Stollenprojekt Wynau
Nach Japan: Umstrittenes Kraftwerk Wynau wird neu lanciert

Nach der atomaren Katastrophe in Japan steht erneuerbare Energie in der Bevölkerung hoch im Kurs. Diesen Trend möchte die BKW-Tochter Onyx nutzen, um den seit Jahren blockierten Ausbau des Kraftwerks Wynau mit einem Stollen neu zu lancieren.

Erwin von Arb (Text und Bild)
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Die Onyx Mittelland AG könnte ihre Leistung mit dem Bau eines unterirdischen Stollens fast verdoppeln.

Die Onyx Mittelland AG könnte ihre Leistung mit dem Bau eines unterirdischen Stollens fast verdoppeln.

Solothurner Zeitung

Seit den täglich neuen Hiobsbotschaften aus Japan ist in der Schweizer Energiepolitik nichts mehr so, wie es einmal war. Vermehrt werden Forderungen nach dem Ausbau erneuerbarer Energien laut, insbesondere der Wasserkraft. Diese Art der Energiegewinnung ist in der Schweiz aber schon fast ausgeschöpft, wie Bundesrätin Doris Leuthard jüngst erwähnte.

Noch über Potenzial verfügen würde die BKW-Tochter Onyx, welche am Aarelauf in Wynau seit bald drei Jahrzehnten einen zusätzlichen Stollen realisieren möchte. Das neuste Projekt sieht quer über das Wynauer Feld den Bau eines unterirdischen rund 3 Kilometer langen Stollens mit etwa 11 Meter Durchmesser vor.

Mit diesem Stollen kann gemäss Projektbeschrieb der Onyx das mittlere Gefälle um 3,5 Meter er-höht und damit die Stromproduktion des Werkes Wynau von heute 51 Gigawattstunden beinahe verdoppelt werden. Allerdings mit Folgen für die Flusslandschaft unterhalb des Kraftwerks, welche nach Inbetriebnahme des Stollens über markant weniger Wasser verfügen würde.

Bis zum Bundesgericht und zurück

Die Gefährdung dieses letzten unberührten Abschnitts der Aare, dem seit 1996 unter Schutz stehenden Aare-Knie Wolfwil-Wynau, wurde denn auch von den Umweltverbänden mit Erfolg angeprangert und das Projekt mit Einsprachen gestoppt. Inzwischen hat das Stollenprojekt bereits zweimal sämtliche Instanzen bis zum Bundesgericht und zurück durchlaufen.

Allen Misserfolgen zum Trotz hat die Onyx AG ihr Tunnelprojekt noch nicht abgeschrieben, wie Marketingleiter Tom Dietschi auf Anfrage bestätigt. «Wir haben das Dossier wieder aktiviert und sind daran, das Projekt den aktuellen Begebenheiten anzupassen.» Welcher Art die Aktualisierungen sind, wollte er nicht näher erläutern. Es gehe auch darum, den Kostenrahmen neu zu definieren, meinte Dietschi ausweichend, ohne konkrete Zahlen zu nennen.

Nicht in Abrede stellte der Onyx-Vertreter, dass die Nutzung der Wasserkraft nach dem Atomunfall in Japan auch für die Onyx wieder stärker im Fokus stehe. Nicht zuletzt deshalb räume er dem Stollenprojekt gute Chancen ein. Dietschi geht davon aus, dass die Bearbeitung des Projekts noch einige Wochen in Anspruch nehmen werde. Ob die Umweltverbände den geplanten Bau des Stollens trotz der bekannten Nachteile nicht weiter bekämpfen werden, wollte Dietschi nicht kommentieren. «Wir stehen mit den Verbänden in Kontakt», so der Mediensprecher.

Dieser Kontakt dürfte allerdings nicht sehr ausgeprägt sein, wie Jan Ryser, Geschäftsführer von Pro Natura Bern, auf Anfrage ausführt. «Ich glaube, dass auf präsidialer Ebene ein Kontakt stattgefunden hat. Die Aktivierung des Stollenprojekts haben wir aber aus den Medien erfahren.» Für Ryser scheint klar, dass die Onyx die derzeitige Situation ausnutzen will, um ihr Projekt endlich durchzubringen.

Falls die BKW-Tochter ein wirklich überarbeitetes Projekt vorlege, werde Pro Natura dieses natürlich zuerst eingehend studieren. «Ich glaube aber nicht, dass wir unsere Meinung grundlegend ändern werden, auch nicht nach der Atomkatastrophe in Japan.» Trotz dieses gravierenden Atomunfalls müsse in der Schweiz weiterhin eine kohärente Energiepolitik betrieben werden, betont Ryser. «Im Angesicht des atomaren GAUs dürfen keine kopflosen Entscheide gefällt werden.»

Für Ryser gibt es auch noch andere, höher zu gewichtende Gründe, die gegen das Onyx-Projekt sprechen. Der Pro-Natura-Vertreter meint damit insbesondere die Erhaltung des letzten naturbelassenen Abschnitts der Aare im Kanton Bern unterhalb der Stadt Bern. «Dieses einzigartige Gebiet für die Stromproduktion zu opfern, finde ich aus heutiger Sicht nicht gerechtfertigt.» Pro Natura Bern vertritt übrigens auch die Interessen der Solothurner Sektion. Diese werde nicht aktiv, weil es im Grundsatz um eine Berner Entscheidung gehe, so Ryser.

Baugesuch seit längerem hängig

Ob das Stollenprojekt dereinst bewilligt wird, entscheidet auch die Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion des Kantons Bern (BVE). Das Baugesuch ist dort seit längerer Zeit hängig, wie Heidi Wiestner vom Rechtsamt der BVE auf Anfrage bestätigt. Wiestner verweist ferner auf die vom BVE am 22. April 1997 erteilte Plangenehmigung für das Stollenprojekt.

«Gegen diese Plangenehmigung wurde vor Bundesgericht erfolgreich Beschwerde geführt. Deshalb wurde sie zur Überarbeitung an die BVE zurückgewiesen. Dieses Verfahren ist bei uns hängig», so Wiestner weiter.

Hinzu komme, dass das Stollenprojekt der einstigen Elektrizitätswerke Wynau AG (EWW) in einem Objekt des Bundesinventars für Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (BLN) liege. Die Eidgenössische Natur- und Heimatschutzkommission (ENHK) habe das Stollenprojekt in einem Gutachten negativ beurteilt.

Dieses Gutachten habe die EWW dazu bewogen, weitere Abklärungen vorzunehmen. «Und diese laufen noch», meint Wiestner mit dem Verweis, dass die BVE derzeit auf die Mitteilung der Onyx warte, ob das Gesuch noch von Interesse sei. «Offenbar plant die Gesuchstellerin, ihr Projekt zu ändern und neu einzureichen. Bei uns ist aber bislang noch kein neues Gesuch eingegangen», so Wiestner.