Raserprozess
Mitfahrer halten dick zusammen

Voll krass: So lassen sich die Widersprüche zusammenfassen, die sich gestern im Oltner Raserprozess zwischen den Zeugen vor dem Amtsgericht auftaten.

Christian von Arx
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Mitfahrer halten dick zusammen

Mitfahrer halten dick zusammen

Solothurner Zeitung

Neben dem Polizisten, der etwa acht Minuten nach dem Notruf als erster Offizieller am Unfallort eintraf, waren zehn eigentliche «Kronzeugen» aufgeboten: vier Unbeteiligte, die in Autos zwischen Schönenwerd und Aarau unterwegs waren und dabei den drei Raserautos begegneten oder von diesen überholt wurden; und sechs heute 19- bis 21-jährige Kollegen der Angeklagten, die neben oder hinter diesen sitzend in den Raserautos mitfuhren.

Sie alle mussten doch die Wahrheit kennen und den Fall aufklären können – sollte man meinen. Stattdessen geriet das Gericht immer tiefer in den Nebel sich widersprechender Berichte – die Schilderungen der unbeteiligten Autofahrer gingen weit auseinander. Die Aussagen der sechs Raser-Mitfahrer hingegen waren nach einem Einheitsmuster gestrickt: Einzig darauf angelegt, die angeklagten Kollegen zu entlasten. Für die auf den Zuschauerbänken anwesende Mutter der getöteten Lorena Wittwer wurde dieses Theater irgendwann unerträglich: Sie flüchtete aus dem Saal und befreite sich draussen mit einem Schrei vom Gefühl, von einem Berg aus Lügen erdrückt zu werden.

Schrecksekunden im Schachen

Die unbeteiligten Autofahrer gaben folgende Auskünfte: Eine 48-jährige Frau aus Gretzenbach fuhr in der Unfallnacht morgens gegen 1.20 Uhr nach Aarau. Im Aarauer Schachen erschrak sie in der Linkskurve Schachenstrasse/Allmendweg «mega», wie sie dem Gericht sagte, wegen eines ihr sehr schnell entgegenkommenden Autos – es war der Audi A4 von Agrapios*. Doch der grössere Schreck wartete nach der Kurve: Auf dem Allmendweg kamen ihr zwei parallel fahrende Autos entgegen. Das helle Auto bog kurz vor ihr wieder ein – es war der Fiat Punto von Bojan*, der soeben den schwarzen Golf von Cengiz* überholt hatte. Als diese Autofahrerin zehn Minuten später nach Gretzenbach fuhr, passierte sie in Schönenwerd die Unfallstelle: Minuten zuvor war dort Lorena Wittwer zu Tode gerast worden.

Zwei andere Autos waren auf der Aarauerstrasse Richtung Schönenwerd unterwegs. Im hinteren Auto, das westlich der Wöschnau von drei Raserautos überholt wurde, sassen zwei Männer. Der 43-jährige Fahrer schätzte die eigene Geschwindigkeit auf knapp 80 km/h, diejenige der Überholenden auf 120 km/h. Der Abstand der beiden vorderen Raser habe nur drei Autolängen betragen.

Die beiden sprachen im Auto über diesen Tempoexzess und konnten beobachten, wie die Raser auf der linken Spur blieben und nach dem Wäldchen auch den 100 bis 150 Meter weiter vorn fahrenden Mazda überholten. In diesem sass ein heute 37-jähriger Däniker. Er schätzte die Geschwindigkeit der Raser auf 110 bis 120 km/h und den Abstand des zweiten zum ersten auf 10 Meter. Der Däniker sah dann das Unfallgeschehen bei der Abzweigung Stiftshaldenstrasse vor sich ablaufen. Er sah den roten VW Golf aus der Gegenrichtung kommen, einspuren und blinken. «Ich dachte noch, bieg nur nicht ab. Prompt bog er ab. Ich sah es sogar splittern.» Noch im Auto rief der Mann den Notruf 117 an. Er und die beiden Männer im nachfolgenden Auto waren die Ersten auf dem Unfallplatz, postierten Pannendreiecke, regelten den Verkehr und kümmerten sich um das verletzte Ehepaar im roten Golf. Lorena Wittwer war tot. Bezüglich der Reihenfolge der Raserautos waren sich die Überholten nicht einig. Der Däniker wollte stets das gelbe Auto – den Fiat von Bojan – an der Spitze gesehen haben. Die Sicht nahe der Unfallstelle bezeichneten die unbeteiligten Fahrer als gut, es habe kaum Nebel gehabt. Hingegen sprach der Minuten später aus Westen angerückte Polizist von dickem Nebel in Niedergösgen und Schönenwerd.

«Nur ein Auto überholt»

Nach diesen Schilderungen war es unerklärlich, dass die sechs Bei- und Mitfahrer in den drei Raserautos zwischen Wöschnau und Schönenwerd übereinstimmend nur das Überholen eines einzigen andern Autos gesehen haben wollten; einer gab an, im Auto geschlafen und nichts mitbekommen zu haben. Bei den Mitfahrern handelt es sich um drei Italiener, zwei Türken und einen Kosovaren. Sie gehören offenbar zu einer lockeren Clique gleichaltriger Ausländer, die hier aufgewachsen sind und sich in der Freizeit mit den Autos für den Ausgang treffen. «Es war kein Rennen, es war einfach ein schnelles Fahren», erklärte einer von ihnen. Wie schnell, dazu vermieden sie griffige Angaben, auch die Abstände seien nicht gefährlich klein gewesen. Mehrmals war von diesen Zeugen zu hören, der rote VW Golf habe nicht richtig eingespurt und nicht geblinkt. Nebel hatte keiner gesehen.

Den Fragen des Staatsanwalts war zu entnehmen, dass einzelne der Mitfahrer kurz nach dem Unfall noch andere, belastendere Aussagen zu Protokoll gegeben hatten; diese wurden nun abgeschwächt und entkräftet. Das Meisterstück bot ein 21-jähriger Italiener, der damals von einem «Rennen» berichtet hatte. Gestern sagte er: «Ich habe eine falsche Aussage gemacht. Damals konnte ich ja mit keinem der anderen reden. Ich habe eingesehen, dass es kein Rennen war und bin gekommen, um das zu berichtigen.» Selbst auf den Mienen der Verteidiger war ein Grinsen zu erkennen, als dieser Zeuge kurz darauf bei der Frage nach dem Nebel zurückfragte: «Sie meinen, nach dem Rennen?»

Gerichtspräsident Pierino Orfei hielt fest, dass die Mitfahrer ja nun fast zwei Jahre Zeit hatten, miteinander zu sprechen. Ein Zuschauer, der den Saal einmal kurz verliess, berichtete gegenüber dieser Zeitung, dass zwischen den nach ihren Aussagen auf den Zuschauerbänken Platz nehmenden und den draussen noch wartenden Zeugen fleissig SMS durch die Tür des Gerichtssaals gesendet wurden ...

Namen der Angeklagten geändert