Gencaching
Mit GPS auf der Suche nach versteckten Schätzen

Eine neue Freizeitbeschäftigung, die nur mittels moderner Kommunikationstechniken möglich ist, lockt immer mehr Leute in die Natur: Geocaching, die Schatzsuche per GPS.

Christoph Neuenschwander
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Aufgespürt! Geocacher Robert hat den gesuchten Cache, eine Tupperware-Box mit verschiedenen kleineren Gegenständen, gefunden. cnd

Aufgespürt! Geocacher Robert hat den gesuchten Cache, eine Tupperware-Box mit verschiedenen kleineren Gegenständen, gefunden. cnd

Solothurner Zeitung

Wer Abenteuer sucht, der findet Abenteuer. Meist näher als man denkt. Oft schon direkt vor der eigenen Haustür liegt ein Schatz im Verborgenen, der entdeckt werden will. Wem diese Behauptung rätselhaft erscheint, der ist wohl ein «Muggle», doch keine Bange: Der nun folgende Artikel soll Aufschluss geben (wenn auch nicht eines jeden Rätsels Lösung lüften). Kehren wir noch einmal zurück vor die Haustür. Dort mag man vielleicht nicht gerade die Kulisse von «Fluch der Karibik» antreffen, aber das ist auch nicht nötig. Und manchmal erinnert die Szenerie ja dann vielleicht doch etwas an Hollywood-Romantik. So wie an jenem heissen Freitagnachmittag in Zuchwil.

Die Sonne brennt. Ganz in der Nähe befindet sich ein grösseres Gewässer. Und irgendwo, ja irgendwo ist da dieser Schatz. Kostbar, nicht unbedingt seines Inhalts wegen, sondern um der spannenden Suche willen. Man muss kein Pirat sein, um ihn zu heben, auch kein Indiana Jones, obwohl eine ähnliche Vorliebe für Rätsel und Verstecke sicher von Vorteil ist. Denn dieser ist ein Schatz für Geocacher (siehe Kasten). Entdeckt nicht mithilfe von Kompass und Schatzkarte, sondern mit Internet und (in den allermeisten Fällen) GPS. Entdeckt von einer Familie aus der Umgebung, die – wie viele Geocacher – lieber anonym bleibt. Denn einen Schatz zu suchen, ohne erkannt zu werden, ohne dass andere Menschen von der Existenz der verborgenen Truhe wissen, macht eben gerade den Reiz des Geocachings aus.

«Nie auf den Meter genau»

Vater Robert S.* wirft einen Blick auf das GPS, auf dem er zuvor die Koordinaten des zu suchenden Caches gespeichert hat. Die Schätze, die heute auf dem Programm stehen, hat die Familie zu Hause am Computer ausgewählt, auf einer Homepage, die von Geocachern auf der ganzen Welt genutzt wird. Ein Blick auf die elektronische Landkarte vermag unwissende Bürger in Staunen zu versetzen: Es ist bemerkenswert, wie viele Caches alleine in einem Umkreis von etwa 10 km rund um Solothurn versteckt sind.

Bis zum nächsten Versteck sind es nur noch wenige Meter. «Das GPS ist allerdings nie auf den Meter genau», erklärt Robert. Ein bisschen das Gelände absuchen, Steine umdrehen und durchs Dickicht pirschen gehört dazu. Auf einmal kommen Spaziergänger des Weges: Uneingeweihte, «Muggles», wie sie frei nach «Harry Potter» genannt werden. Familie S. verhält sich unauffällig und wartet, bis die Luft wieder rein ist. Dann wird weitergesucht. Lange dauert die Suche freilich nicht. Nach drei Jahren und über 300 gefundenen Caches haben die Schatzjäger ein gutes Auge für potenzielle Verstecke entwickelt und finden Kleinode an Stellen, an denen andere nichts ahnend vorbeigehen.

Suchen und Tauschen

Der Cache, eine wasserdichte Tupperware-Box, wird schliesslich geborgen, der Inhalt geprüft, ein Gegenstand herausgenommen, ein anderer wieder hineingetan, das Logbuch mit dem Pseudonym unterzeichnet und dann das Ganze wieder versteckt. Später wird der Fund im Internet publiziert. Beim Geocaching geht es ums Suchen und ums Tauschen, aber auch um vieles mehr. Häufig ist ein Cache mit einem Rätsel verbunden, das erst gelöst werden muss, um die Koordinaten herauszufinden. Und es gibt Multi-Caches, bei denen man nur über verschiedenen Stationen zum End-Cache gelangt. Besonders beliebt sind auch «Travel Bugs» (Marken, die an einem Gegenstand angebracht sind) oder «Coins» (Münzen), die anstelle von herkömmlichen Tauschobjekten in einen Cache gelegt werden. Diese sind mit einer Nummer versehen, die – im Internet nachgeschlagen – über die Mission eines Bugs oder Coins Aufschluss gibt. Manche haben etwa die Aufgabe, an einen bestimmten Ort zu gelangen.

Familie S. hat selbst einen «Suncatcher»-Coin auf Wanderschaft geschickt, der möglichst viel Sonne tanken soll. Jeder Geocacher, der den Coin findet, hat so die Pflicht, die Münze in einem anderen Cache (an einem möglichst warmen und sonnigen Ort) wieder zu verstecken. Dank Internet ist die Familie ständig über den Aufenthaltsort ihres «Suncatchers» auf dem Laufenden. «Er war schon in Deutschland, Spanien, Portugal und Dänemark», wissen sie.

Reihe von Fragen beantworten

Ein Objekt kann aber auch mit anderen Aufgaben behaftet sein. Einmal fand die Abenteurerfamilie einen «Houdini», der mit 200 Gummibändern umwickelt war. Jeder Cacher hatte die Aufgabe, jeweils einen Gummi zu entfernen – bis Houdini schliesslich wieder frei war.

Robert und seine Frau haben schon selbst Caches versteckt. Einen anlässlich des «Kulturundum» in Attiswil. Dort führt nun ein Multi-Cache die Schatzsucher an allen ausgestellten Kunstwerken vorbei. Um den End-Cache zu finden, muss man erst eine Reihe von Fragen zu einigen der Werke beantworten. Daraus ergeben sich die Koordinaten des Verstecks.

Einen Cache zu platzieren, ist aber nicht so einfach, wie es klingen mag. Es gilt, gewisse Dinge zu beachten. So darf etwa die Anwesenheit eines Caches (und die der Geocacher, die jener unweigerlich anzieht) keine Belastung für Flora und Fauna darstellen. Öffentlich zugänglich, aber trotzdem unverdächtig soll ein Cache zudem sein. Letzteres, in zweierlei Hinsicht: Er sollte nicht so auffällig versteckt sein, dass ihn Muggles finden; er sollte aber auch den Geocacher selbst nicht auffällig erscheinen lassen. Verstecke an Bahnhöfen und Flughäfen sind eher ungünstig – Schatzsucher, die an solchen Orten lange und intensiv bestimmte Stellen absuchten, haben gar schon polizeiliche Grosseinsätze ausgelöst, weil man sie für Attentäter hielt.

Aufregende Freizeitbeschäftigung

Wenn man aber regelkonform Schätze versteckt und sucht, dann ist Geocaching eine aufregende Freizeitbeschäftigung für Jung und Alt. Eine, der man auf der ganzen Welt und somit auch in den Ferien nachgehen kann. «Wenn wir irgendwo hinfahren, dann schauen wir meistens erst im Netz, ob es dort oder auf dem Weg dorthin Caches gibt», gesteht die Familie. So könne die eigentlich 40-minütige Fahrt zum Onkel auch schon einmal zweieinhalb Stunden dauern.

Mit Städtereisen lässt sich das Geocaching ebenfalls gut verbinden. In den meisten Städten gebe es Multi-Caches, die den Schatzsucher zu diversen Sehenswürdigkeiten führt, erklärt Mutter S. «Das ist eine tolle Art, einen fremden Ort kennen zu lernen.» Doch fremde Orte müssen nicht immer weit weg sein. Wie gesagt, beginnt die Suche nach dem nächsten Schatz oft vor der eigenen Haustür. Und endet an einer Stelle, so nah sie auch sein mag, die man ohne den Cache vielleicht nie gesehen hätte.

*Name von der Redaktion geändert.