in die Welt hinausträgt.

Nadine Jaeggi, wie wurden Sie auf das Praktikum aufmerksam?

Ich hatte zuvor im Rahmen eines Freiwilligeneinsatzes bei einer NGO in Südafrika mit Flüchtlingen gearbeitet. Mein Wunsch war schon damals, später noch UNHCR- Luft zu schnuppern. Es ist die wichtigste Organisation für Flüchtlinge und ich war überzeugt, durch ein Praktikum viel im Flüchtlingsschutz und in humanitärer Hilfe dazulernen zu können. Auf die in Ecuador ausgeschriebene Stelle habe ich mich sofort beworben und erhielt die Zusage.

Hatten Sie eine spezielle Motivation, sich bei einem Hilfswerk zu bewerben?

Während meines Studiums in Internationalen Beziehungen habe ich mich besonders für das internationale Völkerrecht und die Menschenrechte interessiert. Daher kam mein Wunsch, im humanitären Bereich tätig zu sein und mich für Leute, die von Konflikten betroffen sind, einzusetzen. Das Praktikum in Ecuador gab mir die Möglichkeit, direkt mit Betroffenen vor Ort zu arbeiten. In Ecuador leben gegen 200000 Asylsuchende und Flüchtlinge, die vor der Gewalt in Kolumbien geflohen sind.

Wo waren Sie stationiert?

Ich war mit drei Mitarbeitern des UNHCR in einem Büro in Santo Domingo de los Colorados, einer kleinen Stadt im Nordwesten des Landes, stationiert.

Was haben Sie gemacht beim UNHCR in Ecuador?

Die Flüchtlinge, die zu uns ins Büro kamen, haben wir registriert und über das Asylverfahren informiert. Die Registrierung ist ein erster wichtiger Schritt, um den Flüchtlingen eine Stimme zu geben. Für die Flüchtlinge ist es wichtig, dass ihnen jemand zuhört. Es gab sehr viel Arbeit für uns. Den Tag hindurch führten wir vor allem Interviews mit den Asylsuchenden und Flüchtlingen, so-dass ich am Abend noch lange im Büro die liegen gebliebenen administrativen Arbeiten erledigen musste. Oft haben wir auch Hausbesuche gemacht. Eines der Ziele der Anhörungen war, besonders schutzbedürftige Personen zu identifizieren, zum Beispiel ältere Menschen, schwangere Frauen oder alleinerziehende Mütter, unbegleitete Minderjährige, aber auch traumatisierte Personen, die Misshandlungen und Folter erlitten haben.

Ist das ein ganzer Menschenstrom?

Nein, diese Menschen kommen einzeln oder in Gruppen zu Fuss oder mit dem Bus. Die Flüchtlinge, welche den offiziellen Weg über die Grenze wählen, werden auch registriert und erhalten eine vorübergehende Aufenthaltsbewilligung. Viele Kolumbianer können sich jedoch das Fahrticket nicht leisten und wandern illegal über die grüne Grenze ein. Sie sind die Verletzlichsten, weil sie keinen Status und keine Papiere haben.

Verletzlich? Was heisst das?

Ohne rechtlichen Aufenthaltsstatus sind sie gefährdet, in die Hände von Menschenhändlern zu fallen oder in die Prostitution gezwungen zu werden. Finden sie als Nichtregistrierte trotzdem Arbeit, so haben sie ein viel höheres Risiko, ausgebeutet zu werden. Oftmals bleiben sie in abgelegenen Gebieten in der Grenzregion, ohne über ihre Rechte Bescheid zu wissen, weil sie fürchten, zurückgeschickt zu werden. Andere haben kein Geld, um zu den Registrierstellen zu fahren. Deswegen hatte das UNHCR mit der ecuadorianischen Regierung vor zwei Jahren ein Pilotprojekt lanciert, ein sogenanntes registro ampliado, in welchem die Flüchtlinge, welche in abgelegenen Regionen wohnten, die Möglichkeit erhalten haben, sich vor Ort registrieren zu lassen. Ecuador hat sich mit der Unterstützung dieses Projektes sehr solidarisch gezeigt und Mitarbeiter in die abgelegenen Dörfer an der kolumbianischen Grenze geschickt. Es wurde nicht mehr jeder Einzelfall geprüft. Das Verfahren konnte dadurch auf einen Tag reduziert werden. Das Pilotprojekt war ein grosser Erfolg, in einem Jahr konnten so 28000 Personen einen legalen Aufenthaltsstatus erlangen.

Wo werden all die Flüchtlinge untergebracht?

Ecuador kennt keine Flüchtlingslager. Das ist ein anderes Konzept, als wir es in der Schweiz kennen. Die ecuadorianischen Behörden und das UNHCR sind um Integration bemüht, damit die Flüchtlinge nicht ausgegrenzt werden. Viele von ihnen wohnen in den Städten. Am Anfang bekommen sie von UNHCR finanzielle und materielle Unterstützung wie Miete und Nahrung. Sie müssen sich so schnell wie möglich integrieren und Arbeit finden im Gastland, um selbstständig zu werden.

Den Flüchtlingen ist es nicht verboten zu arbeiten?

Im Gegenteil, sie müssen arbeiten, um zu überleben. Die Integration in den Arbeitsmarkt ist schwierig in Ecuador, welches selbst mit einer sehr hohen Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. Die Flüchtlinge leben teilweise unter erbärmlichen Zuständen. Acht bis zehn Personen, die sich einen Raum teilen müssen, sind keine Ausnahme.

Was hat Sie dieses Praktikum gelehrt?

Ich konnte wichtige Praxiserfahrung sammeln und habe viel über die speziellen Bedürfnisse und Anliegen von Flüchtlingen erfahren. Gleichzeitig habe ich auch von den Flüchtlingen selbst gelernt. Flüchtlinge sind, obwohl sehr verletzlich, auch unglaublich starke und kämpferische Personen. Wir können uns nicht vorstellen, was es heisst, von einem Tag auf den anderen alles zu verlieren und in einem fremden Land eine Existenz neu aufbauen zu müssen. Der Optimismus und Durchhaltewillen der Flüchtlinge haben mich stark beeindruckt und geprägt.

Was hat Ihnen am besten gefallen am Praktikum?

Es war schön, dass ich so intensiv am Schicksal der Menschen Anteil nehmen konnte und ich glaube, dass ich dazu beigetragen habe, den Flüchtlingen den Neuanfang zu erleichtern. Für viele Flüchtlinge ist es wichtig zu wissen, dass jemand für sie da ist. Schwierig war es manchmal, die emotionale Distanz zu wahren und am Abend nach der Arbeit abzuschalten. Es gibt Geschichten, die einen auch später weiterbeschäftigen.

Was haben Sie am 16. Juni, dem nationalen Flüchtlingstag, gemacht?

Wir wollten die Bevölkerung auf die spezielle Situation der Flüchtlinge aufmerksam machen. An unserem Stand in Bern versuchten wir mit Passanten ins Gespräch zu kommen, um die Leute auf vergessene Konflikte und die Schicksale der Flüchtlinge zu sensibilisieren, um Vorurteile abzubauen und um Verständnis und Solidarität zu fördern. Am wichtigsten ist uns, damit eine Debatte zu lancieren.

Was ist Ihr persönliches Ziel?

Das Praktikum hat mich bestärkt in der Überzeugung, mich weiterhin für Flüchtlinge einzusetzen und zu helfen, Vorurteile abzubauen. Am liebsten möchte ich das auch in Zukunft direkt vor Ort tun.

Gibt es etwas, das Sie weitergeben möchten?

Jeder von uns kann zur Integration von Flüchtlingen beitragen. Man soll diesen Menschen offen und ohne Vorurteile entgegentreten. Flüchtlinge reisen nicht – wie wir – weil sie es wollen, sondern weil ihnen keine andere Wahl bleibt.

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