Es war im Frühling 1996, Franziska Eggenberger hatte es eilig. Unbedingt wollte sie an jenem Abend in Burgdorf noch den Zug nach Bern erwischen, wo sie damals wohnte. Sie rannte über die Rampe zum Bahnsteig - und sprang auf den anfahrenden Zug auf. «Ich konnte mich nicht auf dem Trittbrett halten und geriet unter den Zug, danach verlor ich das Bewusstsein.» Sie war damals 34 Jahre alt. Ein kurzer Moment der Unvorsichtigkeit, der ihr Leben völlig verändern sollte. Die heute 49-Jährige erlitt zwar keine lebensgefährlichen Verletzungen, ihr rechter Arm aber wurde knapp unterhalb der Schulter abgetrennt. Die Ärzte versuchten, ihren Arm zu retten, nähten diesen wieder an. Es kam, über mehrere Jahre verteilt, zu insgesamt 14 Operationen. Ihr Arm blieb ihr zwar erhalten, ist seither aber gelähmt.

Zu schaffen machen ihr heute, 15 Jahren später, neben der Behinderung vor allem starke Schmerzen, sogenannte Phantomschmerzen, wie sie als Folge von Amputationen immer wieder vorkommen. «Die rechte Hand fühlt es sich an, wie in Skischuhen kalt gewordene Füsse, die langsam wieder auftauen,» versucht Franziska Eggenberger das Gefühl zu beschreiben. «Es sticht und nagelt». Der ganze rechte Arm erscheint zudem in einen Schraubstock eingespannt. Wenn die Schmerzen bei bestimmten Wetterlagen besonders schlimm werden, nimmt sie Medikamente. Vor allem aber hat sie gelernt, ihre Schmerzen «wegzudenken». «Sie werden schwächer, je mehr ich durch Aktivitäten abgelenkt bin» - weiss sie heute. «Ich hätte früher nie geglaubt, dass das funktioniert.»

Zurück im Leben

Nach vielen schwierigen Jahren habe sich ihre Situation heute ganz generell zum Guten gewendet, erzählt sie. Seit dreieinhalb Jahren arbeitet die gelernte Pflegefachfrau drei bis viermal pro Woche beim Besuchsdienst der Solodaris Stiftung. Sie geht mit Betagten sowie körperlich oder psychisch behinderten Männern und Frauen spazieren, klopft mal einen Jass oder ist ihnen einfach eine gute Gesprächspartnerin. «Ich habe damit eine Aufgabe gefunden, die mir liegt und meinen Möglichkeiten entspricht.» Für ihre Einsätze erhält sie jeweils ein kleines Taschengeld, ihren Lebensunterhalt bestreitet sie mit einer Teilrente der IV sowie Geldern der Unfallversicherung und der Pensionskasse.

In Langendorf, wo sie seit fünf Jahren wohnt, hat sie sich zudem ein neues soziales Umfeld aufgebaut. Nicht ganz unschuldig daran ist ihre verspielte Hündin, die dreijährige Luna. «Ich bin dadurch gezwungen, regelmässig aus dem Haus zu gehen.» Die ausgedehnten Spaziergänge in die Wälder der Region verschaffen ihr Bewegung und führen immer wieder zu neuen Bekanntschaften. Luna ist für die alleinstehende Frau zudem eine gute Kameradin. «Wir gehen zusammen durchs Leben», sagt sie über die Beziehung zu ihrem Vierbeiner.

Seit einiger Zeit gehört neben der gelegentlichen Betreuung eines weiteren Hundes auch das politische Engagement zu ihrem Leben. Sie sitzt in der örtlichen Umweltschutzkommission und ist Ersatz-Gemeinderätin der SP. «Ich war schon immer politisch interessiert, die Sorge zur Natur ist mir ein wichtiges Anliegen.» In ihrem Alltag achtet sie auf eine gesunde Ernährung, kocht regelmässig für sich und ihre Freunde. Ab und zu nimmt die einstige Nati-A-Spielerin sogar den Tischtennisschläger wieder in die Hand, wenn auch jetzt in die linke. «Es fällt mir allerdings immer noch schwer zu akzeptieren, dass ich heute nur noch zum Plausch spielen kann.»

Ein langer Weg

Das neu gewonnene Leben stellte sich nicht einfach von selbst ein. Sie musste sich dieses vielmehr hart erarbeiten. «Nach dem Unfall war ich von heute auf morgen weg vom Fenster.» Vom gewohnten Alltag, von ihrer Arbeit am Inselspital Bern, wo sie sich um Patienten mit einem Schädel-Hirn-Trauma kümmerte. Auch ihre Freunde verliefen sich nach und nach. «In meinem Kopf hat sich nur noch alles gedreht, ich war überzeugt, dass alles vorbei ist und glaubte nichts mehr wert zu sein.» Aufgrund ihrer Wunden am Arm traute sie sich lange kaum aus dem Haus, aus Angst davor, dass sie jemand berühren könnte. «Ich war total isoliert, meine einzigen Bezugspersonen war das Personal der Spitex, der Physio- und der Ergotherapie.» Besonders zu schaffen machte ihr, dass sie bei vielen täglichen Verrichtungen auf Hilfe angewiesen war. Erschwerend kam hinzu, dass sie aufgrund der zahlreichen Operationen immer wieder Rückschläge erlitt. Und dann waren da immer noch diese zermürbenden Schmerzen.

Beim Kochen so schnell wie zuvor

Unterstützt durch die Physiotherapie, entdeckte die sportliche Frau nach und nach, dass sie trotz allem in der Lage war, ihren Alltag selbstständig zu meistern - und gewann so ihren Lebensmut zurück. «Sehr gefreut habe ich mich darüber, als ich merkte, dass ich schwimmen kann.» Eine grosse Herausforderung war die Umstellung war von rechts auf links. «Am Anfang wollte ich zum Beispiel Schraubverschlüsse immer verkehrt herum aufdrehen.» Heute schafft sie alles problemlos mit links. Eine Zeit lang überforderte sie den linken Arm, was eine Sehnenscheidenentzündung auslöste. Bei grösseren Hausarbeiten erhält sie alle zwei Wochen während eines Vormittags Unterstützung durch den Entlastungsdienst. Bei den meisten Verrichtungen braucht sie keine Hilfe mehr. Besonders stolz ist sie darauf, dass bei ihrem «grossen Hobby», dem Kochen, beinahe wieder so schnell ist wie früher. - Vor allem aber: «Ich sehe heute das Positive an meiner Situation, ich habe mehr Zeit als viele andere und setze diese gerne für andere ein.»